14 Sep
Das sechste Bild
HEIMRITT AUF DEM OCHSEN

Er reitet auf dem Ochsen heim
in heiterer Gelassenheit
Den fernhinziehenden Abendnebel
begleitet weithin der Klang seiner Flöte.
Ein Klatschen, der Takt eines Liedes
ist von unumschränktem Sinn.
Wer diesen Sinn kennt,
braucht der denn noch Worte?
Der lange Kampf ist zu Ende. Der Junge reitet nun auf dem Ochsen und spielt die Querflöte. Er hat keine Zügel mehr in der Hand. Der Hirte und der Ochse sind eine vollkommene Einheit. Man kann sich vorstellen, dass im Abendrot eine ländliche Melodie klingt. Eine vertrauensvolle Stimmung herrscht im Bild, denn der Junge weiß, dass der Ochse nach Hause geht. Dabei braucht er dem Tier nicht den Heimweg zu zeigen, sondern kann ihm völlig vertrauen. Wo die beiden einmal gewesen sind, dorthin gehen sie nun zusammen.
Das Ich und das wahre Selbst sind jetzt im Individuum vollkommen vereinigt, und auch die Reflexion, mit der das Ich sich kontrolliert, ist verschwunden. Gehen, stehen, sitzen und liegen, alles, was man tut, ist sofort das wahre Handeln. Man denkt nicht mehr darüber nach. Ein großes Selbstvertrauen wurde einem geschenkt. Die Bilder drei bis sechs thematisieren in besonderem Maße den stufenweisen Aufbau der Übungen im Sinne von Kojo („Übung aufwärts”). Sie sind daher methodisch sehr informativ. Im Folgenden wird versucht, das konkret anhand des Beispiels der Atmung beim Zazen zu erklären.
In der ersten Phase (im dritten Bild: Den Ochsen erblicken) lernt man in der Praxis, die Wahrheit ohne Worte mit dem eigenen Körper zu erlangen. Man sitzt im Lotussitz und atmet gemäß der Anweisung. Das ist der Anfang der Übung im engeren Sinne.
In der nächsten Phase (im vierten Bild: Den Ochsen fangen) stimmt man die Atmung ein, z.B. durch Sžsokukan. Zwar sitzt man ruhig, aber oft tauchen die verschiedensten Gedanken auf und stören das Zazen. Also zählt man von eins bis zehn. Mit diesem kräftigen „Zahlenschwert” schneidet der Übende alle überflüssigen Gedankenströme ab. Jedoch gelingt das nicht immer. Man muss sich ständig darum bemühen, sich trotz aller Ablenkung mit dieser Methode selbst zu kontrollieren. Das entspricht dem Anziehen der Zügel im Bild.
Langsam gewöhnt man sich daran. Die Atmung wird ruhiger und länger, beim Zählen wird man nicht mehr so sehr abgelenkt. Nun beginnt man das Zuisokukan, bei dem man die eigene Atmung mit dem inneren Auge verfolgt. Es geht nur darum, das Einatmen und Ausatmen zu spüren. Das ist die Phase des fünften Bildes: Den Ochsen zähmen. Der wilde Zustand ist vorbei, aber die Zügel müssen noch gehalten werden.
Beim sechsten Bild (Auf dem Ochsen nach Hause reiten) wird die Atmung vollkommen eingestimmt. Jetzt braucht sich der Übende nicht mehr der Atmung bewusst zu sein. Die Atmung atmet selbst. Man geht völlig im Aus- und Einatmen auf. Die ganze Welt atmet. Die Grenze zwischen dem eigenen Körper und der Umwelt ist verwischt. Es gibt nur die eine große Atmung und die in ihr manifestierte Wahrheit. Diese Übungsphasen gehören auch zu vielen Arten der mit „-do” bezeichneten japanischen Künste, wie z.B. „Sado” (Teezeremonie), „Shodo” (Kalligraphie), „Kado” (Blumenstecken), „Kendo” (Schwertweg) oder „Kyudo” (Bogenweg).
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Das siebte Bild
DER OCHSE IST VERGESSEN - DER MENSCH BLEIBT

Heimkehren konnte er nur auf dem Ochsen,
nun gibt es den Ochsen nicht mehr.
Allein sitzt der Hirte, heiter und ruhig.
Der volle Mond steht über dem Horizont,
doch er träumt friedlich weiter.
Unter dem Strohdach liegen nun
Peitsche und Leitseil nutzlos herum.
Der Junge ist zu Hause. Es scheint zwischendurch Nacht geworden zu sein. Der Vollmond geht über den Bergen auf. Der Junge sitzt vor dem Haus, er faltet die Hände in Richtung auf den scheinenden Mond. Das Bild ist von einer ruhigen und friedlichen Stimmung erfüllt. Der Ochse ist nicht mehr zu sehen. Man fragt sich nun, wo er ist. Bis zum sechsten Bild stand er stets im Mittelpunkt des Interesses. Der Junge hatte seine Reise begonnen, weil der Ochse verschwunden war, aber jetzt ist er sehr zufrieden ohne das Tier und genießt nur den Mondschein.
Er scheint alle Mühe schon längst vergessen zu haben. Der Ochse könnte, wie gewohnt, im Stall sein. Wie der Kommentar zum ersten Bild sagt: „Von Anfang an nicht verloren.” Unterwegs wurde das wahre Selbst methodisch thematisiert. Man harmonisierte sich völlig mit ihm und ist sich nun dieses Selbst nicht mehr bewusst. Es ist überflüssig geworden und wurde aufgegeben. Im Ergebnis gibt es also keinen Unterschied zum Ursprung. Das ist der widersprüchliche Charakter der Erziehung im Zen.
In der Pädagogik ist die Methodik konkretes Mittel zu einem Ziel. Beides sind verschiedene Dinge, und die Methodik muss dem Erziehungsziel dienen. Beim Zen aber wird die Methodik ganz anders gesehen. Im Kommentar zum 7. Bild heißt es: „Es gibt keine zwei Dharmas. Nur vorübergehend wurde der Ochse zum Thema.” Das wahre Selbst liegt immer ursprünglich in einem methodischen Rahmen schon vor und ist in erster Linie durch die Übung zu verwirklichen. Die Wahrheit kommt nirgendwo anders als in der Praxis zum Vorschein. Wenn man jedoch erkennt, dass alles Handeln unmittelbar das wahre Selbst manifestiert, dann braucht man die Methodik nicht mehr.
Jetzt stellt sich noch eine Frage. Angenommen, der Junge ist wieder ohne den Ochsen, er ist also wieder zum Ursprung zurückgekehrt, wozu dann alle seine Mühe? Ist der Zustand zwischen dem Vorher und dem Nachher wirklich gleich? Um diese Fragen zu beantworten, muss man die Tatsache beachten, dass der Junge zu Hause ist. Zu Hause sein heißt da sein, wo man eigentlich hingehört. Im Ursprung gibt es keine Differenzierung, und es verschwindet sogar die Bestimmung „keine Differenzierung”. Es gibt nichts als die Wahrheit. Der Mond scheint herrlich, und der Junge sieht dessen klares Licht. Er weiß zwar, dass der Mondschein und er selbst nicht verschiedene Dinge sind, aber er hat vergessen, dass er es weiß.
Er faltet einfach die Hände in Verehrung und genießt damit die harmonisierte Welt durch sein Tun. In dieser Darstellung kann man erkennen, wie der Glaube praktiziert wird. Der Junge akzeptiert jetzt friedlich alles, was geschieht. Er ist so sicher, dass er nicht mehr reflektiert. Diese Sicherheit wird durch die Buddha-Natur selbst bewirkt. Hier liegt der Unterschied zum Anfangszustand. Das Ergebnis der langen Reise ist der Glaube, entstanden aus der Übungspraxis, nämlich aus dem Zähmen des Ochsen.
6. und 7. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag
7 Sep
Das vierte Bild
DER OCHSE WIRD GEFANGEN

Fest muss der Hirt das Leitseil packen
darf es nicht loslassen
denn noch hat der Ochse schlimme Neigungen und wilde Kraft.
Bald rennt er ins Hochland hinauf,
bald läuft er tief in Stätten voller Dunst und Nebel
und verweilt dort.
Endlich fängt der Junge den Ochsen. Das einstige Haustier ist aber nach der langen Zeit der Freiheit wieder wild geworden. Es gehorcht dem Jungen nicht mehr. Jetzt muss er es wieder streng zähmen. Er zieht die Zügel sehr stark an, weil der Ochse irgendwo anders hingehen will. Die Spannung der Zügel beherrscht hier das Bild. Jetzt fängt man die harte Übung an, um sich wieder mit dem wahren Selbst zu harmonisieren. Aber was bedeutet die Wildheit? Es ist, wie im vorigen Bild, wiederum die Projektion des Übenden. Wild ist nicht der Ochse, sondern der Übende selbst, noch genauer, das Ich des Übenden.
Von dieser Phase an bis zur sechsten Phase wird die Auseinandersetzung zwischen dem Ich und dem wahren Selbst eines Individuums besonders thematisiert. Natürlich kann das Individuum im Grunde nicht so aufgeteilt werden. Wie schon im Kommentar zum ersten Bild erwähnt, gibt es am Anfang keine Differenzierung. Erst wenn man bemerkt, dass einem das wahre Selbst fehlt, entsteht das Ich, das Subjekt des Individuums, das der Ursprung aller Differenzierungen ist. Mit „Individuum” ist hier eine konkrete, durch Raum und Zeit bestimmte Person gemeint.
Nun war das Ich weit vom richtigen Weg abgekommen, es tat, was es wollte. Es ist deshalb für den Übenden sehr schwer, seine Lebensweise noch einmal richtig einzustimmen. Im Kommentar wird diese Situation so dargestellt: „Der Ochse kann das duftende Gras nicht verlassen.” So sieht es der Junge. Aber eigentlich ist er es, der das frühere Leben vermisst und nicht der Ochse.
Das wahre Selbst ist an sich gehorsam und bildsam. Es ist der Mensch selbst, der sich die Bildsamkeit verdirbt. Jetzt muss er sich sehr darum bemühen, sich mit dem wahren Selbst zu vereinigen, was als Selbstbildung verstanden werden kann. Die Spannung der Zügel drückt diese Schwierigkeit aus. Es ist die Phase des inneren Kampfes. Man stellt sich vor, dass der Ochse wegläuft und man ihn festhalten muss. Die Tatsache ist aber: Der Ochse hält einen fest. Es ist das wahre Selbst, das die ganze Zeit die Initiative der Erziehung ergreift.
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Das fünfte Bild
DEN OCHSEN ZÄHMEN

Der Hirte darf Peitsche und Leitseil
keinen Augenblick aus der Hand lassen,
sonst läuft der Ochse davon in den Staub.
Recht gezähmt jedoch, wird er sauber und sanft,
gelöst vom Seil, folgt er willig dem Hirten.
Der Junge und der Ochse gehen harmonisch miteinander. Jetzt brauchen die Zügel nicht mehr angezogen zu werden. Wo der Mensch hingeht, folgt der Ochse auch hin. Sie sind noch getrennt, und die Zügel können noch nicht ganz losgelassen werden, es gibt aber keine Spannung mehr zwischen dem Menschen und dem Ochsen, beide sind sehr gelassen. Dieses Bild steht im großen Kontrast zum vorhergehenden Bild. Der wilde Kampf ist der Ruhe gewichen.
Der Junge hat gelernt, zum Ursprung zurückzukehren. Ursprung bedeutet: Ohne Worte hört er, ohne Worte sieht er, ohne Worte handelt er. Im Kommentar von Kakuan dazu heißt es: „Noch ehe ein Gedanke auftaucht, folgt ihm ein anderer nach. Durch das Erwachen wird die Wahrheit erlangt. Durch den Verlust des wahren Selbst entsteht der Irrtum.”
Jetzt gibt es zwar noch etwas Abstand zwischen dem Ich und dem wahren Selbst, aber sie kommen gut miteinander aus. Was man tut, wird unmittelbar richtig, wird jedoch stets auch als „das richtige Handeln” bewusst erkannt. Der Übende ist noch nicht frei von der Reflexion darüber. Die Zügel im Bild repräsentieren das Bewusstsein, das die beiden gleichrangigen Elemente, das Ich und das wahre Selbst, verbindet. Einmal taucht das wahre Selbst zur Oberfläche auf, dann folgt ihm das Ich schnell hinterher. Ein andermal herrscht das Ich vollkommen, dennoch wird es vom wahren Selbst ganz natürlich unterstützt.
4. und 5. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlagden