23 Nov
Die Wirkungen des Zazen sind vielerlei und auch bei den einzelnen Menschen in etwa verschieden. Am besten teilen wir sie in negative und positive ein. Von den negativen Wirkungen möchten wir nur eine erwähnen: das Phänomen des Makyo. Makyo heißt soviel wie Teufelswelt. Dieses Phänomen besteht darin, dass vor den Augen des Meditierenden Gestalten oder Dinge sichtbar werden, die tatsächlich nicht vorhanden sind. Die Gestalten können angenehmer oder unangenehmer Art sein. Manchmal mögen es Buddhas, ein anderes Mal ein wildes Tier und dergleichen mehr sein. Es können auch Lichterscheinungen sein. Seltener werden Laute gehört, aber dann so deutlich, dass man meinen könnte, man würde angerufen.
Es ist zu beachten, dass solche Phänomene während des Zazen bei ganz normalen Menschen auftreten, aber erst dann, wenn sie tief in die Sammlung hineingekommen sind. Erklärt werden sie von den Zenmeistern in ganz natürlicher Weise. Da das Bewusstsein weitgehend entleert wird, können aus dem Unbewussten dort immer vorhandene Bilder in das Bewusstsein eindringen, und das mit solcher Stärke, dass sie Wirklichkeiten zu sein scheinen. Andererseits ist das Auftreten dieser Phänomene ein Zeichen dafür, dass der Schüler das Zazen richtig übt. Manchmal tritt nach den Erscheinungen auch die Erleuchtung ein, vorausgesetzt, dass der Schüler sich nicht um das Makyo kümmert und einfach weiter meditiert. Die Zenmeister werden nicht müde, ihre Schüler zu ermahnen, sich nicht um das Makyo zu kümmern, ganz gleich was es ist. In diesem Sinn ist also das Makyo negativ zu bewerten.
Positiv unter den Wirkungen des Zazen ist vor allem das Zanmai. Mit Zanmai wird eine tiefe Sammlung bezeichnet, die verschiedene Grade haben kann. Sie kann so tief sein, dass man vollkommen absorbiert ist, auf nichts mehr achtet, die Zeit nicht mehr fühlt und auch den Schmerz nicht, obwohl er noch vorhanden ist. Dieses Zanmai kann auch außerhalb der Meditation vorhanden sein, selbst wenn man anderweitig beschäftigt ist. Aus diesem Grunde kann auch Satori auftreten, während man eine Arbeit verrichtet. Der Zustand des Zanmai ist die einzige notwendig zu erfüllende Voraussetzung für das Satori. Das heißt: Satori kann nur in diesem Zustand erlangt werden. 
Das Zanmai ist eine Bewusstseinsleere und doch wieder nicht; denn man kann es haben, obwohl man mit irgend etwas bewusst beschäftigt ist. Man ist dann trotz der Beschäftigung, und obwohl man auf nichts anderes als auf diese Beschäftigung konzentriert ist, innerlich vollkommen gelöst. Bei den meisten Menschen ist aber vieles Üben d. h. viel Meditieren in der Art des Zazen voraus gegangen, bis dieser Zustand der Gelöstheit zu einem dauernden wurde. Bei solchen Menschen wiederholt sich denn auch häufig das Satori, ohne dass sie daran denken. So erklärt sich, dass man von Hakuin sagen konnte, er habe die Wesensschau unzählige Male gehabt.
Wir möchten nun von zwei typischen Wirkungen des Zazen sprechen, die nicht die Meditation als solche betreffen, sondern Auswirkungen dieser Meditation sind, die zum Dauerbesitz des Menschen werden. Es sind die durch die Zen-Meditation erlangte Kraft. Unter Meditationskraft versteht man die Fähigkeit, die Zerstreuungen des Geistes zum Stehen zu bringen und seelisches Gleichgewicht und Ruhe herzustellen. Diese Fähigkeit wirkt sich in erhöhtem Maße als Konzentrationskraft aus. Sie hilft den inneren Frieden zu bewahren und macht den Menschen mehr und mehr frei und unabhängig von allem, was sonst das seelische Gleichgewicht stören kann.
Anders ausgedrückt: sie hilft dem Geist über die Gefühle zu herrschen und lässt den Menschen schneller zur Ruhe kommen, wenn diese durch schwere Erschütterungen trotzdem verloren gegangen ist. Hierbei aber entsteht nicht eine gewisse passive Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit. Eher ist das Gegenteil der Fall. Die Zenmeister sind oft starke Persönlichkeiten. Aber auch unter den Zen-Übenden aus dem Laienstande findet man kraftvolle Charaktere, große Staatsmänner und geschäftstüchtige Industrielle. Das Zazen beeinflusst jede Berufstätigkeit in günstiger Weise. Das ist wohl darauf zurückzuführen, dass es die Konzentration auf die Arbeit erleichtert.
Um es noch klarer zu machen, wollen wir uns daran erinnern, dass der Mensch oft nur zu einem geringen Maße geistig frei ist. Im Zen spricht man von einer Tätigkeit an der »Vorderseite des Geistes« und jener anderen, die man als Tätigkeit an der »Rückseite des Geistes« bezeichnet. Das deckt sich einigermaßen mit bewusster und unbewusster Tätigkeit oder mit dem Einfluss auf unsere Entschlüsse, dessen wir uns bewusst oder nicht bewusst sind. Viele Menschen denken gar nicht an die unbewussten Einflüsse und sind daher in ihren Entschlüssen und Handlungen nur in sehr geringem Maße wirklich frei, vielleicht nur zu zwanzig Prozent, um es in Zahlen auszudrücken, während die übrigen achtzig Prozent sie gar nicht bemerken.
Die Zen-Meditation hat die Eigenart, den geistigen Blick zu öffnen für das, was sich bisher unbesehen an der Rückseite des Geistes abgespielt hat, und allmählich die Tätigkeit an der Rückseite des Geistes in unsere Hand zu bringen, so dass wir innerlich hundertprozentig frei werden. Das ist zweifellos ein großer Gewinn für uns selbst und für den Dienst an unseren Mitmenschen. Diese Wirkung der Meditation erklärt sich gerade daraus, dass das Bewusstsein entleert wird. Wenn das geschieht, kommt allmählich auch das Unbewusste in den Blick und schließlich in den Griff.
Zwei Dinge dürften ohne weiteres aus dem hohen Wert dieser Wirkungen für den Menschen folgen; zuerst, dass dabei tiefliegende Ursachen am Werke sein müssen und zweitens, dass dieselben nicht von heute auf morgen hervorgebracht werden können. Warum also ist dieser Versenkungsweg so fruchtbar und weiterhin: Warum ist dieser Weg so mühevoll und lang-dauernd? Auf die kürzeste Formel gebracht, so scheint uns, lautet die Antwort: Diese Meditation ist ein Reinigungsweg, und zwar der radikalste Reinigungsweg des Geistes, auf dem man weder sich selbst noch andere täuschen kann. Auch die christlichen Mystiker sprechen von der Reinigung der Sinne und des Geistes, die notwendig ist, damit die Schau überhaupt möglich ist.
Wer viel Zazen übt, wird mehr und mehr frei von Vorurteilen und von der Furcht, die Wahrheit anzuerkennen so, wie sie ist. Man könnte das »mystische« Denken auch existentielles Denken nennen, weil es existentiell wahr ist wie das in der Versenkung gesprochene Wort. Um es noch klarer zu sagen: Ein solcher Mensch kann nicht unaufrichtig sein. Vielleicht ist gerade der Mangel an Wahrhaftigkeit, das Grundübel unserer Zeit.
Auszüge aus „Zen-Mediation für Christen” von H.M. Enomiya Lassalle, Barth-Verlag
9 Nov
Das zehnte Bild
DEN MARKT BETRETEN MIT OFFENEN HÄNDEN

Mit entblößter Brust kommt er barfuß zum Markte.
Schmutzbedeckt und mit Asche beschmiert,
lacht er doch breit übers ganze Gesicht.
Ohne Zuflucht zu mystischen Kräften
bringt er verdorrte Bäume schnell zum Blühen.
In diesem zehnten und letzten Bild der Geschichte ist menschliches Leben wieder in die vom Nichts des Kreises umschlossene Natur ein- und zurückgekehrt. Ein alter Mann hält eine Sake-Kanne in der Hand. Der dicke Bauch, die schäbige Kleidung und der große Bettelsack deuten an, dass er der legendäre chinesische Mönch „Hotei” ist, der als Bettler durchs Land zog. Mit diesem fröhlich lachenden alten Mann spricht ein Junge. Der Alte hat ihn vielleicht nach dem Weg gefragt; möglicherweise möchte der Junge auch einfach nur mit dem alten Mann reden und hat ihn deswegen angehalten.
Das Treffen auf der Dorfstraße ist scheinbar reiner Zufall, kann aber auch als zielgerichtetes Ereignis angesehen werden. Denn hier manifestiert sich das wahre Selbst zwischen Menschen, so wie es im vorigen Bild als die schöne Natur erscheint. Die beiden Seinsweisen sind Variationen des ursprünglichen leeren Kreises. Deshalb drücken das achte, das neunte und das zehnte Bild eigentlich nur einen einzigen Zustand aus. Merkwürdigerweise haben die letzten drei Bilder nichts mit dem Titel „Zehn Ochsenbilder” zu tun, aber sie sind die notwendige Weiterentwicklung der vorigen Phasen, weil sie immer noch vom wahren Selbst handeln.
Nun ist das zehnte Bild das letzte der gesamten Reihe. Obwohl die letzten drei eigentlich gleichrangig sind, bedeutet die Position des zehnten etwas Besonderes. Die Dynamik des wahren Selbst wirkt jetzt zwischen den Menschen. Hier wird die Wirklichkeit der Überlieferung dargestellt. Der alte Mann lacht so lustig, dass er anscheinend das Leben voll genießt. Bei ihm findet man keine Spur davon, dass er heilig oder weise ist. Doch trotz seines bettelarmen Aussehens nimmt er gütige Rücksicht auf seine Mitmenschen.
„Hotei” ist die Verkörperung eines „Bodhisattvas”, der als Erleuchteter den eigenen Übergang ins Nirvana aufschiebt, um den anderen Wesen zu helfen, sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten zu lösen. Ein Junge trifft den alten Mann an einer Ecke in der Stadt, und in diesem Moment erhellt sich etwas beim Jungen. In diesem Erlebnis kann eigentlich nichts Konkretes weitergegeben werden. Der Alte lehrt nichts durch Worte und der Junge lernt auch nichts. Trotzdem mag sich der Junge aufgrund dieser Begegnung eines Tages entscheiden, die Suche nach dem Selbst zu beginnen. Also führt dieses Bild wieder zum ersten Bild zurück. So wie die Bilder insgesamt einen Kreislauf darstellen, repräsentieren sie den ewigen Gang des menschlichen Lebens. Dies muss als die Wirkung des zielgerichteten Ereignisses angesehen werden.
Übrigens ist der Junge nicht derselbe, der vom ersten bis zum siebten Bild zu sehen ist, und der alte Mann taucht selbstverständlich zum ersten Mal hier auf. Sie sind wieder Ausdruck des wahren Selbst und nichts anderes als der Fluss und die Blüte im vorigen Bild. Diese Begegnung ist deshalb die Manifestation der vollen dynamischen Kraft des wahren Selbst. Es ist immer der Leitfaden der Bildung und zeigt im letzten Bild seine Funktion zwischen den Menschen direkt und klar.
Das Ziel der Zen-Übungen, das in den „Zehn Ochsenbildern” dargestellt ist, ist die Selbstverwirklichung. Diese ist zwar auch Ziel der herkömmlichen Bildung, aber der Begriff des Selbst ist völlig unterschiedlich. Beim Zen handelt es sich um das „selbstlose Selbst”, und seine Verwirklichung vollendet sich im leeren Kreis des achten Bildes. Das Selbst, das zu verwirklichen ist, wird zunächst einmal als Ochse, als das virtuelle wahre Selbst dargestellt, aber schließlich wird es im absoluten Nichts aufgehoben. In dieser Phase ist die Selbstverwirklichung nicht auf den Menschen persönlich bezogen, sondern bedeutet die Rückkehr zum Ursprung.
Dieses verwirklichte Selbst bleibt aber nicht statisch in der Vollendung. Es bewegt sich einmal als Natur wie im neunten Bild, einmal als Mensch wie im zehnten Bild. Es schafft dies alles aufgrund der absoluten Freiheit. Diese Dynamik zeigt den wahren Sinn, nämlich dass Selbstverwirklichung bedeutet, individuell bestimmt zu sein. Die Individualität harmoniert mit der universalen Allgemeinheit. Mit anderen Worten: Die letzten drei Bilder weisen auf drei Aspekte des Selbst hin. Der Kreis ist die grundlegende Selbsterkenntnis des Selbst, die Natur ist die einzelne ontische, d.h. unabhängig vom Bewusstsein existierende Gestalt des Selbst, und die Menschen sind das Handeln des Selbst. Auf diese Weise lässt es sich verdeutlichen, dass die „Zehn Ochsenbilder” ihr Ziel sehr genau, ausführlich und pädagogisch sinnvoll bestimmen.
Dennoch bleibt die Welt in den Bildern unabhängig von der pädagogischen Intention immer noch, wie sie war. Der Fluss fließt. Die Blume blüht. Die Dorfbewohner unterhalten sich miteinander. Dass die weltliche Wirklichkeit unmittelbar der Ausdruck des verwirklichten Selbst ist, bedeutet aber keine einfache Bejahung der Realität. Die Freiheit und die Kreativität des Selbst können erst aus der absoluten Verneinung des Selbst, aus dem selbstlosen Selbst entstehen, das nach den normalen harten Übungen, bei denen man immer auf das Höhere zielt, schließlich gewonnen werden kann. Der Übungsprozess bis zum achten Bild ist also die Voraussetzung für die Selbstverwirklichung.
10. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag
Fazit: Der Weg des Erleuchteten führt wieder zurück in die normale Alltagswelt mit all ihren Wirrungen. Kein Heiliger kommt zurück, sondern ein ganz normaler Mensch mit seinen Schwächen, die er jedoch kennt und mit Gelöstheit und Humor trägt. In unscheinbarer Gestalt, bedürfnislos und heiter, mischt sich der Weise unters Volk, ohne seine Überlegenheit zur Schau zu tragen. Dieser letzte entscheidende Schritt weg vom einzelgängerischen Asketen hin zum Sich-Einsetzen für die Gemeinschaft stellt das Ideal des helfenden Erleuchteten, des „Bodhisattvas” dar.