22 Jun
Das Wesentliche eines jeden Koans ist das Paradoxon, was soviel heißt wie „jenseits des Denkens”. Es ist kein Rätsel, da es nicht mit dem Verstand zu lösen ist. Um ein Koan zu lösen, bedarf es eines Sprunges auf eine andere Ebene des Begreifens. Bei der Koan-Meditation geht es darum, die gedanklichen Grenzen zu überschreiten, um dahinter die wahre Natur aller Dinge zu erkennen.
Wenn ein Meister seinem Schüler ein Koan aufgibt, wird dieser zunächst versuchen, die Antwort mit dem Verstand zu finden. Erst wenn sich sein Denken irgendwann erschöpft hat, wird er andere Lösungsmöglichkeiten in Betracht ziehen. So wird er sein strukturelles Denken, seine subjektiven Bewertungsmaßstäbe und sein „schlaues Reden” aufgeben, den Geist leer machen und nach und nach Instinkt und Intuition wieder entdecken. Er wird die Wahrheit hinter seiner Wahrheit entdecken. Das folgende Beispiel soll einen ersten Eindruck von dem vermitteln, was mit „dem Sprung auf eine andere Ebene” gemeint ist:
Das Herz des Baums*
Der chinesische Zenmeister Seppo sagte zu seinem Schüler Chosei: »Komm, nimm die Hacke! Statt der Meditation fällen wir ein paar Bäume und bauen eine Hütte.« So folgte Chosei dem Meister in den Wald des Klosters. Als er ausholte, um den ersten Baum zu fällen, rief Seppo ihm zu: „Unterbreche Deine Bewegungen nicht, bis Du im Herzen des Baumes angelangt bist!” Ohne den Schlag auszuführen, antwortete Chosei ihm: »Ich bin schon angekommen.” „Sehr gut”, erwiderte Seppo. „Unser Buddha hat seine Lehre direkt von Herz zu Herz übermittelt. Was sagt Du dazu?” „Übermittlung erhalten”, antwortete Chosei, indem er die Axt zu Boden warf. Seppo hob sie auf und versetzte seinem Schüler mit dem Stiel einen Schlag auf den Kopf.
8 Jun
Mit unseren sechs Sinnen und ihren einzelnen Bewusstseinsmomenten, die man Augen- und Ohrenbewusstsein, Zungen- und Nasenbewusstsein, Körper- und Geistesbewusstsein nennt, erzeugen wir unsere Wirklichkeit, so wie ein Künstler, der jede Kombination der Farben Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett nutzen kann, um ein Bild zu schaffen. In seinem Buch „Das weise Herz” berichtet Jack Kornfield, Psychologe und Psychotherapeut, über seine Erfahrungen, die er in jahrzehntelanger Beschäftigung mit den buddhistischen Lehren gesammelt hat.
„Als ich von meinem birmanischen Meister Meditationsunterricht erhielt, sagte er mir, ich solle so langsam wie möglich werden, um jeden einzelnen Moment, der in meinem Bewusstsein entsteht und vergeht, mit größtmöglicher Klarheit wahrzunehmen. Im Speisesaal des Klosters brachte jede Sekunde neue Ansichten, Geräusche, Gerüche und Gedanken mit sich. Wenn ich mich setzte, um Reis mit Fischcurry zu essen, spürte ich, wie meine Robe über meine Haut strich, hörte die Stimmen der Besucher und fühlte und roch den Schweiß auf meiner Haut.
Wenn ich achtsam die Hand hob, um eine Mango aufzunehmen und zu kauen, wurde mir der Hintergrundkommentar aus Gedanken und Gefühlen in meinem Kopf bewusst. Anfangs verschmolz all dies zu einer einzigen Erfahrung, doch nach Monaten des Achtsamkeitstrainings wurde meine Wahrnehmung mikroskopisch genau. Innerhalb weniger Minuten entstanden Tausende von Bewusstseinsmomenten: Geräusche und Ohrenbewusstsein, sichtbare Objekte und Augenbewusstsein, schmeckbare Dinge und Zungenbewusstsein - alles kam zusammen wie die Farbtupfer in einem impressionistischen Bild oder die Lichtpunkte auf einem Fernsehschirm. So entstand meine Erfahrung des Mittagessens.
Sinneseindrücke und Bewusstseinsformen sind die ersten beiden Schritte in der Erschaffung unserer Welt. Der dritte Aspekt sind die Geisteszustände menschlicher Erfahrungen. Jede Sinneserfahrung und der mit ihr verbundene Bewusstseinsmoment löst im Geist bestimmte Qualitäten aus wie Sorge, Stolz oder Aufregung. Diese Qualitäten entstehen „zwischen” den Sinnen und dem Bewusstsein. Sie verleihen einer Erfahrung ihre ganz bestimmte Färbung. Daher sind es auch die Geisteszustände, die darüber entscheiden, ob wir Glück erfahren.