VERSUCH EINER WEGBESCHREIBUNG

Die Wurzeln des Zen reichen 2.500 Jahre zurück bis zum historischen Buddha in Indien. Sein Leben zeigt als ältestes Vorbild der Menschheitsgeschichte, wie man aus eigener Kraft ohne „überirdische“ Unterstützung zu Erleuchtung und Vollkommenheit gelangen kann. Buddha war auch der erste, der die ursprüngliche Yoga-Meditation aus ihrer asketischen Einengung der Weltabkehr befreite und in eine praktische Übung für jeden zur Bewältigung seiner Lebensaufgabe umwandelte.

Im sechsten Jahrhundert brachte der legendäre Patriarch Bodhidharma dieses Gedankengut nach China. Der Legende nach übte er dort neun Jahre lang vor einer Felswand das „Sitzen in Versunkenheit“. Seine Lehre, der stark auf die Meditation ausgerichtete Dhyana-Buddhismus, entwickelte sich unter taoistischen und konfuzianischen Einflüssen zur chinesischen Urvariante des Zen zum Chan-na: kurz Chan genannt.

Im Lauf der folgenden Jahrhunderte bildeten sich in China unter den großen, bis heute maßgeblichen Meistern bedeutende Chan-Schulen heraus. Zwei davon gelangten als Rinzai- und Soto-Schule im 13. Jahrhundert nach Japan, wo sie unter der Bezeichnung «Zen» (Abkürzung von Zenno / Zenna, der japanischen Lesart von Channa) weitere berühmte Meister hervorbrachten und noch heute existieren.

Alle großen Zen-Schulen waren und sind sich darin einig, dass Buddha weder eine menschliche Gottheit noch der Schöpfer der Welt ist, sondern ein Mensch. Buddha Shakyamuni wird verehrt, weil seine Dharma-Lehre eine der ältesten Erlösungslehren der Erde ist, deren Schöpfer wir kennen und der noch heute Millionen Anhänger hat.

Und er war nicht der einzige Buddha, vor ihm und nach ihm gab es noch andere Buddhas, die eine fast ebenso tiefe Einsicht erreicht haben. Jeder Mensch kann zum Buddha werden, denn er trägt die „Buddha-Natur“, den Ansatz der Vollkommenheit in sich, um sich von den Ursachen des Leids (Begierde, Hass, Verblendung) befreien zu können.

Die Zen-Meditation dient zur Vorbereitung dieser „Großen Erfahrung”, jener mystischen Wirklichkeit von Satori oder Kensho (Erleuchtung bzw. Wesensschau), die gemeinhin als Ziel der Zen-Übung angesehen wird. Ein solches Ziel darf es aber eigentlich im Sinne der Selbstlosigkeit des Zen gar nicht geben. Die „Erfahrung” kann deshalb auch nicht herbeigeführt werden – und sei es durch noch so intensives Üben.

Man darf die Erleuchtung nicht suchen, nicht erwarten, nicht erhoffen, man kann sich höchstens von ihr finden und erfassen lassen. Wo diese Erfahrung in einem Menschen stattgefunden hat, da formt und prägt sie Ausdruck und Haltung, bis sie im Leben und Sein des Einzelnen vollkommen integriert und dann in seiner Erscheinung erkennbar ist, insbesondere für einen anderen Erfahrenen.

Zen gründet zwar im Buddhismus, vermittelt aber keinen Glauben, kein Dogma, kein theoretisches Wissen, sondern eine Lebenshaltung und einen Weg zur wahren Menschlichkeit. Die drei tragenden Säulen des Zen sind Meditation, Ethik und die von Weisheit durchdrungene Erkenntnis der Wirklichkeit.

Wer sich mit Zen beschäftigt, wird bald erkennen, dass es ihm eine vollkommen neue Perspektive auf sich und die Welt ermöglicht. Die Einsicht in das eigene Wesen, mit der im Idealfall die Einsicht ins Wesen aller Dinge verbunden ist, das ist es, was Zen auch für viele Menschen hier im Westen so attraktiv und wertvoll macht, auch wenn sie nur bestimmte Bereiche in ihren Alltag integrieren können.

Was ist nun also Zen?

Das Geheimnis des Zen ist die Praxis des Zazen: In einer Haltung tiefer Konzentration einfach nur sitzen, ohne Ziel und ohne Streben nach Erleuchtung. Die Zen-Meditation führt nicht in die Isolation, sondern wirkt sich positiv auf Körper und Geist aus. Denn sie führt beide zurück zu ihrem normalen Zustand. – Zen ist der Weg zu unserer ursprünglichen Natur, der „Buddha-Natur“.