25 Mai
Dass Lachen etwas mit Zen zu tun haben soll, mag zunächst überraschen. Aber die innere Beziehung zwischen Lachen und Zen rührt daher, dass sich Zen in großem Maße um die Frage dreht, wie man mit seinem inneren Druck sinnvoll umgeht. Und das Lachen ist ein Mittel, sich von seinem inneren Druck zu befreien.
Ehe wir dieses Verhältnis näher untersuchen, stellt Euch einmal folgende Szenerie vor: Plötzlich haut mich jemand auf den Kopf. Ich drehe mich mit geballten Fäusten blitzschnell um und sehe hinter mir ruhig und heiter einen Telefonmasten dastehen. Dagegen also bin ich selbst gestoßen. Wenn mir so etwas passiert und wenn ich mir dann die Begebenheit so vor Augen halten kann, als sähe ich sie in einer Karikatur, mich also objektivieren kann - das heißt, wenn ich klar und deutlich das Bild betrachten kann, das ich da gerade abgebe -, durchschaue ich meine falsche Vermutung und meine unnötige Aufregung, in meinem Geist bricht die Spannung plötzlich zusammen, und unwillkürlich folgt daraus, dass ich lache.
Das Lachen hebt auf der Stelle die physische und geistige Erregung auf, also den inneren Druck. Vielleicht macht man mich zum Gegenstand einer witzigen Bemerkung, und ich ärgere mich darüber; aber wenn ich den Witz an der Sache objektiv überschaue und mit den anderen mitlache, ist mein Ärger schon aufgelöst, ehe ich ihn recht wahrnehme, so als wäre er heimlich still und leise weggeräumt worden.
Wahrnehmen heißt objektivieren. Je höher der Grad an Objektivierung ist, desto vollständiger wird der innere Druck aufgelöst. Innerer Druck ist Ego, und Lachen ist die Aufhebung des Ego. Genau besehen, gibt es keine anderen Wirklichkeiten als das, was wir Ego, Bewusstsein und so weiter nennen: Alles ist ein Produkt der Abfolge verschiedener Äußerungen inneren Drucks. Wenn man sich ärgert, stellt das den Versuch dar, inneren Druck auf äußere Objekte abzuleiten. Sind alle anderen Wege, den inneren Druck herauszulassen, verstopft und steht nur nochdie Möglichkeit offen, ihn auf andere abzulassen, entsteht Ärger.
18 Mai
Eines Tages wurde die Meditation des Meisters Ou-Tsou von einem wissbegierigen Schüler unterbrochen, der unterrichtet werden wollte. Ou-Tsou sah den Schüler an, zeichnete einen Kreis auf den Boden und setzte das Schriftzeichen für Wasser in dessen Mitte. Daraufhin blickte er seinen Schüler fragend an, um zu sehen, ob dieser die Bedeutung seiner Geste erfasst hatte. Dessen Gesicht spiegelte jedoch nur völliges Unverständnis wider.
Der Meister ist in tiefster Meditation versunken. Für ihn ist die Meditation eine konkrete Verwirklichung in seinem Inneren. Er tut dies nicht, um irgendwelche Schaulustigen - Eltern, Familie, Gesellschaft usw. - zu beeindrucken, sondern weil er es für nötig hält. Er steht über jeglicher Moral. Er ist, der er ist. Er strebt weder nach Liebe oder Gutheißung anderer. Er meditiert, weil er daran glaubt. Er glaubt an sich selbst. Er hat sich befreit.
Vielleicht haben seine Eltern ihn nicht - wie viele andere - konditioniert, die Welt so zu sehen wie sie. Mit anderen Worten: »Willst Du, dass ich Dich liebe, dann sehe die Welt mit meinen Augen und sei, wie ich will!« Er kennt wohl auch nicht die Begrenzungen der Partnerschaft, wo es heißt: »Setze Deine Scheuklappen auf und schau weder nach rechts noch nach links, sondern sieh nur mich an!«