Wenn wir Zen praktizieren, pflegen wir eine „Kultur der Achtsamkeit”, in der für uns eigentlich jeder Tag ein „Tag der Achtsamkeit” sein sollte. Die Übung des Zen ist die reine Wahrnehmung. Sie ist die unmittelbare Erfahrung, in der Subjekt und Objekt ineinander fallen. Dieses Gewahrsein seiner selbst wird in vielen Texten als Aufmerksamkeit oder Achtsamkeit beschrieben. Wie es in folgender Zen-Geschichte schön geschildert wird:

Eines Tages kam ein hoher Beamter zu Meister Ikkyu. Er war von weither angereist, und bat Ikkyu: „Meister, könnt ihr mir bitte die Grundzüge der höchsten Weisheit niederschreiben?” Ikkyu griff sofort zu Tinte und Pinsel und schrieb: „Achtsamkeit.” „Ist das alles?”, fragte der Mann etwas enttäuscht. „Könnt ihr dem nicht noch etwas hinzufügen?” Ikkyu schrieb daraufhin: „Achtsamkeit, Achtsamkeit.” „Nun”, sagte der Mann in leicht gereiztem Ton, „in dem, was ihr geschrieben habt, kann ich nicht viel Tiefes entdecken. Gibt es nichts anderes zur höchsten Weisheit zu sagen?” Daraufhin schrieb Ikkyu dreimal hintereinander das gleiche Wort: „Achtsamkeit, Achtsamkeit, Achtsamkeit.” „Was bedeutet das Wort Achtsamkeit eigentlich?”, wollte der Mann nun gänzlich verärgert wissen. „Achtsamkeit bedeutet Achtsamkeit”, sagte Ikkyu mit sanfter Stimme.

Hätte der Beamte wirklich wach wahrgenommen, das heißt ohne Bewertung, sondern nur im Gewahrsein, was da geschah, dann hätte er selbst in die Erfahrung eintauchen können, die Ikkyu präsentierte, und damit die Essenz der größten Weisheit erleben können. Ikkyu ließ in seinem Tun dem Beamten den Vollzug des Lebens bewusst mit erfahren. Es ging lkkyu nicht darum, dem Beamten den Begriff Achtsamkeit niederzuschreiben. Nein, Ikkyu wollte den Beamten mitnehmen in den Augenblick, in das Hier und Jetzt, wo sich Achtsamkeit ereignet. Sogar noch mit dem letzten Satz versuchte er mit aller Kraft, die er nur aufbieten konnte, den Beamten erleben zu lassen, was Achtsamkeit ist, indem er mit ganz sanfter Stimme sprach: “Achtsamkeit ist Achtsamkeit.” Darin zeigte Ikkyu, dass man sogar das Sprechen als Vollzug des Lebens wahrnehmen kann, man auch im Sprechen die Essenz des Zen bewusst erlebt, als Vollzug des Lebens.

Die Grundübung der Achtsamkeit ist Zazen, “einfach Sitzen”. Buddha sagte einmal: Deine Gedanken sind wie eine Horde Affen, sie zu bändigen, das ist die Aufgabe. Dies geschieht mit Hilfe eines Fokus, mit dessen Hilfe die Gedanken gebündelt werden. Meistens wird der Atem als Fokus genommen, den man beobachtet. So übt man sich als Erstes in dieser Konzentration, die zugleich alle psychosomatischen Energien bündelt. Kein Gedanke schiebt sich zwischen mich, den Beobachter, und das Atemgeschehen. Diese Konzentration wirkt sich sehr schnell im Alltag aus. So wird man sich bald auf seine Arbeiten besser konzentrieren können. Man lässt sich nicht immer von allem und jedem ablenken und wird sich bald ruhiger und ausgeglichener erfahren.

Dies sind wunderbare Nebenerscheinungen, doch beinhaltet die Übung weit mehr. Die Konzentration führt, fährt man mit ihr fort, in eine reine Wahrnehmung, ein Gewahrsein. Aus der fokussierenden Konzentration entwickelt sich eine nichtfokussierende Achtsamkeit, die jetzt nicht mehr an irgendeinem Objekt haftet. So führt Zazen von der Konzentration zur reinen, begriffsfreien Wahrnehmung der Wirklichkeit und noch weiter: Die Wahrnehmung lässt die Ich-Aktivität unserer Gedanken zurücktreten. Vorurteile, Muster, Konzepte, mit denen mein Alltagsgeist die Welt betrachtet, versteht und einordnet, werden als Gedanken erkannt, die das Gehirn produziert, ähnlich dem “Gluckern des Bauches”.

Dadurch geschieht eine Desidentifikation von den Gedanken und Emotionen. Ich bin nicht mehr meine Gedanken und Emotionen, sondern ich lerne, meine Gedanken als “Plaudern” meines Gehirns und meine Emotionen als “Stoffwechsel” meines Körpers zu erkennen. Halte ich diese Gedanken und Emotionen nicht fest, bewerte ich sie nicht, sondern kann sie vorüberziehen lassen, wie Wolken am Himmel. So führt diese vorurteilsfreie Wahrnehmung zu einem wertfreien Handeln.

Eine kleine Zen-Geschichte beschreibt dies sehr schön. Sie spielt in einem Dorf, in dem ein alter Zen-Meister wohnte. Bei allen Dorfbewohnern stand er in hoher Achtung. Doch eines Tages behauptete ein junges Mädchen, dass sie von dem alten Meister schwanger sei. Die Empörung war groß und als das Kind geboren war, brachten die empörten Eltern des Mädchens das Kind zu dem Meister, damit er es aufziehe. Der Meister nahm das Kind an und sein einziges Wort dazu war nur: “So.” Es vergingen elf Jahre, da beichtete das Mädchen ihren Eltern, dass der Vater des Kindes nicht der alte Meister sei, sondern ein junger Fischer. Daraufhin gingen die Eltern zu dem alten Meister und nahmen das Kind wieder an sich. Der Meister meinte nur: “So.”

Die Geschichte zeigt sehr deutlich, dass dieses Freisein von wertenden Gedanken und das Nichtfesthalten an Konzepten ein freies, intuitives, doch vollkommen bewusstes Handeln ermöglichen.

Auszüge aus „Zen im 21. Jahrhundert - Zen als Impuls für eine neue Kultur der Achtsamkeit” Doris Zölls, Kamphausen-Verlag