ZenWeg

Archiv Februar, 2010

DIE ANDERE WIRKLICHKEIT

“Wir haben eine wunderbare Zen-Tradition, unsere Mahlzeiten gemeinsam in meditativer Stille zu uns zu nehmen. Spezielle Schalen werden dafür benutzt, und die größte heißt Oryoki, was auf Japanisch bedeutet: “enthält genau die richtige Menge”. Im tieferen Sinne ist unser Leben wie diese Zen-Schale und die Nahrung ist all das, was sich ereignet, selbst Dinge, die uns nicht bewusst sind. Wir sehen wirklich nur die Spitze des Eisbergs und doch enthält dieses Leben immer genau die richtige Menge.

Wenn wir unser Leben auf diese Weise betrachten, kann nichts von dem, was passiert, als zufällig bezeichnet werden. Jeder und jede von uns hat einen eigenen Pfad der Entwicklung, und manchmal sieht es aus, als würden wir alle in verschiedene Richtungen gehen. Einige Leute sagen, sie seien auf der Suche nach Frieden oder Geistesfrieden, andere sagen, sie suchten Freiheit oder Befreiung. Einige von uns wollen sich wahrhaft unabhängig, bestätigt oder ermächtigt fühlen. Obwohl wir verschiedene Dinge sagen, suchen oder bemühen wir uns in Wirklichkeit um das Gleiche: Wir wollen frei sein vom Leiden.

Als der Buddha über den Pfad der spirituellen Entwicklung sprach und darüber, wie man bleibenden Frieden finden könne, ermahnte er seine Schülerinnen und Schüler, sich auf die Wurzel des Problems zu konzentrieren und sich nicht von den Blättern und Ästen ablenken zu lassen. Andererseits sagt uns die westliche Kultur, dass wir uns für viele verschiedene Dinge interessieren sollten, und so vergingen Jahrhunderte, in denen wir uns mit allen möglichen Ablenkungen beschäftigt haben.

Tatsächlich ist die Wurzel des Problems nicht leicht zu erkennen. Sie ist einfach zu offensichtlich. Das heißt nicht, dass wir im Westen besonders dumm oder blind wären; selbst Shakyamuni Buddha fand es schwer, die Ursache des Leidens zu erkennen. Der Buddha verbrachte Jahre der Übung und ging durch viele Prüfungen, bevor er seine Entdeckung machte: Die grundlegende Ursache für unser Leiden ist Unwissenheit, Ignoranz - wir betrachten uns selbst als abgetrennt und unvollständig. Dies ist Verblendung, und sie führt zu Verlangen - Wollen, Begehren und Anhaftung. Das Wollen selbst ist die Ursache unseres Leidens.

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OM - DER KLANG DES UNIVERSUMS

Am Anfang war der Klang. In den östlichen Weisheitslehren gilt das OM als erste kosmische Schwingung, aus der sich in unterschiedlichen Verdichtungsprozessen das gesamte Universum entfaltet habe. Dieser Klang schwinge seitdem im Kosmos und offenbare die Gegenwart des Absoluten. Die Silbe OM ist Gegenstand unzähliger philosophischer Spekulationen der verschiedenen Glaubensströmungen im gesamten Osten und spielt auch im Buddhismus eine große Rolle. Selbst das christliche Mantra Amen hat sich nicht nur im spirituellen Sinne sondern auch sprachgeschichtlich und ethymologisch daraus entwickelt.

Das ständige Wiederholen des Mantras hilft uns, unsere Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt zu konzentrieren und schließlich einen Zustand der tiefen Ruhe zu erreichen. Der Klang, so heißt es, habe die Qualität, alles immer wieder zu erneuern. Mit jedem Tönen beginne die neuerliche Ausrichtung darauf, wer wir wirklich sind, um so die Welt aufs Neue auch tatsächlich wahrzunehmen.

Solange wir jedoch Körper und Geist benutzen, um Formen zu sehen und Klänge zu hören, können wir immer nur einen Teil der Wirklichkeit wahrnehmen. Um die ganze Wirklichkeit zu erfahren, müssen wir uns mit allen Kräften und aller Entschlossenheit auf die Praxis des Weges konzentrieren. Meditation und die Übung der Achtsamkeit sind gute Voraussetzungen, um unsere ichbezogene Lebenseinstellung zu überprüfen und unsere Verantwortung für die Welt sowie für unsere Mitmenschen zu erkennen - und entsprechend zu handeln.

Jeder Ton, den wir hören oder innerlich wahrnehmen, kommt aus der Stille und verklingt wieder in der Stille. Beim Verklingen wird aus dem Hören ein Lauschen. Bleibt man danach in dieser Lausch- und Spürhaltung, dann stellt sich eine äußerst wache Achtsamkeit ein und der Raum hinter dem Ton, hinter der Empfindung wird erfahrbar.

Stilles Sitzen nach langem Chanten hat immer eine besondere Dichte und bewirkt eine lang anhaltende Fähigkeit zur wachen Präsenz. Gleichzeitig atmen spürbar alle Zellen des Körpers, weil die Vibration der Töne selbst die groben Körperstrukturen durchdringt und die Lebensenergie sich dadurch ungehindert ausbreiten kann.

Wenn in der Meditation das OM innerlich und lautlos mit dem Atem verbunden wird, kann durch die Verlängerung der Ausatmung ein geistiger Rhythmus entstehen. Beim Sitzen in der Stille verweilt man in spürender Atemachtsamkeit zwar ohne jede weitere Absicht, aber die Vorbereitung durch das Rezitieren führt dazu, dass sich das lange Ausatmen jetzt von allein einstellt. Erfahrungsgemäß hat diese Vorgehensweise eine tiefergehende Wirkung als das häufig empfohlene Zählen.

Jede grob- und feinstoffliche Form wird von Klang beeinflusst, da Schwingungen die Grundlage jeglicher Form sind. Alles, was wir äußern, gestaltet unsere Welt, unsere Stimmungen und die Erfahrungen, die wir machen. Die Silbe OM zu tönen, hat das Potenzial, negative Gedanken, Worte und Handlungen aufzulösen.

Beim gemeinsamen Rezitieren dieses Mantras verbinden wir uns nicht nur mit dem Ursprung, sondern können auch das vermeintliche Getrenntsein überwinden und die untrennbare Einheit erfahren. Wenn man das OM lautlos mit dem Ausatmen verbindet und ständig wiederholt, entsteht nach und nach eine starke Bewusstseinskraft, die alle Zerstreuungen im Geist beruhigt und transformiert.

Lasst uns nun zur Einstimmung einige Minuten lang OM chanten und nach dem Anschlagen der Klangschale in stiller Achtsamkeit Zazen üben. Vielleicht spüren wir dann, wie Atem und Bewusstsein eins werden und mit dem Klang des Universums verschmelzen.

Auszüge z. T. aus „Vollende, was du bist - Der integrale Weg” von Helga Simon-Wagenbach, Theseus-Verlag