20 Jul
Jedes Lebewesen auf dieser Erde scheint zu wissen, wie es ruhig und still sein kann. Der Schmetterling auf einem Blatt, die Katze vor dem Kamin - selbst ein Kolibri kommt manchmal zur Ruhe. Nur wir Menschen sind ständig in Bewegung. Wir scheinen die Fähigkeit verloren zu haben, ganz einfach ruhig zu sein, einfach in der Stille, der Grundlage unseres Lebens, präsent zu sein.
Der Punkt der Stille ist das Herz des kreativen Prozesses. Im Zen finden wir durch Zazen Zugang zu ihm. Der stille Punkt ist wie das Auge eines Wirbelsturms. Still, ruhig, selbst mitten im Chaos. Viele glauben, dass es sich dabei um eine Leere handelt, in der die Welt ausgeschlossen wird, aber das stimmt nicht. Still zu sein heißt, sich leer zu machen von dem unablässigen Strom der Gedanken und in ein Bewusstsein einzutreten, das offen und empfänglich ist. Stille ist ganz natürlich und unkompliziert.
Im Zazen bemühen wir uns darum, unsere Gedanken und inneren Dialoge loszulassen und den Geist zum Atem zurückzubringen. Dadurch wird der Atem nach und nach leichter und tiefer, und der Geist kommt ganz natürlich zur Ruhe. Der Geist ist wie die Oberfläche eines Sees. Sobald ein Wind weht, ist die Oberfläche unruhig. Es bilden sich Wellen und Strömungen, und das reflektierte Bild der Sonne oder des Mondes wird gebrochen. Doch sobald der Wind sich legt, wirkt die Oberfläche des Sees wie Glas. Der stille Geist ist wie ein Spiegel. Er denkt nicht nach, sondern reflektiert nur. Wenn eine Blume vor ihm auftaucht, reflektiert er eine Blume. Wenn sie verschwindet, verschwindet auch ihre Reflexion. Der Geist kehrt zu dieser ursprünglichen, reinen Oberfläche zurück.