ZenWeg

Archiv Oktober, 2009

ALLES IN ALLEM

Das neunte Bild

ZUM URSPRUNG ZURÜCKGEKEHRT

bild_09

Er ist zum Ursprung zurückgekehrt,

doch waren seine Schritte umsonst.

Besser ist es für ihn, wie blind und taub zu sein.

In seiner Hütte sitzt er,

sieht von all dem da draußen nichts.

Die Ströme fließen, wie sie fließen,

und rote Blumen blühen von selber rot.

Mitten im Bild fließt ein Strom. Am Ufer steht ein Pflaumenbaum in Blüte. Kein Mensch ist zu sehen, nur die schöne Natur ist da. Im Kommentar steht: „Der Strom fließt aus sich selbst unendlich, die Blüte blüht aus sich selbst rot.”

Hier wird eine malerische Landschaft dargestellt, die kein Objekt der Wahrnehmung des Menschen ist. Das Dasein des Stroms und der Blüte unterscheidet sich nicht vom Sehen und Gesehenwerden. Es gibt nur das absolute Sein, das weder Sein noch Nichts ist. Dieser Zustand ist nichts anderes als der leere Kreis des achten Bildes, in dem alle dualistischen Gegensätze restlos verschwunden sind. Das neunte Bild stellt die absolute Bejahung dar, das achte die absolute Verneinung, beide sind dynamisch austauschbar. Das neunte Bild bedeutet deshalb eigentlich keine neue Phase, es ist eine Variation der Seinsweise des Nichts.

Dennoch wird diese Phase hinter der achten eingeordnet. Denn man muss einmal alles im Nichts erkennen, um dann wieder zur Welt zurückzukehren. Der Ort, an dem man nun leben muss, ist der gleiche Ort, an dem man am Anfang lebte, so wie es der Titel dieses Bildes sagt. Der unendliche Strom ist immer schon da gewesen und die rote Blüte auch. Alles drückt direkt das wahre Selbst aus, aber es bedarf keines erkennenden Subjektes.

Im siebten Bild wurde die friedliche Natur bereits dargestellt. Der Junge betrachtete zufrieden den Mond, der nicht unterschiedlich von ihm selbst ist. Die große Harmonie des eigenen Selbst mit allen Geschöpfen ist da schon vorhanden. Im Vergleich dazu fällt hier auf, dass trotz der schönen Natur kein Mensch anwesend ist. Das wahre Selbst braucht nicht mehr das Subjekt, das sich als das eigene Selbst erkennt. Man lebt in der Welt, in der es nichts gibt, was nicht man selbst ist. Der Mensch ist nicht nötig, damit die Welt von sich aus noch reiner und wunderbarer wird. Der Strom fließt immer schon, die Blüte blüht nur rot: das Sein an sich.

Hier zeigt sich die absolut variationsfreie Kreativität. Hier kann die Aussage, dass der Berg der Berg ist, gleichberechtigt neben der Aussage stehen, dass der Berg nicht der Berg ist. Der Widerspruch manifestiert sich ganz selbstverständlich im dynamischen Wechsel zwischen dem leeren Kreis und der Natur. Absolut frei zu sein ermöglicht, sich aller Paradigmen nach Belieben zu bedienen. Aus dieser Freiheit entstehen die kreativen und eigentümlichen Aktivitäten der Menschen. Alles ist einzig und einmalig im Sein. Das ist der begreifbare Ausdruck des unbegreiflichen Nichts. Die Personalität und der Wert des Individuums können erst in diesem Sinne gewürdigt werden.

9. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag

ALLES UND NICHTS

Das achte Bild

MENSCH UND OCHSE SIND BEIDE VERGESSEN

bild_08


Peitsche und Leitseil, Ochs und Hirte

gehören gleichermaßen der Leere an.

Der blaue Himmel ist so allumfassend weit,

das alles Mitteilen in ihm beinah endet.

Über loderndem Feuer kann keine Schneeflocke bestehen.

Ist die Geistesverfassung erreicht,

begegnet er endlich dem Geist der Partriarchen alter Zeit.

Die Reise des Jungen führt nun in einen seltsamen Zustand. In diesem Bild ist weder Mensch noch Ochse zu sehen. Was bis zur letzten Phase das Thema war, ist hier völlig verschwunden. Es gibt nur einen Kreis. Er war aber von Anfang an in den Bildern vorhanden und bildete den Rahmen für die einzelnen Etappen der Geschichte. Weil die dargestellten Figuren nun weg sind, wird er plötzlich so deutlich, dass er den gesamten Raum einnimmt.

Jetzt erfährt man einen großen Sprung nach vorne. Die bisherige Entwicklung wird durch das „Nichts” gründlich vernichtet. Im vorigen Bild erreichte der Junge eigentlich die Endphase seiner Suche. Das wahre Selbst verkörpert sich im Individuum. Was er tut, ist unmittelbar das Handeln des Dharmas. Alles ist natürlich. Er bleibt friedlich in der universalen Einheit. Doch diese Einheit muss aufgebrochen werden, um die wahre Freiheit des Selbst zu verwirklichen. Wenn man trotz der wunderbaren Harmonisierung mit der Welt noch ein Individuum bleibt, wird man nicht von sich selbst befreit. Das Ziel des Buddhismus ist es, die absolute Befreiung von allem zu erlangen. Deshalb muss das „große Ich” durch das Nichts ersetzt werden, das über das Sein und das Nichtsein oder die Weltlichkeit und die Heiligkeit hinausgeht.

Vom ersten bis zum sechsten Bild war die dynamische Kraft, die das einzelne Bild zur nächsten Phase hin treibt, eigentlich die Selbstverneinung. Das Individuum ist in jeder Phase noch nicht reif genug. Der Kampf gegen das Ich muss stets durchgeführt werden und das Selbst muss immer noch aufgehoben werden. Dieser Prozess ist eine normale Entwicklung bei der Erziehung und der Bildung. Im siebten Bild kommt der Fortschritt zu einem Ende, weil es keine Spur des wahren Selbst mehr gibt. Im achten Bild stellt sich aber die vollkommene Selbstverneinung dar, die weder Selbst noch Verneinung enthält. Das absolute Nichts, das sogar die Selbstverwirklichung überwindet, ist die radikale Forderung des Buddhismus, aber es hat auch eine große Bedeutung für die Entwicklung des eigenen Selbst jedes Menschen.

Diese Entwicklung beruht auf der Suche nach etwas Höherem, denn das jetzige Selbst ist nicht das wahre. Dies wird zunächst thematisiert. Man setzt das vorübergehende wahre Selbst als Ziel voraus und macht einen ersten Schritt, sich ihm zu nähern. Durch die ständige Selbstverneinung versucht man, dem Ziel möglichst nahe zu kommen. Wenn man sich aber einmal mit dem erreichten Stadium der Selbstverwirklichung zufrieden gibt, stockt die Entwicklung. Deshalb muss das verwirklichte Selbst endlich vernichtet werden, obwohl man zum Schluss herausgefunden hat, was das wahre Selbst ist. In dieser absoluten Befreiung manifestiert sich das undefinierbare, dynamische und kreative Selbst aus dem ursprünglichen Nichts. Die echte Kreativität entsteht aus solcher Freiheit von allen Figuren (d.i. Paradigmen - Vorbildern, Abgrenzungen, Vorurteilen, Weltanschauungen …).

Man schafft etwas Eigenes in irgendeiner Form. Dabei ist man bei der Art und Weise des Selbstausdrucks, also der Auswahl des Paradigmas, völlig frei. Man ist jetzt wahrhaft Herr seiner selbst. Das ist das Endziel der persönlichen Entwicklung. Auf diese Weise muss ein Paradigma trotz seiner leitenden Funktion bei der Suche nach dem wahren Selbst zum Schluss aufgegeben werden.

Wie kann man aber diese Ebene erreichen? In den „Zehn Ochsenbildern” wird gezeigt, dass dies nur durch die Gesamtheit der körperlichen Übungen möglich ist. Man zieht die Zügel an, bändigt den Ochsen und reitet ihn. All dies ist die Tätigkeit des ganzen Körpers und Geistes, die man nicht mit dem Kopf erlernen kann. Der letzte Schritt zum Nichts muss genauso, d.h. ohne Rückgriff auf den Verstand, verwirklicht werden. Wichtig ist es dabei, dass der Zustand des Nichts erst unmittelbar nach der langen Übung entsteht. Es ist nämlich klar, dass man im Grunde genommen sonst nur versuchen würde, bestehende Paradigmen durch neue Paradigmen zu ersetzen.

Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag

Fazit: Nun hat der Hirte auch sich selbst vergessen können. Es herrscht nichts als wache Offenheit. Der leere Kreis ist im Zen das Symbol für die Ganzheitserfahrung, die Erleuchtung (satori). Nun ist der Mensch frei und offen, auf das einzugehen, was der Augenblick bringt. Aller Dualismus ist in der letzten Klarheit aufgelöst, alles ist leer. In dem Augenblick, wo das Ego auf den Plan tritt, treten auch die Umstände auf. Wenn sich das Ego auflöst, lösen sich auch die Umstände auf. Subjektivität und Objektivität gehen Hand in Hand. Aller Verblendung ist der Mensch ledig, und auch alle Vorstellungen von Heiligkeit sind verschwunden.