ZenWeg

Archiv März, 2010

REISE EINES ZEN-MEISTERS

An einem kalten Wintertag wanderte ein Zen-Meister einen Bergpfad entlang. Kein Mensch war ihm an diesem Tag begegnet, kein Fuchs, kein Hase hatte seinen Weg gekreuzt; alles Leben schien sich zur Ruhe gelegt zu haben. Nur das gleichmäßig wiederkehrende Knirschen des Schnees unter seinem stetigen Tritt unterbrach die Stille, die über der Landschaft lag. Plötzlich aber vernahm er außer der Monotonie seiner Schritte ein weiteres Geräusch. Es war unverkennbar der Klang einer menschlichen Stimme. Er hielt inne und lauschte. Deutlich hörte er nun eine Frau schluchzen. Suchend ließ er seinen Blick über die Umgebung schweifen und erblickte seitlich vom Weg eine Ansammlung von Grabhügeln. Dort schien das Schluchzen herzukommen.

Langsam näher herangehend, sah er eine Frau zwischen den Gräbern hocken. Den Oberkörper hin und herwiegend, hielt sie ein lebloses Kind in ihren Armen und weinte bitterlich. Trotz der eisigen Kälte trug sie dünne Sommerkleider, und das Kind war lediglich in ein altes Tuch gewickelt. Neben der Frau war die dünne Schneeschicht vom Boden weggekratzt worden. Wie ihre blutigen Finger verrieten, musste sie vergeblich versucht haben, mit bloßen Händen ein Loch in die gefrorene Erde zu graben.

Ohne den Meister zu bemerken, begann die Frau laut zu klagen, wobei ihr mit heftigem Schluchzen immer wieder die Stimme versagte: »0 mein Sohn, mein Sohn! Nach dem Tod deines Vaters lebte ich nur noch für dich. Jetzt bist du auch tot. Seit neun Generationen immer nur ein einziger Sohn! Mit dir ist unsere ganze Familie gestorben. Wie soll ich weiterleben’? Lass uns zusammen gehen, zusammen zu deinem Vater gehen!«

Ergriffen von diesem Bild tiefen Leids wandte der Meister seine Aufmerksamkeit dem Kind zu. Eingehend betrachtete er es mit seinem inneren Auge, bis er sich ganz sicher war: Dieses Kind war gestorben, lange bevor die ihm bemessene Lebensspanne abgelaufen war. Vorsichtig trat er nun hinzu und machte sich der Frau bemerkbar. Mit einer leichten Berührung vergewisserte er sich, dass der Körper des Kindes noch nicht erkaltet war.

Dann sagte er zu der Frau: »Wenn wir die Seele deines Kindes schnell finden und zurückholen, dann könnte es leben. Ich werde mich sofort auf die Suche machen. Während ich weg bin, musst du dein Kind warmhalten und die Kerze deines „Herzens” entzünden. Erlischt die Kerze deines „Herzens”, bevor ich zurück bin, werden dein Sohn und ich nicht mehr zurückkehren können.« Da keine Zeit zu verlieren war, ließ sich der Meister auf der Stelle in den Lotussitz nieder und versetzte sich augenblicklich in tiefe Versenkung. Während sein Körper neben der Frau sitzen blieb, machte sich seine Seele auf ins Jenseits.

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WUNSCHLOS GLÜCKLICH WERDEN

Aus psychologischer Sicht sind Wünsche ein Bestandteil des menschlichen Lebens, und wir müssen angemessene Mittel lernen, um sie zu befriedigen. Tatsächlich entstehen viele psychische Störungen aus der Unterdrückung und Zurückweisung von Wünschen, aus unannehmbaren Wünschen, die einen Menschen quälen, oder aus der Unfähigkeit, tiefe, anhaltende Sehnsüchte zu befriedigen. In der Therapie lernt der Patient seine unbewussten und bewussten Bedürfnisse zu erkennen, sie zu akzeptieren, konstruktiv zu kanalisieren und eine Erfüllung zu erlangen, die gesund und positiv ist.

Das alles kann nützlich und oft konstruktiv sein. Wünsche sind mächtige Kräfte, die man erkennen und mit denen man ehrlich umgehen muss. Eine Praxis, die Wünsche unterdrückt, ihre Existenz leugnet oder behauptet, das Individuum sei über menschliche Sehnsüchte erhaben, gründet auf einem trügerischen Fundament. Früher oder später kommen diese unbewussten, unterdrückten Energien zum Vorschein und richten oft großen Schaden an. Es ist von entscheidender Bedeutung, die Existenz von Wünschen zu erkennen und sie zu Bewusstsein zu bringen, aber von da an gehen Psychologie und Zen getrennte Wege.

Aus der Sicht des Zen entsteht wahre Erfüllung niemals aus der Befriedigung von Wünschen. Vielleicht ist eine vorübergehende Entlastung die Folge, aber nicht der tiefe Frieden und die tiefe Erfüllung, die wir suchen. Sobald ein Wunsch befriedigt ist, folgt der nächste. Die Befriedigung ist flüchtig und macht den Menschen oft noch hungriger, als er vorher war. Von Wunsch zu Wunsch zu leben, erzeugt eine Art von Sucht. Wir werden Sklaven unserer Wünsche. Je mehr wir sie befriedigen, desto mehr wollen wir haben.

Der Zustand der Wunschlosigkeit, der in der buddhistischen Literatur beschrieben wird, ist oft missverstanden worden. Er bedeutet nicht, gefühllos zu werden oder die Verbindung zu den Dingen zu verlieren. Ganz im Gegenteil. Er bedeutet, imstande zu sein, natürliche und einfache Bedürfnisse, die entstehen, zu erkennen und zu befriedigen, ohne ihnen anzuhaften und mehr haben zu wollen. Er trennt Bedürfnis und Wunsch voneinander. Wir brauchen ein bestimmtes Maß an Nahrung, Sonne, Wasser, Freundschaft. Aber viele Wünsche haben gar nichts mit unseren wirklichen Bedürfnissen zu tun. Sie trennen uns sogar von ihnen und erzeugen Begierden, die unwirklich sind.

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