ZenWeg

Archiv August, 2009

AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN OCHSEN

DIE ZEHN OCHSENBILDER

Der im frühen China entstandene Bilderzyklus symbolisiert das allmähliche Erlöschen der dualistischen Weltsicht, die wachsende Erkenntnis, dass Subjekt und Objekt tatsächlich eins sind. „Die Suche nach dem verlorenen Ochsen” bedeutet, zum Ursprung zurückzukehren. Mitte des 12. Jahrhunderts hat Meister Kakuan die verschiedenen früheren Versionen zu einer Bilderfolge zusammengefasst und ergänzt, um den Übungsprozess im Zen-Buddhismus zu veranschaulichen. Kakuans “Zehn Ochsenbilder” wurden von anderen Künstlern leicht variiert. Die folgenden Bilder sind die Werke von Shonbun, die im Shokokuji-Tempel in Kioto seit dem 15. Jahrhundert bis heute aufbewahrt werden.


Das erste Bild

DIE SUCHE BEGINNT

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Trostlos in endloser Weite

bahnt er sich auf und ab den Weg

in wucherndem Gras

und sucht seinen Ochsen.

Weites Wasser, ferne Berge,

und der Weg zieht sich endlos dahin.


Völlig erschöpft ist der Körper,

verzweifelt ermattet das Herz;

wo nur soll er suchen?

Im Abendnebel hört er einzig

Zikaden im Ahorn zirpen.

Das erste Bild zeigt, wie ein Hirtenjunge allein auf einem Feld mit der Suche nach dem weggelaufenen Ochsen beginnt. Der Hirte symbolisiert den Sinnsuchenden und seine Suche den Übungsprozess. Der Mensch fühlt sich unbefriedigt und merkt, dass ihm etwas fehlt. In der buddhistischen Literatur steht der Ochse als Bild für die eigene Wahre Natur. Nach dem Ochsen zu suchen bedeutet also, sich auf die Suche nach seinem eigenen Selbst zu machen.

Die Wahre Natur ist in Wirklichkeit nie verloren gegangen; warum also sollte man sie suchen? Da der Mensch sich aber von seinem Wahren Wesen abgewandt hat, ist es ihm fremd geworden; er hat den Ochsen im Staub (d.h. durch Verfehlungen) aus den Augen verloren. Weit ist der Hirtenjunge von seiner Heimat abgeirrt und sieht sich nun einem Wirrsal von Wegen gegenüber. Gier nach Gewinn und Furcht vor Verlust, Vorstellungen von Recht und Unrecht haben ihn (uns) in die Irre geführt.


Das zweite Bild

DIE ERSTEN SPUREN

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Im Wald und am Gestade des Wassers

finden sich unzählige Fußspuren;

sieht er wohl das zerteilte Gras?

Selbst die tiefsten Schluchten der höchsten Berge

können des Ochsen Nase nicht verbergen,

reicht sie doch bis in den Himmel.

Doch jetzt entdeckt der suchende Mensch die ersten Spuren. Er weiß noch nicht genau, was er sucht, er erahnt es nur. Indem er mit dem Studium fernöstlicher Weisheiten beginnt, kommt der Mensch der Wahrheit wenigstens von Ferne auf die Spur. Wenn er dann über längere Zeit hinweg Meditation und den achtsamen Umgang im alltäglichen Leben geübt hat, wird er sich ein gewisses Verständnis des Zen erworben haben.

Auf der ersten Stufe, als er mit der Suche begann, hatte er vielleicht noch Zweifel, ob er das Gesuchte finden könne, wenn er diese Richtung einschlagen würde. Doch jetzt ist er voller Zuversicht, dass er irgendwann ans Ziel kommt, wenn er den Zen-Weg fortsetzt.

Durch das Studium der Lehren findet er die Spur des Ochsen. Er hat verstanden, dass  gleichermaßen alles und jedes eine Offenbarung des eigenen Selbst ist. Aber er kann noch nicht Wirklichkeit von Illusion unterscheiden.


Das dritte Bild

EIN ERSTER BLICK

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Eine Nachtigall schlägt auf einem Zweig,

warm scheint die Sonne, sanft weht der Wind,

die Weiden grünen.

Dort steht der Ochse, wo könnt´ er sich verbergen?

Das herrliche Haupt, die stattlichen Hörner,

kein Maler kann solches je malen.

Nach etlicher Zeit ist er dem Ochsen begegnet. Aber er hat nur seinen Schwanz und seine Hinterbeine gesehen. Zum ersten Mal erhascht er einen ersten Blick auf das Gesuchte: Einsicht in das Wesen der Dinge und des eigenen Selbst, die beide im Grunde nicht-verschieden sind. Er hat eine Art Erleuchtung erfahren, aber wenn man ihn nach seinem Woher und Wohin fragt, kann er keine klare Antwort geben.

Wenn der Übende weiterhin in Achtsamkeit dem Zen-Weg folgt, wird er zur Quelle gelangen und in eben diesem Augenblick den wahren Ursprung erblicken. Die sechs Sinne unterscheiden sich nicht von diesem wahren Ursprung. Er entspricht dem Salz im Wasser oder der Leere in der Form, wie es im Zen heißt. Wenn der Hirte die Augen weit aufschlägt, wird er inne, dass das Gesehene vom Ursprung nicht verschieden ist.

1. bis 3. Bild: Auszüge aus „Zen-Training” von Katsuki Sekida, Herder-Verlag

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Das vierte Bild

DER OCHSE WIRD GEFANGEN

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Fest muss der Hirt das Leitseil packen

darf es nicht loslassen

denn noch hat der Ochse schlimme Neigungen und wilde Kraft.

Bald rennt er ins Hochland hinauf,

bald läuft er tief in Stätten voller Dunst und Nebel

und verweilt dort.

Endlich fängt der Junge den Ochsen. Das einstige Haustier ist aber nach der langen Zeit der Freiheit wieder wild geworden. Es gehorcht dem Jungen nicht mehr. Jetzt muss er es wieder streng zähmen. Er zieht die Zügel sehr stark an, weil der Ochse irgendwo anders hingehen will. Die Spannung der Zügel beherrscht hier das Bild. Jetzt fängt man die harte Übung an, um sich wieder mit dem wahren Selbst zu harmonisieren. Aber was bedeutet die Wildheit? Es ist, wie im vorigen Bild, wiederum die Projektion des Übenden. Wild ist nicht der Ochse, sondern der Übende selbst, noch genauer, das Ich des Übenden.

Von dieser Phase an bis zur sechsten Phase wird die Auseinandersetzung zwischen dem Ich und dem wahren Selbst eines Individuums besonders thematisiert. Natürlich kann das Individuum im Grunde nicht so aufgeteilt werden. Wie schon im Kommentar zum ersten Bild erwähnt, gibt es am Anfang keine Differenzierung. Erst wenn man bemerkt, dass einem das wahre Selbst fehlt, entsteht das Ich, das Subjekt des Individuums, das der Ursprung aller Differenzierungen ist. Mit „Individuum” ist hier eine konkrete, durch Raum und Zeit bestimmte Person gemeint.

Nun war das Ich weit vom richtigen Weg abgekommen, es tat, was es wollte. Es ist deshalb für den Übenden sehr schwer, seine Lebensweise noch einmal richtig einzustimmen. Im Kommentar wird diese Situation so dargestellt: „Der Ochse kann das duftende Gras nicht verlassen.” So sieht es der Junge. Aber eigentlich ist er es, der das frühere Leben vermisst und nicht der Ochse.

Das wahre Selbst ist an sich gehorsam und bildsam. Es ist der Mensch selbst, der sich die Bildsamkeit verdirbt. Jetzt muss er sich sehr darum bemühen, sich mit dem wahren Selbst zu vereinigen, was als Selbstbildung verstanden werden kann. Die Spannung der Zügel drückt diese Schwierigkeit aus. Es ist die Phase des inneren Kampfes. Man stellt sich vor, dass der Ochse wegläuft und man ihn festhalten muss. Die Tatsache ist aber: Der Ochse hält einen fest. Es ist das wahre Selbst, das die ganze Zeit die Initiative der Erziehung ergreift.

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Das fünfte Bild

DEN OCHSEN ZÄHMEN

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Der Hirte darf Peitsche und Leitseil

keinen Augenblick aus der Hand lassen,

sonst läuft der Ochse davon in den Staub.

Recht gezähmt jedoch, wird er sauber und sanft,

gelöst vom Seil, folgt er willig dem Hirten.

Der Junge und der Ochse gehen harmonisch miteinander. Jetzt brauchen die Zügel nicht mehr angezogen zu werden. Wo der Mensch hingeht, folgt der Ochse auch hin. Sie sind noch getrennt, und die Zügel können noch nicht ganz losgelassen werden, es gibt aber keine Spannung mehr zwischen dem Menschen und dem Ochsen, beide sind sehr gelassen. Dieses Bild steht im großen Kontrast zum vorhergehenden Bild. Der wilde Kampf ist der Ruhe gewichen.

Der Junge hat gelernt, zum Ursprung zurückzukehren. Ursprung bedeutet: Ohne Worte hört er, ohne Worte sieht er, ohne Worte handelt er. Im Kommentar von Kakuan dazu heißt es: „Noch ehe ein Gedanke auftaucht, folgt ihm ein anderer nach. Durch das Erwachen wird die Wahrheit erlangt. Durch den Verlust des wahren Selbst entsteht der Irrtum.”

Jetzt gibt es zwar noch etwas Abstand zwischen dem Ich und dem wahren Selbst, aber sie kommen gut miteinander aus. Was man tut, wird unmittelbar richtig, wird jedoch stets auch als „das richtige Handeln” bewusst erkannt. Der Übende ist noch nicht frei von der Reflexion darüber. Die Zügel im Bild repräsentieren das Bewusstsein, das die beiden gleichrangigen Elemente, das Ich und das wahre Selbst, verbindet. Einmal taucht das wahre Selbst zur Oberfläche auf, dann folgt ihm das Ich schnell hinterher. Ein andermal herrscht das Ich vollkommen, dennoch wird es vom wahren Selbst ganz natürlich unterstützt.

4. und 5. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag

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Das sechste Bild

HEIMRITT AUF DEM OCHSEN

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Er reitet auf dem Ochsen heim

in heiterer Gelassenheit

Den fernhinziehenden Abendnebel

begleitet weithin der Klang seiner Flöte.

Ein Klatschen, der Takt eines Liedes

ist von unumschränktem Sinn.

Wer diesen Sinn kennt,

braucht der denn noch Worte?

Der lange Kampf ist zu Ende. Der Junge reitet nun auf dem Ochsen und spielt die Querflöte. Er hat keine Zügel mehr in der Hand. Der Hirte und der Ochse sind eine vollkommene Einheit. Man kann sich vorstellen, dass im Abendrot eine ländliche Melodie klingt. Eine vertrauensvolle Stimmung herrscht im Bild, denn der Junge weiß, dass der Ochse nach Hause geht. Dabei braucht er dem Tier nicht den Heimweg zu zeigen, sondern kann ihm völlig vertrauen. Wo die beiden einmal gewesen sind, dorthin gehen sie nun zusammen.

Das Ich und das wahre Selbst sind jetzt im Individuum vollkommen vereinigt, und auch die Reflexion, mit der das Ich sich kontrolliert, ist verschwunden. Gehen, stehen, sitzen und liegen, alles, was man tut, ist sofort das wahre Handeln. Man denkt nicht mehr darüber nach. Ein großes Selbstvertrauen wurde einem geschenkt. Die Bilder drei bis sechs thematisieren in besonderem Maße den stufenweisen Aufbau der Übungen im Sinne von Kojo („Übung aufwärts”). Sie sind daher methodisch sehr informativ. Im Folgenden wird versucht, das konkret anhand des Beispiels der Atmung beim Zazen zu erklären.

In der ersten Phase (im dritten Bild: Den Ochsen erblicken) lernt man in der Praxis, die Wahrheit ohne Worte mit dem eigenen Körper zu erlangen. Man sitzt im Lotussitz und atmet gemäß der Anweisung. Das ist der Anfang der Übung im engeren Sinne.

In der nächsten Phase (im vierten Bild: Den Ochsen fangen) stimmt man die Atmung ein, z.B. durch Sžsokukan. Zwar sitzt man ruhig, aber oft tauchen die verschiedensten Gedanken auf und stören das Zazen. Also zählt man von eins bis zehn. Mit diesem kräftigen „Zahlenschwert” schneidet der Übende alle überflüssigen Gedankenströme ab. Jedoch gelingt das nicht immer. Man muss sich ständig darum bemühen, sich trotz aller Ablenkung mit dieser Methode selbst zu kontrollieren. Das entspricht dem Anziehen der Zügel im Bild.
Langsam gewöhnt man sich daran. Die Atmung wird ruhiger und länger, beim Zählen wird man nicht mehr so sehr abgelenkt. Nun beginnt man das Zuisokukan, bei dem man die eigene Atmung mit dem inneren Auge verfolgt. Es geht nur darum, das Einatmen und Ausatmen zu spüren. Das ist die Phase des fünften Bildes: Den Ochsen zähmen. Der wilde Zustand ist vorbei, aber die Zügel müssen noch gehalten werden.

Beim sechsten Bild (Auf dem Ochsen nach Hause reiten) wird die Atmung vollkommen eingestimmt. Jetzt braucht sich der Übende nicht mehr der Atmung bewusst zu sein. Die Atmung atmet selbst. Man geht völlig im Aus- und Einatmen auf. Die ganze Welt atmet. Die Grenze zwischen dem eigenen Körper und der Umwelt ist verwischt. Es gibt nur die eine große Atmung und die in ihr manifestierte Wahrheit. Diese Übungsphasen gehören auch zu vielen Arten der mit „-do” bezeichneten japanischen Künste, wie z.B. „Sado” (Teezeremonie), „Shodo” (Kalligraphie), „Kado” (Blumenstecken), „Kendo” (Schwertweg) oder „Kyudo” (Bogenweg).

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Das siebte Bild

DER OCHSE IST VERGESSEN - DER MENSCH BLEIBT


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Heimkehren konnte er nur auf dem Ochsen,

nun gibt es den Ochsen nicht mehr.

Allein sitzt der Hirte, heiter und ruhig.

Die rote Sonne steht schon hoch am Himmel,

doch er träumt friedlich weiter.

Unter dem Strohdach liegen nun

Peitsche und Leitseil nutzlos herum.

Der Junge ist zu Hause. Es scheint zwischendurch Nacht geworden zu sein. Der Vollmond geht über den Bergen auf. Der Junge sitzt vor dem Haus, er faltet die Hände in Richtung auf den scheinenden Mond. Das Bild ist von einer ruhigen und friedlichen Stimmung erfüllt. Der Ochse ist nicht mehr zu sehen. Man fragt sich nun, wo er ist. Bis zum sechsten Bild stand er stets im Mittelpunkt des Interesses. Der Junge hatte seine Reise begonnen, weil der Ochse verschwunden war, aber jetzt ist er sehr zufrieden ohne das Tier und genießt nur den Mondschein.

Er scheint alle Mühe schon längst vergessen zu haben. Der Ochse könnte, wie gewohnt, im Stall sein. Wie der Kommentar zum ersten Bild sagt: „Von Anfang an nicht verloren.” Unterwegs wurde das wahre Selbst methodisch thematisiert. Man harmonisierte sich völlig mit ihm und ist sich nun dieses Selbst nicht mehr bewusst. Es ist überflüssig geworden und wurde aufgegeben. Im Ergebnis gibt es also keinen Unterschied zum Ursprung. Das ist der widersprüchliche Charakter der Erziehung im Zen.

In der Pädagogik ist die Methodik konkretes Mittel zu einem Ziel. Beides sind verschiedene Dinge, und die Methodik muss dem Erziehungsziel dienen. Beim Zen aber wird die Methodik ganz anders gesehen. Im Kommentar zum 7. Bild heißt es: „Es gibt keine zwei Dharmas. Nur vorübergehend wurde der Ochse zum Thema.” Das wahre Selbst liegt immer ursprünglich in einem methodischen Rahmen schon vor und ist in erster Linie durch die Übung zu verwirklichen. Die Wahrheit kommt nirgendwo anders als in der Praxis zum Vorschein. Wenn man jedoch erkennt, dass alles Handeln unmittelbar das wahre Selbst manifestiert, dann braucht man die Methodik nicht mehr.

Jetzt stellt sich noch eine Frage. Angenommen, der Junge ist wieder ohne den Ochsen, er ist also wieder zum Ursprung zurückgekehrt, wozu dann alle seine Mühe? Ist der Zustand zwischen dem Vorher und dem Nachher wirklich gleich? Um diese Fragen zu beantworten, muss man die Tatsache beachten, dass der Junge zu Hause ist. Zu Hause sein heißt da sein, wo man eigentlich hingehört. Im Ursprung gibt es keine Differenzierung, und es verschwindet sogar die Bestimmung „keine Differenzierung”. Es gibt nichts als die Wahrheit. Der Mond scheint herrlich, und der Junge sieht dessen klares Licht. Er weiß zwar, dass der Mondschein und er selbst nicht verschiedene Dinge sind, aber er hat vergessen, dass er es weiß.

Er faltet einfach die Hände in Verehrung und genießt damit die harmonisierte Welt durch sein Tun. In dieser Darstellung kann man erkennen, wie der Glaube praktiziert wird. Der Junge akzeptiert jetzt friedlich alles, was geschieht. Er ist so sicher, dass er nicht mehr reflektiert. Diese Sicherheit wird durch die Buddha-Natur selbst bewirkt. Hier liegt der Unterschied zum Anfangszustand. Das Ergebnis der langen Reise ist der Glaube, entstanden aus der Übungspraxis, nämlich aus dem Zähmen des Ochsen.
Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag

6. und 7. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag


Das achte Bild

MENSCH UND OCHSE SIND BEIDE VERGESSEN

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Peitsche und Leitseil, Ochs und Hirte

gehören gleichermaßen der Leere an.

Der blaue Himmel ist so allumfassend weit,

das alles Mitteilen in ihm beinah endet.

Über loderndem Feuer kann keine Schneeflocke bestehen.

Ist die Geistesverfassung erreicht,

begegnet er endlich dem Geist der Partriarchen alter Zeit.

Die Reise des Jungen führt nun in einen seltsamen Zustand. In diesem Bild ist weder Mensch noch Ochse zu sehen. Was bis zur letzten Phase das Thema war, ist hier völlig verschwunden. Es gibt nur einen Kreis. Er war aber von Anfang an in den Bildern vorhanden und bildete den Rahmen für die einzelnen Etappen der Geschichte. Weil die dargestellten Figuren nun weg sind, wird er plötzlich so deutlich, dass er den gesamten Raum einnimmt.

Jetzt erfährt man einen großen Sprung nach vorne. Die bisherige Entwicklung wird durch das „Nichts” gründlich vernichtet. Im vorigen Bild erreichte der Junge eigentlich die Endphase seiner Suche. Das wahre Selbst verkörpert sich im Individuum. Was er tut, ist unmittelbar das Handeln des Dharmas. Alles ist natürlich. Er bleibt friedlich in der universalen Einheit. Doch diese Einheit muss aufgebrochen werden, um die wahre Freiheit des Selbst zu verwirklichen. Wenn man trotz der wunderbaren Harmonisierung mit der Welt noch ein Individuum bleibt, wird man nicht von sich selbst befreit. Das Ziel des Buddhismus ist es, die absolute Befreiung von allem zu erlangen. Deshalb muss das „große Ich” durch das Nichts ersetzt werden, das über das Sein und das Nichtsein oder die Weltlichkeit und die Heiligkeit hinausgeht.

Vom ersten bis zum sechsten Bild war die dynamische Kraft, die das einzelne Bild zur nächsten Phase hin treibt, eigentlich die Selbstverneinung. Das Individuum ist in jeder Phase noch nicht reif genug. Der Kampf gegen das Ich muss stets durchgeführt werden und das Selbst muss immer noch aufgehoben werden. Dieser Prozess ist eine normale Entwicklung bei der Erziehung und der Bildung. Im siebten Bild kommt der Fortschritt zu einem Ende, weil es keine Spur des wahren Selbst mehr gibt. Im achten Bild stellt sich aber die vollkommene Selbstverneinung dar, die weder Selbst noch Verneinung enthält. Das absolute Nichts, das sogar die Selbstverwirklichung überwindet, ist die radikale Forderung des Buddhismus, aber es hat auch eine große Bedeutung für die Entwicklung des eigenen Selbst jedes Menschen.

Diese Entwicklung beruht auf der Suche nach etwas Höherem, denn das jetzige Selbst ist nicht das wahre. Dies wird zunächst thematisiert. Man setzt das vorübergehende wahre Selbst als Ziel voraus und macht einen ersten Schritt, sich ihm zu nähern. Durch die ständige Selbstverneinung versucht man, dem Ziel möglichst nahe zu kommen. Wenn man sich aber einmal mit dem erreichten Stadium der Selbstverwirklichung zufrieden gibt, stockt die Entwicklung. Deshalb muss das verwirklichte Selbst endlich vernichtet werden, obwohl man zum Schluss herausgefunden hat, was das wahre Selbst ist. In dieser absoluten Befreiung manifestiert sich das undefinierbare, dynamische und kreative Selbst aus dem ursprünglichen Nichts. Die echte Kreativität entsteht aus solcher Freiheit von allen Figuren (d.i. Paradigmen - Vorbildern, Abgrenzungen, Vorurteilen, Weltanschauungen …).

Man schafft etwas Eigenes in irgendeiner Form. Dabei ist man bei der Art und Weise des Selbstausdrucks, also der Auswahl des Paradigmas, völlig frei. Man ist jetzt wahrhaft Herr seiner selbst. Das ist das Endziel der persönlichen Entwicklung. Auf diese Weise muss ein Paradigma trotz seiner leitenden Funktion bei der Suche nach dem wahren Selbst zum Schluss aufgegeben werden.

Wie kann man aber diese Ebene erreichen? In den „Zehn Ochsenbildern” wird gezeigt, dass dies nur durch die Gesamtheit der körperlichen Übungen möglich ist. Man zieht die Zügel an, bändigt den Ochsen und reitet ihn. All dies ist die Tätigkeit des ganzen Körpers und Geistes, die man nicht mit dem Kopf erlernen kann. Der letzte Schritt zum Nichts muss genauso, d.h. ohne Rückgriff auf den Verstand, verwirklicht werden. Wichtig ist es dabei, dass der Zustand des Nichts erst unmittelbar nach der langen Übung entsteht. Es ist nämlich klar, dass man im Grunde genommen sonst nur versuchen würde, bestehende Paradigmen durch neue Paradigmen zu ersetzen.

8. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag

Fazit: Nun hat der Hirte auch sich selbst vergessen können. Es herrscht nichts als wache Offenheit. Der leere Kreis ist im Zen das Symbol für die Ganzheitserfahrung, die Erleuchtung (satori). Nun ist der Mensch frei und offen, auf das einzugehen, was der Augenblick bringt. Aller Dualismus ist in der letzten Klarheit aufgelöst, alles ist leer. In dem Augenblick, wo das Ego auf den Plan tritt, treten auch die Umstände auf. Wenn sich das Ego auflöst, lösen sich auch die Umstände auf. Subjektivität und Objektivität gehen Hand in Hand. Aller Verblendung ist der Mensch ledig, und auch alle Vorstellungen von Heiligkeit sind verschwunden.

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Das neunte Bild

ZUM URSPRUNG ZURÜCKGEKEHRT

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Er ist zum Ursprung zurückgekehrt,

doch waren seine Schritte umsonst.

Besser ist es für ihn, wie blind und taub zu sein.

In seiner Hütte sitzt er,

sieht von all dem da draußen nichts.

Die Ströme fließen, wie sie fließen,

und rote Blumen blühen von selber rot.

Mitten im Bild fließt ein Strom. Am Ufer steht ein Pflaumenbaum in Blüte. Kein Mensch ist zu sehen, nur die schöne Natur ist da. Im Kommentar steht: „Der Strom fließt aus sich selbst unendlich, die Blüte blüht aus sich selbst rot.”

Hier wird eine malerische Landschaft dargestellt, die kein Objekt der Wahrnehmung des Menschen ist. Das Dasein des Stroms und der Blüte unterscheidet sich nicht vom Sehen und Gesehenwerden. Es gibt nur das absolute Sein, das weder Sein noch Nichts ist. Dieser Zustand ist nichts anderes als der leere Kreis des achten Bildes, in dem alle dualistischen Gegensätze restlos verschwunden sind. Das neunte Bild stellt die absolute Bejahung dar, das achte die absolute Verneinung, beide sind dynamisch austauschbar. Das neunte Bild bedeutet deshalb eigentlich keine neue Phase, es ist eine Variation der Seinsweise des Nichts.

Dennoch wird diese Phase hinter der achten eingeordnet. Denn man muss einmal alles im Nichts erkennen, um dann wieder zur Welt zurückzukehren. Der Ort, an dem man nun leben muss, ist der gleiche Ort, an dem man am Anfang lebte, so wie es der Titel dieses Bildes sagt. Der unendliche Strom ist immer schon da gewesen und die rote Blüte auch. Alles drückt direkt das wahre Selbst aus, aber es bedarf keines erkennenden Subjektes.

Im siebten Bild wurde die friedliche Natur bereits dargestellt. Der Junge betrachtete zufrieden den Mond, der nicht unterschiedlich von ihm selbst ist. Die große Harmonie des eigenen Selbst mit allen Geschöpfen ist da schon vorhanden. Im Vergleich dazu fällt hier auf, dass trotz der schönen Natur kein Mensch anwesend ist. Das wahre Selbst braucht nicht mehr das Subjekt, das sich als das eigene Selbst erkennt. Man lebt in der Welt, in der es nichts gibt, was nicht man selbst ist. Der Mensch ist nicht nötig, damit die Welt von sich aus noch reiner und wunderbarer wird. Der Strom fließt immer schon, die Blüte blüht nur rot: das Sein an sich.

Hier zeigt sich die absolut variationsfreie Kreativität. Hier kann die Aussage, dass der Berg der Berg ist, gleichberechtigt neben der Aussage stehen, dass der Berg nicht der Berg ist. Der Widerspruch manifestiert sich ganz selbstverständlich im dynamischen Wechsel zwischen dem leeren Kreis und der Natur. Absolut frei zu sein ermöglicht, sich aller Paradigmen nach Belieben zu bedienen. Aus dieser Freiheit entstehen die kreativen und eigentümlichen Aktivitäten der Menschen. Alles ist einzig und einmalig im Sein. Das ist der begreifbare Ausdruck des unbegreiflichen Nichts. Die Personalität und der Wert des Individuums können erst in diesem Sinne gewürdigt werden.

9. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag

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Das zehnte Bild

DEN MARKT BETRETEN MIT OFFENEN HÄNDEN


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Mit entblößter Brust kommt er barfuß zum Markte.

Schmutzbedeckt und mit Asche beschmiert,

lacht er doch breit übers ganze Gesicht.

Ohne Zuflucht zu mystischen Kräften

bringt er verdorrte Bäume schnell zum Blühen.

In diesem zehnten und letzten Bild der Geschichte ist menschliches Leben wieder in die vom Nichts des Kreises umschlossene Natur ein- und zurückgekehrt. Ein alter Mann hält eine Sake-Kanne in der Hand. Der dicke Bauch, die schäbige Kleidung und der große Bettelsack deuten an, dass er der legendäre chinesische Mönch „Hotei” ist, der als Bettler durchs Land zog. Mit diesem fröhlich lachenden alten Mann spricht ein Junge. Der Alte hat ihn vielleicht nach dem Weg gefragt; möglicherweise möchte der Junge auch einfach nur mit dem alten Mann reden und hat ihn deswegen angehalten.

Das Treffen auf der Dorfstraße ist scheinbar reiner Zufall, kann aber auch als zielgerichtetes Ereignis angesehen werden. Denn hier manifestiert sich das wahre Selbst zwischen Menschen, so wie es im vorigen Bild als die schöne Natur erscheint. Die beiden Seinsweisen sind Variationen des ursprünglichen leeren Kreises. Deshalb drücken das achte, das neunte und das zehnte Bild eigentlich nur einen einzigen Zustand aus. Merkwürdigerweise haben die letzten drei Bilder nichts mit dem Titel „Zehn Ochsenbilder” zu tun, aber sie sind die notwendige Weiterentwicklung der vorigen Phasen, weil sie immer noch vom wahren Selbst handeln.

Nun ist das zehnte Bild das letzte der gesamten Reihe. Obwohl die letzten drei eigentlich gleichrangig sind, bedeutet die Position des zehnten etwas Besonderes. Die Dynamik des wahren Selbst wirkt jetzt zwischen den Menschen. Hier wird die Wirklichkeit der Überlieferung dargestellt. Der alte Mann lacht so lustig, dass er anscheinend das Leben voll genießt. Bei ihm findet man keine Spur davon, dass er heilig oder weise ist. Doch trotz seines bettelarmen Aussehens nimmt er gütige Rücksicht auf seine Mitmenschen.

„Hotei” ist die Verkörperung eines „Bodhisattvas”, der als Erleuchteter den eigenen Übergang ins Nirvana aufschiebt, um den anderen Wesen zu helfen, sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten zu lösen. Ein Junge trifft den alten Mann an einer Ecke in der Stadt, und in diesem Moment erhellt sich etwas beim Jungen. In diesem Erlebnis kann eigentlich nichts Konkretes weitergegeben werden. Der Alte lehrt nichts durch Worte und der Junge lernt auch nichts. Trotzdem mag sich der Junge aufgrund dieser Begegnung eines Tages entscheiden, die Suche nach dem Selbst zu beginnen. Also führt dieses Bild wieder zum ersten Bild zurück. So wie die Bilder insgesamt einen Kreislauf darstellen, repräsentieren sie den ewigen Gang des menschlichen Lebens. Dies muss als die Wirkung des zielgerichteten Ereignisses angesehen werden.

Übrigens ist der Junge nicht derselbe, der vom ersten bis zum siebten Bild zu sehen ist, und der alte Mann taucht selbstverständlich zum ersten Mal hier auf. Sie sind wieder Ausdruck des wahren Selbst und nichts anderes als der Fluss und die Blüte im vorigen Bild. Diese Begegnung ist deshalb die Manifestation der vollen dynamischen Kraft des wahren Selbst. Es ist immer der Leitfaden der Bildung und zeigt im letzten Bild seine Funktion zwischen den Menschen direkt und klar.

Das Ziel der Zen-Übungen, das in den „Zehn Ochsenbildern” dargestellt ist, ist die Selbstverwirklichung. Diese ist zwar auch Ziel der herkömmlichen Bildung, aber der Begriff des Selbst ist völlig unterschiedlich. Beim Zen handelt es sich um das „selbstlose Selbst”, und seine Verwirklichung vollendet sich im leeren Kreis des achten Bildes. Das Selbst, das zu verwirklichen ist, wird zunächst einmal als Ochse, als das virtuelle wahre Selbst dargestellt, aber schließlich wird es im absoluten Nichts aufgehoben. In dieser Phase ist die Selbstverwirklichung nicht auf den Menschen persönlich bezogen, sondern bedeutet die Rückkehr zum Ursprung.

Dieses verwirklichte Selbst bleibt aber nicht statisch in der Vollendung. Es bewegt sich einmal als Natur wie im neunten Bild, einmal als Mensch wie im zehnten Bild. Es schafft dies alles aufgrund der absoluten Freiheit. Diese Dynamik zeigt den wahren Sinn, nämlich dass Selbstverwirklichung bedeutet, individuell bestimmt zu sein. Die Individualität harmoniert mit der universalen Allgemeinheit. Mit anderen Worten: Die letzten drei Bilder weisen auf drei Aspekte des Selbst hin. Der Kreis ist die grundlegende Selbsterkenntnis des Selbst, die Natur ist die einzelne ontische, d.h. unabhängig vom Bewusstsein existierende Gestalt des Selbst, und die Menschen sind das Handeln des Selbst. Auf diese Weise lässt es sich verdeutlichen, dass die „Zehn Ochsenbilder” ihr Ziel sehr genau, ausführlich und pädagogisch sinnvoll bestimmen.

Dennoch bleibt die Welt in den Bildern unabhängig von der pädagogischen Intention immer noch, wie sie war. Der Fluss fließt. Die Blume blüht. Die Dorfbewohner unterhalten sich miteinander. Dass die weltliche Wirklichkeit unmittelbar der Ausdruck des verwirklichten Selbst ist, bedeutet aber keine einfache Bejahung der Realität. Die Freiheit und die Kreativität des Selbst können erst aus der absoluten Verneinung des Selbst, aus dem selbstlosen Selbst entstehen, das nach den normalen harten Übungen, bei denen man immer auf das Höhere zielt, schließlich gewonnen werden kann. Der Übungsprozess bis zum achten Bild ist also die Voraussetzung für die Selbstverwirklichung.

10. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag

Fazit: Der Weg des Erleuchteten führt wieder zurück in die normale Alltagswelt mit all ihren Wirrungen. Kein Heiliger kommt zurück, sondern ein ganz normaler Mensch mit seinen Schwächen, die er jedoch kennt und mit Gelöstheit und Humor trägt. In unscheinbarer Gestalt, bedürfnislos und heiter, mischt sich der Weise unters Volk, ohne seine Überlegenheit zur Schau zu tragen. Dieser letzte entscheidende Schritt weg vom einzelgängerischen Asketen hin zum Sich-Einsetzen für die Gemeinschaft stellt das Ideal des helfenden Erleuchteten, des „Bodhisattvas” dar.

DIE PÄDAGOGIK DES ZENMEISTERS

In ihrem Buch “Ewig üben -Die Pädagogik des Zenmeisters” (Waxmann 2009) stellt die Japanerin Mariko Fuchs u.a. anhand der “Zehn Ochsenbilder” den Übungsprozess im Zen-Buddhismus dar. Diese Zeichnungen waren eng mit der Entstehung der Koan-Übungen der Rinzai-Schule verbunden. Das Arbeiten mit den Koans bedurfte nämlich einer methodischen Führung, die nicht spontan, sondern zielbewusst und effektvoll erfolgen sollte.

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Das erste Bild

NACH DEM OCHSEN SUCHEN

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Das erste Bild zeigt, wie ein Hirtenjunge alleine auf einem Feld steht. Er hat seinen Kopf gedreht, um nach dem weggelaufenen Ochsen zu suchen. Das Fehlen und die Suche sind das wichtige Motiv in diesem Bild. Die Betonung liegt auf der Abwesenheit des Haustiers. Bis dahin war er sich des Tieres nie explizit bewusst. Der Ochse war immer da, und der Junge kümmerte sich nicht besonders um dessen Existenz. Plötzlich ist diese Harmonie verloren gegangen. Angst erfasst den Jungen. Er beschließt, den Ochsen zurückzuholen.

Das ist der Anfang der Geschichte. Wie ist sie zu deuten? Es ist selbstverständlich, dass der Junge den Übenden symbolisiert und seine Suche den Übungsprozess. Was aber soll der Ochse bedeuten? In Indien wurde der Ochse als heiliges Tier und Symbol der Erleuchtung betrachtet, aber in China änderte sich sein heiliger Charakter. Dort lebten und arbeiteten die Menschen immer mit den Ochsen zusammen, und der Ochse wurde ein Teil des alltäglichen Lebens.

In keinem Fall kann der Ochse also entweder das Phänomen der Erleuchtung oder die reine Übungstechnik symbolisieren. Er drückt nur aus, was von Anfang an da ist, was im Alltag stets den Menschen begleitet. In der buddhistischen Terminologie weist er auf die „Buddha-Natur” hin. Auf den pädagogischen Charakter dieser Bilder bezogen, bedeutet der Ochse das zu verwirklichende Selbst, das eigentliche Selbst bzw. das „wahre Selbst”, wie es Ueda nennt.

Daraus ergibt sich: Die notwendige Motivation für die Übung erhält man dann, wenn man das eigene „wahre Selbst” vermisst. Man stellt fest, dass etwas im alltäglichen Leben nicht stimmt und dass man in diesem Zustand nicht mehr leben kann. Nun beginnt die Suche nach dem Eigentlichen, das irgendwo auf einen wartet. Dieser Anfangszustand wird im buddhistischen Dogma als die Entstehung des Bodhi-Geistes erklärt. Jedoch ist er zunächst nur die Betrachtungsweise des Übenden.

Tatsächlich aber ist er bereits nichts anderes als dieses Selbst, welches die Suche dynamisch einleitet. Man kann gar nicht anders handeln. Unabhängig von dem Willen des Übenden führt es ihn auf einen langen Weg. Die Initiative geht also nicht von dem Übenden aus, sondern vom „wahren Selbst”. Für Außenstehende erscheint der sich auf den Weg Begebende sehr irrational. Das trifft aber mehr oder weniger auch auf andere religiöse Verhaltensweisen zu.

Das erste Ochsenbild verweist auf zwei Merkwürdigkeiten: Erstens ist das zu verwirklichende Selbst das ursprüngliche Selbst. Der Junge hatte einmal den Ochsen zu Hause, nun will er ihn zurückgewinnen. Die Selbstverwirklichung in diesen Bildern bedeutet, zum Ursprung zurückzukehren. Im Vergleich zur herkömmlichen Bildung, bei der man das gegenwärtige Selbst aufhebt, um etwas „Besseres” an seine Stelle zu setzen, geht es beim Zen um etwas anderes.

Zweitens ist der Kommentar von Kakuan zu diesem Bild sehr ironisch. Er sagt wörtlich: „Von Anfang an nicht verloren.” Er erklärt, dass das Verlieren des wahren Selbst nur eine Illusion ist und dass die Suche danach eigentlich überflüssig ist. Je weiter man geht, desto mehr verirrt man sich. Das heißt also, dass die ursprüngliche Kraft, die einen zur Selbstverwirklichung zu führen scheint, in Wahrheit auch eine Einbildung ist und auf einer falschen Denkweise des Menschen beruht, die „auf das Unterscheiden zwischen Ja und Nein und das Urteilen über Gut und Böse” fixiert ist. Wenn man darüber nachdenkt, den Ochsen verloren zu haben bzw. ihn wiederzufinden, befindet man sich schon im Irrtum.

Zusammenfassend kann man sagen: Die Bildsamkeit des Menschen beruht darauf, dass alle Menschen schon das „wahre Selbst” in sich haben, das allerdings erst mithilfe der differenzierenden Sprache („gut”/„böse” etc.) entwickelt werden kann. Denn diese Übungsreise wird durch den bewusst gewordenen Verlust des Ochsen hervorgerufen, nämlich durch die bewusste Unterscheidung zwischen Sein und Nicht-Sein. Wichtig dabei ist, dass ohne die Kraft des wahren Selbst die Übung überhaupt nicht beginnt, dass aber dieser Beginn, wie oben dargelegt, auf einem fundamentalen Irrtum basiert. Diesen Widerspruch muss der Übende zunächst einmal übernehmen, und die Auseinandersetzung damit bleibt stets der Leitfaden der Übung.”

Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag

MEDITATIONS-TERMINE

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Herzlich willkommen!

Der Zenkreis trifft sich regelmäßig alle zwei Wochen sonntags abends in Geldern, um in freundschaftlicher Atmosphäre zu meditieren und sich gelegentlich darüber auszutauschen. Willkommen sind alle am Zen-Weg Interessierte - ganz gleich welcher Konfession sie angehören. Der Einstieg ist jederzeit möglich. Jeder kommt und geht in eigener Verantwortung. Es gibt keine besondere Verpflichtung.

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Die nächste ZenMeditation

findet am Sonntag, dem 12. September 2010, um 20 Uhr, in der  Yoga-Oase statt. -  Wegbeschreibung: Wenn Sie auf der Weseler Straße (B 58) Richtung Geldern fahren, biegen Sie nach der 1. Ampel rechts in die Fürstenberger Straße ein und danach sofort links in „Am Geesthof” zur Nr. 4. Von den Teilnehmern wird - als Beteiligung an den Mietkosten für den Übungsraum - ein Beitrag von etwa 3,- Euro erbeten.  Bitte melden sich beim ersten Besuch vorher zu einer kurzen Einweisung an (Telefon 02831-97 66 260).

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Meditations-Termine 2010

Wir meditieren an folgenden Sonntagen jeweils ab 20.00 Uhr:
24. und 31.  Januar ___ 14. und 28. Februar ___ 14. März ___ 11. April ___ 02. und 16. sowie 30. Mai___ 13. und 27. Juni ___ 18. Juli ___ 01. und 15. sowie 29. August ___  12. September ___  03. und 24. Oktober ___ 07. und 21. November ___ 19. Dezember 2010.
Der “Tag der Achtamkeit” findet wieder am 2. Adventssonntag, dem 05. Dezember 2010, statt.
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Der Ablauf der Meditationsabende

gestaltet sich folgendermaßen: Wir beginnen pünktlich um 20.00 Uhr mit einer kleinen Teezeremonie (Sarei). Anschließend wird zur Einstimmung ein Text vorgetragen. Es folgen zwei 25-minütige Sitzrunden (Zazen). Dazwischen gibt es eine Geh-Meditation (Kinhin). Zum Abschluss der praktischen Übung rezitieren wir das Herz-Sutra. Danach bietet sich beim Tee noch Gelegenheit zum Gedankenaustausch. Die Zusammenkunft endet gegen 22 Uhr. -  Weitere Informationen zur Vorbereitung auf die ZenMeditation finden Sie in der rechten Spalte unter “03 - ZenMeditation” und  “05 - Anleitung”.

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  • Kategorie: 04 - Termine