16 Aug
Ein Typ kommt zu ‘nem Zen-Meister und fragt: “Gibt es Leben nach dem Tod?” Da sagt der Zen-Meister: “Woher soll ich das denn wissen?” Der Typ entgegnet entrüstet: “Weil Du ein Zen-Meister bist!” “Ja”, sagt da der ZenMeister, “aber kein toter.”
Wenn sich Leute Fragen übers Leben nach dem Tod stellen, nehmen sie dabei an, dass sie das Leben während des Lebens genau verstehen. Doch tun sie das? Tust du’s? Das ist eine der wichtigsten Fragen, die sich ein jeder von uns selber stellen kann. Immer, wenn Gautama Buddha über Leben nach dem Tod, ewige Existenz, den Ursprung des Universums, ob der Raum endlich oder unendlich sei und weitere derartige Unwägbarkeiten befragt wurde, sagte er: “Die Frage ist dem Fall nicht angemessen.” „Da ich weniger formell daherkomme”, sagt der amerikanische Zen-Meister Brad Warner, „würde ich das Gleiche wie folgt formulieren: Falsche Frage, Depp!”
Es gibt ‘ne Menge Diskussionen auf beiden Seiten über die Angelegenheiten von Wiedergeburt und Reinkarnation, doch Zitate aus Büchern anzuführen, auch aus guten, wird niemals irgendeines der Probleme lösen - nicht einmal die philosophischen. Zen ersetzt alle Objekte des Glaubens durch eine einzige Sache: die Wirklichkeit selbst. Wir glauben nur an dieses Universum. Wir glauben nicht an das Leben nach dem Tod. Wir glauben nicht an die Staatsgewalt. Wir glauben nicht an Geld oder Macht oder Ruhm. Wir glauben nicht an unsere Idole. Wir glauben nicht an unseren Status oder unsere Besitztümer. Wir glauben nicht, dass man uns beleidigen kann oder dass unsere Ehre oder die Ehre unserer Familie, unsere Nation oder unser Glauben beleidigt werden kann. Wir glauben nicht an Buddha. Wir glauben bloß an die Wirklichkeit. Bloß das hier.
Zen verlangt nicht von dir, irgendwas zu glauben, dass du nicht für dich selbst bestätigen kannst. Es verlangt nicht, dass du irgendwelche heiligen Worte auswendig lernst. Es erfordert nicht, dass du irgendeine bestimmte Sache anbetest oder eine bestimmte Person verehrst. Es bietet dir keine bestimmten Regeln, denen du folgen musst. Es gibt dir keine Hierarchie gelehrter Männer vor, deren tiefsinnigen Lehren du buchstabengetreu folgen musst. Es bittet dich nicht, dich einer bestimmten Kleiderordnung zu fügen. Es verlangt nicht von dir zuzulassen, dass irgendjemand anderes entscheidet, was richtig für dich ist und was falsch.
Zen ist die völlige Abwesenheit von Glauben. Zen ist das völlige Fehlen von Autorität. Zen reißt jede falsche Zuflucht nieder, in der du dich vor der Wahrheit verstecken könntest, und zwingt dich, nackt vor dem zu sitzen, was wirklich ist. Das ist echte Zuflucht.
Die Wirklichkeit wird sich dir auf unmissverständliche Weise kundtun, sobald du lernst, ihr zuzuhören. Zu lernen, der Wirklichkeit zuzuhören, ist allerdings nicht einfach. Du bist so sehr daran gewöhnt, die Wirklichkeit niederzubrüllen, sie komplett in deinen eigenen Meinungen und Ansichten zu ersäufen, dass du vielleicht nicht mal mehr in der Lage bist, die Stimme der Wirklichkeit zu erkennen. Das ist allerdings ‘ne komische Sache, da die Wirklichkeit das Allergrellste und Auffälligste ist, was es überhaupt gibt. Wie die Frau in den alten Palmolive®-Werbespots schon sagte: “Du badest darin!” Und doch haben wir vergessen, wie wir sie erkennen können.
Dein gesamtes Leben lang hast du gelernt, mit der Wirklichkeit umzugehen, indem du bestimmte Dinge ausschließt, Dinge in Kategorien aufteilst, zwischen diesem und jenem unterscheidest. Doch die Wirklichkeit beinhaltet all jene Dinge, die wir “falsch” nennen, all jene Dinge, die wir “übel” nennen, all jene Dinge, die wir hassen, weil wir in unseren Herzen wissen, dass es schlechte Dinge sind. Wir können nur dann wissen, was “schlecht” ist, wenn wir es in uns selbst entdecken und das entsprechende Etikett aufkleben.
Doch was stattdessen passiert, ist dass wir psychische Scheuklappen anlegen, die uns davon abhalten zu sehen, dass das, was wir als schlecht ansehen, Teil unseres eigenen psychischen Aufbaus ist. Der Wirklichkeit, so wie sie ist, gegenüberzutreten, bedeutet, dass wir uns sogar die schlechten Dinge an uns selbst anschauen müssen, die Dinge, von denen wir krampfhaft glauben wollen, sie seien nicht da, weil wir uns so verzweifelt an die Idee klammern, wir seien “gut”.
Und im Bewusstsein dessen, was wirklich in uns steckt, müssen wir trotzdem üben, gut zu sein. Zen zu praktizieren bedeutet, sich dessen bewusst zu sein, was hier und jetzt ist. Und das ist nicht einfach. Für jeden - jeden -, der damit beginnt, ist Zazen öde und furchtbar. Dein Hirn ist ständig in Bewegung, als ob ein Wespenschwarm in deinem Kopf wütet. Es gibt Momente, in denen du dir ganz sicher bist, dass du unbedingt von deinem Kissen aufspringen, durch den Raum rennen und den Refrain von „Hello, Dolly” singen müsstest, nur um nicht völlig bekloppt zu werden. Und jeder, der Zazen nicht auf diese Art erlebt, zumindest manchmal, betreibt diese Praxis nicht besonders aufrichtig.
Zazen hat nichts damit zu tun, zu Sphären der Glückseligkeit zu entschweben oder sich in eine Alpha-Hirnwellen-Trance zu begeben. Es geht darum, sich dem zu stellen, wer und was du wirklich bist, in jedem einzelnen verdammten Moment. Und du bist keine Glückseligkeit, das kann ich dir jetzt schon sagen. Du bist Chaos. Das sind wir alle.
Aber jetzt kommt’s: Dieses Chaos selbst ist Erleuchtung. Schließlich wirst du sehen, dass das “Du”, welches das Chaos ist, überhaupt nicht wirklich “Du” ist. Doch ob du deine eigene Erleuchtung bemerkst oder nicht, ist völlig unerheblich; ob du denkst, du seiest erleuchtet oder nicht, hat nichts mit dem wahren Stand der Dinge zu tun.
Sitze Zazen. Und lass dir versichern, dass du durch das Rumsitzen und Anstarren von weißen Wänden alles verwandeln kannst. Alles. Das ist keine Metapher. Es ist keine Übertreibung. Es ist ganz einfach eine Tatsache.
Zazen wird dich unmittelbar mit der Quelle deiner selbst in Berührung bringen. Es wird dich unmittelbar in Berührung mit etwas bringen, das dich niemals verlassen hat, etwas, das dich niemals verlassen konnte. Du kannst dir selbst niemals entkommen. Die Wahrheit ist immer da. Versuche, davor davonzulaufen, und wo immer du auch hinschaust, sie steht genau vor dir. Die Wirklichkeit ist das absolut einzige beständige Ding in diesem Universum. Sie ist immer genau hier. Gerade so, wie sie ist.
Auszüge aus „Hardcore Zen” von Brad Warner, Aurum-Verlag
2 Aug
Leiden, Ursprung, Aufhebung, Weg. Diese vier Stichworte bringen die vier edlen Wahrheiten auf den Punkt, über die Gautama Buddha in seinen ersten Reden sprach, nachdem er selbst die Erleuchtung erfahren hatte. Nach dem üblichen Verständnis besagt die erste Wahrheit, dass alles Leben leidet. Tatsächlich hat Buddha das Wort dukkha verwendet, ein Wort, das auf Pali eher so etwas wie “unbefriedigende Erfahrung” bedeutet. Die zweite edle Wahrheit wird traditionell so interpretiert, dass der Ursprung des Leidens Verlangen sei. Die dritte Wahrheit wird üblicherweise so verstanden, dass die Aufhebung von Verlangen zur Aufhebung von Leiden führt. Die vierte ist die Wahrheit des rechten Weges, die in der Regel in der Form des edlen achtfachen Pfades beschrieben wird, der zur Aufhebung von Verlangen führt. Die acht Glieder sind folgende: rechtes Verstehen, rechtes Denken, rechte Rede, rechtes Handeln, rechte Lebensführung, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit und rechte Sammlung (oder Konzentration).
Die erste edle Wahrheit, Leiden, steht für den Idealismus. Wenn du die Dinge von einem idealistischen Standpunkt aus betrachtest, nervt einfach alles. Nichts kann jemals den Ideen und Fantasien gerecht werden, die du geschaffen hast. Also leiden wir, weil die Dinge nicht so sind, wie wir sie gerne hätten. Anstatt uns dem zu stellen, was wirklich ist, ziehen wir es vor, uns zurückzuziehen und das, was wir durchmachen, mit unserem Ideal davon zu vergleichen, wie es sein sollte. Leiden ist das Ergebnis dieses Vergleichs.
Sogar körperliches Leiden läuft nach diesem Muster ab. Das habe ich vor einigen Jahr am eigenen Leib erlebt, als ich einen Nierenstein ausschied, wobei es sich angeblich um die schmerzhafteste Erfahrung handelt, die ein Mensch tatsächlich überleben kann. Ich weiß zwar nicht, ob das stimmt, aber ich kann dir versichern, dass der Schmerz ziemlich übel war. Und dennoch: Sobald ich es sein ließ, meine Vorstellung davon, wie ich mich fühlen sollte (nämlich frei von Schmerzen), mit dem zu vergleichen, wie ich mich tatsächlich fühlte (nämlich von enormen Schmerzen gepeinigt), verbesserten sich die Dinge deutlich. Versteh mich nicht falsch, es tat immer noch höllisch weh. Doch solange du nicht versuchst, vor der unvermeidlichen Hölle des Leidens davonzulaufen, wenn du es einfach zulässt, verwandelt sich deine gesamte Erfahrung völlig. Die buddhistische Autorin und Nonne Pema Chödrön nennt diese Wandlung “die Weisheit der Ausweglosigkeit”.
Dies führt zur zweiten edlen Wahrheit, der Entstehung des Leidens: unserem Wunsch, dass die Dinge anders sein sollten, als sie es sind, wo sie das doch gar nicht sein können. Die Dinge können niemals anders sein, als sie sind. Dieser Moment kann niemals anders sein, als er ist. Dieses “Verlangen” oder “Begehren”, von dem buddhistische Lehrer so oft sprechen, ist also nicht nur die Tatsache, dass wir ein großes Auto fahren wollen oder auf die vollbusige Rothaarige mit dem Nasenring oder den knackigen Pizzalieferanten scharf sind. Ohne Begierden können wir nicht leben. Und sollten es auch nicht. Das Problem ist nicht etwa, dass wir natürliche Begierden und Bedürfnisse haben. Es ist vielmehr, dass wir ein zwanghaftes (und schlussendlich saudummes!) Verlangen danach haben, dass unser Leben etwas anderes sein sollte als das, was es tatsächlich ist. Wir tragen eine Welt in unserem Geist herum, die wir “perfekt” nennen, und haben eine Welt vor uns (und in uns), die diesem Bild einfach nicht gerecht werden kann. Das Problem dabei ist die Art und Weise, wie wir es unseren Begierden erlauben, uns davon abzuhalten, das zu genießen, was wir bereits haben.
Ist das verwirrend? Unsere Innenwelt kann sich ziemlich deutlich von dem unterscheiden, wie unser Gehirn sie gerne hätte. Das Hirn steht oft im Konflikt mit sich selbst. Du bist deprimiert, willst aber glücklich sein. Du bist geil, willst dich aber unter Kontrolle haben. Du bist total fahrig, willst aber konzentriert sein.
Die zweite edle Wahrheit sollte nie so verstanden werden, dass unsere natürlichen Bedürfnisse schlecht seien und ausgelöscht werden müssten. Gautama hatte diesen Weg als asketischer Yogi bereits ausprobiert. Nachdem er versucht hatte, all seinen Bedürfnissen zu entsagen (einschließlich des Bedürfnisses zu essen), fand er sich dünn und schwach und elend wieder - und kein Stück näher an der Erleuchtung, als er es gewesen war, nachdem er damit begonnen hatte (obwohl er nun wesentlich näher an Leichenhausen war). Er brach sein Fasten, indem er eine Schüssel Reis von einem Milchmädchen annahm, die sie eigentlich als Opfergabe für einen der Götter zum Tempel bringen wollte. Erst, nachdem er sein natürliches menschliches Bedürfnis nach Essen erkannt und akzeptiert und seine natürliche Kraft wiedererlangt hatte, war er in der Lage, sich auf die Praxis einzulassen, die in seiner Erleuchtung gipfelte. Es wäre doch ziemlich unwahrscheinlich, dass solch eine Person predigte, natürliche Bedürfnisse an sich seien der Grund des Leidens.
Die dritte edle Wahrheit, die Aufhebung des Leidens, steht für das Handeln im gegenwärtigen Moment. Es ist nicht etwa so, dass wir uns zwingen müssten, unsere Begierden aufzugeben. Das würde nichts lösen und ist sowieso unmöglich. Sich selbst dazu zu zwingen, keine Begierden zu haben, ruft nur weitere Begierden ins Leben (schon mal angefangen mit der Begierde, nicht zu begehren). Oft hört man irgendwelche religiös angehauchten Typen sagen “Das Einzige, was ich begehre, ist Begierdelosigkeit”. Der einzige Zustand, in dem man nicht will, was man nicht hat, ist der Tod.
Du wünschst dir ‘nen Jaguar XKR, aber hast ‘ne Chevy-Shitbox (das ist ‘n Wagen, den Chevrolet vor einiger Zeit hergestellt hat - war zwar nicht besonders beliebt, aber ‘ne Menge Leute fahren mittlerweile einen). Wenn du zum Supermarkt willst, was macht dann mehr Sinn: rumzusitzen und dir zu wünschen, dass du den Jaguar hättest, oder in deine Scheißkarre zu steigen und tatsächlich zu fahren? Wenn du Wünsche hast, lass sie, wie sie sind, und tu, was zu tun ist.
Letztlich ist der edle achtfache Pfad die Wirklichkeit selbst. Im Einklang mit dem edlen achtfachen Pfad zu handeln, heißt, im Einklang mit der Wirklichkeit zu handeln. Und das ist’s auch schon.
Auszüge aus „Hardcore Zen” von Brad Warner, Aurum-Verlag
28 Jun
„Schluss mit Zirkus - mein Wunsch: glücklich sein” Das stand auf dem Zettelanhänger eines Luftballons, der über unserem Garten zerplatzte. Und es passt sehr gut zum Thema Beziehungen, das die amerikanische Zen-Meisterin Joko Beck in ihrem Buch > Zen im Alltag < durchleuchtet: „Heute möchte ich über die Illusionen sprechen, die wir darüber haben, dass Beziehungen zu funktionieren hätten. Sie tun es nicht. Sie funktionieren einfach nicht. Es gab noch nie eine Beziehung, die gut ging. Das Leben kann natürlich gut gehen, aber nicht deshalb, weil wir meinen, wir müßten etwas tun, damit es funktionierte. In allem, was wir in bezug auf andere Menschen tun, liegt subtile oder weniger subtile Erwartung. Wir denken: »Irgendwie werde ich diese Beziehung schon hinkriegen, und dann werde ich bekommen, was ich will.« Wir möchten alle etwas von den Menschen, mit denen wir in Beziehung stehen. Niemand von uns kann sagen, dass wir von den anderen Menschen nichts wollen. Und selbst wenn wir Beziehungen aus dem Wege gehen, ist das nur eine andere Art, etwas zu wollen. Und so funktionieren Beziehungen einfach nicht.
Nun, was aber funktioniert? Das einzige, was funktioniert, wenn wir den Übungsweg wirklich gehen, ist der Wunsch, nichts für sich selbst zu haben, sondern alles Leben, auch individuelle Beziehungen, zu stärken und zu stützen. Nun mögt Ihr sagen: »Das klingt gut. Ich werde es tun.« Aber niemand möchte das wirklich tun. Wir möchten andere nicht unterstützen. Jemanden wirklich zu unterstützen, bedeutet, ihm alles zu geben und nichts zu erwarten! Das hieße, dem anderen Zeit, Arbeit, Geld, alles zu geben. »Wenn du es brauchst, gebe ich es dir.« »Liebe erwartet nichts.« Wir aber spielen ein anderes Spiel: »Ich werde mit dir sprechen, und dann wird unsere Beziehung besser sein«, was in Wirklichkeit bedeutet: »Ich werde mit dir sprechen, damit du weißt, was ich will.«
Die unterschwelligen Erwartungen, die diesem Spiel zugrunde liegen, werden die Beziehungen unausweichlich scheitern lassen. Wenn wir das wirklich erkennen, können manche von uns vielleicht den nächsten Schritt verstehen, sie werden eine andere Seinsweise erahnen. Ab und zu leuchtet es uns für einen Augenblick ein: »Ja, ich kann das für dich tun, ich kann dein Leben schützen und stützen, und ich erwarte nichts. Nichts.«
Meditatives Üben ist nicht irgend etwas Versponnenes, sondern ein Weg, der uns mit unserem eigenen Leben in Berührung bringt. Wenn wir auf dem Übungsweg voranschreiten, bekommen wir immer deutlicher die Vorstellung von dieser anderen Art zu leben und wenden uns allmählich ab von unserer egozentrischen Orientierung - nicht zu einer Orientierung hin, die sich auf den anderen zentriert (denn das wären wieder wir selbst), sondern zu einer vollkommen offenen Orientierung. Führt unser Übungsweg uns aber nicht in diese Richtung, dann ist er kein wirklicher Übungsweg. Wenn wir immer noch irgend etwas wollen, dann wissen wir, dass wir noch weiter üben müssen. Da niemand von uns irgend etwas anderes sagen kann, bedeutet das schlicht, dass wir alle weiter zu üben haben.
Wenn meine Grundorientierung nicht aus dem Übungsweg klar hervorgeht, dann übe ich nicht richtig. Doch kennen wir diese Grundorientierung, so werden wir genau wissen, worum es uns vor allem geht, und das wird sich auf jede Lebenseinzelheit auswirken, auf unsere Beziehungen, auf unsere Arbeit, auf alles. Wenn aus dem Üben nicht etwas entsteht, was mehr ist als das, was ich gerade will, was mein Leben angenehmer machen würde, dann ist es kein wirkliches Üben.
14 Jun
„Vor ein paar Tagen sagte jemand zu mir: »Sie sprechen eigentlich nie über Erleuchtung. Wollen Sie nicht darüber einmal was sagen?« Das Problem, über »Erleuchtung« zu sprechen, liegt darin, daß unsere Worte ein Bild davon erzeugen, was das ist, und Erleuchtung ist kein fest umrissenes Bild, sondern ein Zerstören all unserer Bilder. Etwas Zerstörtes ist nicht gerade sehr verlockend für uns! Was bedeutet es, unsere gewöhnliche Vorstellung vom Leben zu zerstören? Die alltägliche Lebenserfahrung konzentriert sich auf einen selbst. Schließlich erlebe ich ja alle Eindrücke, ich kann nicht die Erfahrung des anderen von seinem Leben haben, es ist immer meine eigene. Und schließlich komme ich unvermeidlich zu der Überzeugung, daß es ein Ich gibt, das das Zentrum meines Lebens ist, da meine Erfahrungen sich um dieses Ich zu drehen scheinen. »Ich« sehe, »ich« höre, »ich« fühle, »ich« denke, »ich« habe diese oder jene Meinung. Wir stellen dieses »Ich« selten in Frage. Im Zustand der Erleuchtung aber gibt es kein »Ich«. Da ist einfach das Leben selbst. Ein Pulsieren zeitloser Energie, deren Wesen alles umfaßt oder ist.
Der Prozeß des Übens bedeutet, allmählich zu sehen, warum wir unser wahres Wesen nicht erkennen: Das liegt immer an unserer ausschließlichen Identifikation mit unserem eigenen Geist und Körper, dem »Ich«. Um unseren natürlichen Zustand der Erleuchtung zu erkennen, müssen wir diesen Irrtum sehen und zerstören. Der Übungsweg besteht darin, entschieden gegen den gewöhnlichen, egozentrischen Lebensstil anzugehen.
Im ersten Stadium des Übungsweges geht es darum, zu erkennen, daß mein Leben sich vollkommen auf mich konzentriert: »Ja, ich habe diese egozentrischen Meinungen, diese um mich kreisenden Gedanken, diese selbstsüchtigen Emotionen. .. ich, ich, ich habe all das von morgens bis abends.« Allein das Wachsein dafür ist schon für sich genommen ein großer Schritt.
Das nächste Stadium (und diese Stadien können Jahre währen) besteht darin, zu beobachten, was wir mit all diesen Gedanken, Phantasien und Emotionen tun, was es heißt, daß wir gewöhnlich an ihnen hängen, sie hätscheln und glauben, ohne sie hilflos und verloren zu sein. »Ohne diesen Menschen wäre ich verloren; wenn sich diese Situation nicht nach meinen Wünschen ändert, ertrage ich es nicht.« Wenn wir fordern, das Leben müßte so oder so sein, leiden wir unvermeidlich - denn das Leben ist allzeit so, wie es ist, es ist nicht immer gerecht, nicht immer angenehm. Das Leben richtet sich nicht danach, wie wir es haben wollen, es ist einfach so, wie es ist. Und das darf unserer Freude daran, unserer Wertschätzung, unserer Dankbarkeit nicht im Wege stehen.
Wir sind wie kleine Vögel, die im Nest sitzen und darauf warten, dass Mama und Papa ihnen Futter in den Schnabel stecken. Für junge Vögel mag das auch passend sein, wenn auch Mutter und Vater mehr Freiheit haben, da sie den ganzen Tag herumfliegen können. Wir glauben vielleicht, daß wir solch einen jungen Vogel nicht zu beneiden hätten, doch wir tun genau das, was er tut. Wir erwarten, daß das Leben uns Leckerbissen in den Mund schiebt: »Ich möchte, daß es so geht, wie ich es mir vorstelle! Ich will, daß meine Freundin anders ist, ich will, daß meine Mutter besser zu mir paßt, ich möchte leben, wo ich leben will, ich möchte Geld… oder Erfolg … oder … « Wir sind wie junge Vögel, nur verbergen wir unsere Gier besser als sie”.
1 Jun
„In unserer verwirrten Welt Zazen zu üben bedeutet, zur wahren Dimension des Menschen zurückzukehren und das grundlegende Gleichgewicht seiner Existenz wiederzufinden”. Taisen Deshimaru
Den Zen-Weg kann man nicht von außen studieren, sondern nur durch den eigenen Körper und Geist. Das richtige Verstehen überträgt sich durch die Übung und muß sich in allen Handlungen des täglichen Lebens widerspiegeln. Allein durch Bücher verstehen zu wollen, führt zu einer relativen Kenntnis. Es ist wesentlich, daß der Geist wieder in den Körper kommt. Der Körper besitzt seine eigene Weisheit. Wenn der Geist ruhig ist, kann der Körper spontan handeln. Alle großen Meister haben den Weg erreicht, indem sie den Körper und den Geist gemeistert haben. Zazen wird mit einer Zeremonie beendet. Jede Handlung der Zeremonie, wie Räucherstäbchen anzünden oder die Sutras singen, hat einen tiefen Sinn. Es ist ein Gebet mit dem Körper. Bei der Zeremonie ist es nicht nötig, von seinem Denken aus zu handeln. Ein alter Text besagt:
»Wenn Handlungen, sogar gute, aus einem verdunkelten Bewußtsein kommen, bringen sie nur ein begrenztes Glück in die Welt. Wenn im Gegensatz dazu das Licht des Samadhi von Zazen die persönlichen Gedanken erlöschen läßt, wird die kleinste Handlung davon erleuchtet sein, denn sie wird hervorgebracht, bevor jegliche Beurteilung einsetzt.«
Die Zeremonie wäre ohne Zazen formalistisch wie eine Blume ohne Duft. Indessen gibt sie der Übung eine religiöse Dimension, verfeinert den Geist und macht das Verhalten fein und edel. Die Haltung beeinflußt den Geist. Das Wiederholen der Zeremonie prägt das ganze Wesen und wird zu einer tiefgreifenden Erziehung, die in den Alltag hineinreicht.
Die Zendo ist der Ort, wo das Dharma gelehrt und geübt wird. Dharma ist das kosmische Gesetz, das unsere Welt steuert, und gleichzeitig die Lehre von Buddha, der dieses Gesetz formulierte, nachdem er es in Zazen tief erfahren hatte. Damit man das Dharma erlangen kann, muß unsere Individualität ihm Platz machen.
In einer Zendo ist es wichtig, sich mit den anderen in Einklang zu bringen, wie Milch und Honig zu sein, die sich vollkommen vermischen. Alle Wesen befinden sich in gegenseitiger Abhängigkeit mit der Umgebung. In der Zendo ist dieser gegenseitige Einfluß günstig für jeden Übenden.
Den Zendo-Regeln (siehe rechts unter > 03 - ZenMeditation) folgen bedeutet, dem Weg folgen. Alles, was hier praktiziert wird, ist das Dharma. Durch die Wiederholung der Übung vertieft sich das Verständnis, und je mehr es sich vertieft, um so mehr wird es möglich, die Bedeutung der Regeln und aller Handlungen zu verstehen wie Gassho und Sampai. Diese Regeln helfen, eine starke und harmonische Atmosphäre zu erschaffen ohne Formalismus.
17 Mai
Durch das Sich-Öffnen der Energiezentren des Körpers, die traditionell als Chakren bezeichnet werden, ist es möglich, große Veränderungen zu erleben. Doch auch das findet durchaus nicht bei jedem statt, und es ist keineswegs eine Notwendigkeit für den spirituellen Entwicklungsprozess. Solch ein dramatisches ungesteuertes Sich-Öffnen des Energiekörpers und der Chakren geschieht einfach nur deshalb, weil jemand in diesen Bereichen blockiert war. Chakra-Energie zeigt sich u.a. wie folgt:
Das erste Chakra liegt an der Wurzel der Wirbelsäule und wird mit der Energie der Sicherheit oder der »Erdung« assoziiert. In der Meditation kann es geschehen, dass wir dieses Chakra durch starke Empfindungen im Beckenboden körperlich zu spüren beginnen. Wenn sich dieses Chakra öffnet, bewirkt dies, dass wir uns in unserem Körper auf dieser Erde wirklich zu Hause fühlen und lernen, uns in der echten Sicherheit unseres Seins zu entspannen.
Das zweite Chakra, das etwas höher liegt, befindet sich im Bereich der inneren Zeugungsorgane. Ihre Energie öffnet uns im Allgemeinen für Aspekte der Sexualität, der Reproduktion und der Zeugung. Wenn sich die sexuelle Energie in diesem Zentrum befreit, kann es geschehen, dass wir von sexuellen Vorstellungen und Empfindungen überschwemmt werden. Manche mögen das als angenehm empfinden. Andere, die vielleicht mit einer unaufgearbeiteten sexuellen Problematik belastet sind, müssen sich mit der angsterregenden und destruktiven Seite dieser Energien auseinandersetzen.
Das dritte Chakra im Bereich des Solarplexus wird oft mit Willenskraft assoziiert. Wenn sich dieses Chakra öffnet, können Angst und Frustration hochschießen. Das kann zu einer gewaltigen Befreiung von Energie führen: Wir spüren vielleicht eine ungeheuere inhärente Kraft in uns; und unser Atem und unser Handeln werden von neuer Klarheit und Spontaneität belebt.
Das vierte Chakra, das Herz-Chakra, kann sich sowohl auf körperlichen wie auf emotionalen Ebenen öffnen. Körperlich empfinden wir vielleicht zunächst Schmerzen, Ringe von Spannung und Festhalten, die unser Herz seit vielen Jahren umklammert hielten. Auch tiefster Kummer, ein Überfließen von Mitgefühl und danach Lachen und Freude können das Öffnen der emotionalen Schleusen des Herzens begleiten. Hier begegnen wir den großen Themen Liebe, Nähe und Einsamkeit, und die tiefen Muster unseres Herzens werden sichtbar. Am Ende hüllt das Herz das gesamte Universum in Liebe und Mitgefühl ein. Es kann zum Zentrum werden, das alles belebt.
Das fünfte Chakra, das Kehl-Chakra, wird oft mit Kommunikation und Kreativität assoziiert. Wenn es sich öffnet, kommen zuerst die Bilder und all die Energie hoch, die man zurückgehalten hat, alles, was man nicht ausgesprochen oder nicht gewürdigt hat. Auf der körperlichen Ebene kann dieses Öffnen stunden- oder tagelang von dem Drang zu schlucken und von Husten begleitet sein. Öffnet sich dieses Zentrum, so finden wir die richtigen Worte und unsere echte Stimme, und wir bekommen ein Gefühl dafür, wie es ist, über einen freien Kanal zu verfügen, so dass wir unsere kreativen Impulse zum Ausdruck bringen können.
Das sechste Chakra liegt zwischen den Augen und wird mit innerer Schau und klarem Verstehen assoziiert. Auch hier kann sich zuerst körperlicher Schmerz einstellen, wie Brennen und Spannung um die Augen oder sogar zeitweiliges Erblinden. Lichterscheinungen und Visionen können auftreten; wir erleben vielleicht ein intensives Gefühl der Klarheit oder die Entfaltung unserer übersinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit. Wenn sich dieses Chakra öffnet, kann es geschehen, dass der Fluss der Gedanken innehält, dass wir desorientiert werden und kein Gefühl mehr dafür haben, wo wir uns befinden oder welche Rolle wir im Leben spielen.
Mit der Öffnung des siebten Chakras oder Scheitel-Chakras am obersten Punkt des Kopfes kann sich das Gefühl einstellen, als befinde sich an dieser Stelle ein offenes Loch. Zuerst äußert sich dies als Druck und Spannung, und wenn es sich öffnet, können Schwindelgefühle auftreten; mit der Zeit lernen wir, uns in der Klarheit des Bewusstseins zu entspannen. Energie fließt in unseren Kopf hinein und wieder heraus; wir sind von einem tiefen Gefühl der Sammlung und der Verbindung mit allem erfüllt. Von diesem Chakra aus gesehen, erscheinen alle Dinge des Lebens als ein Tanz der Harmonie.
3 Mai
Beim vergangenen Meditationsabend haben wir uns mit bestimmten körperlichen Erfahrungen beschäftigt, die sich während des Zazen zum Beipiel beim Lösen von physischen Blockaden als außergewöhnliche Bewegungen oder Reflexe manifestieren können. Im Folgenden versucht Jack Kornfield in seinen „Fernöstlichen Lehren für den westlichen Alltag” diese kaum zu beschreibenden Erfahrungen in Worte zu fassen und sie als Teil unseres spirituellen Pfades einzuordnen.
Zu diesen Sinneswahrnehmungen gehören angenehme Arten von Schauern, Prickeln, Wellen der Verzückung und herrliches Funkensprühen. Die Haut kann vibrieren; es kann eine Gefühl sein, als würden Ameisen oder kleine Käfer auf uns herumkrabbeln oder als würden Akupunkturnadeln in die Haut gesteckt; es kann ein Gefühl von großer Hitze sein, als stünde die Wirbelsäule in Flammen. Manche tibetische Yogis entwickeln diese Ansätze der inneren Hitze im Yoga so geschickt weiter, dass sie sich in den Schnee setzen und ihn um sich herum zum Schmelzen bringen können. Das Gefühl der Hitze kann sich mit Kältegefühlen abwechseln, die mit einem leisen Frösteln beginnen und sich zu starker Erregung mit Eiseskälte steigern können. Manchmal sind diese Erfahrungen des Temperaturwechsels so intensiv, dass wir an heißen Sommertagen vor Kälte zittern.
Diese kinetischen Formen der Erregung können von visuellen Phänomenen begleitet sein; man sieht farbiges Licht, zuerst Blau, Grün und Purpurrot, und später, wenn die Konzentration stärker wird, goldenes und weißes Licht. Viele Praktizierende sehen schließlich extrem intensives weißes Licht, als würden sie in sehr starke Scheinwerfer schauen oder als wäre der ganze Himmel von einer gleißenden Sonne ausgefüllt. Verschiedene farbige Lichtphänomene treten oft im Zusammenhang mit bestimmten Bewusstseinszuständen auf: Grün in Verbindung mit Mitgefühl, Rot mit Liebe, Blau mit Weisheit.
Auf noch tieferen Ebenen der Konzentration kann das Gefühl entstehen, als löse sich der Körper vollkommen in Licht auf. Wir spüren vielleicht ein Kribbeln und Vibrieren, das so subtil ist, dass wir uns wie Lichtmuster im Raum fühlen, oder wir werden zu Farben eines sehr intensiven Lichts. Diese Lichterfahrungen und Empfindungen sind spezielle Ergebnisse starker geistiger Konzentration. Sie vermitteln das Gefühl von Reinigung und Öffnung und können uns zeigen, dass Geist und Körper und das gesamte Bewusstsein auf einer bestimmten Ebene aus Licht bestehen.
Zudem können sich diverse ungewöhnliche Sinneswahrnehmungen einstellen. Viele davon sind mit Veränderungen der bereits beschriebenen Elemente Erde, Luft, Feuer und Wasser im Bereich der körperlichen Wahrnehmung verbunden. Wir fühlen uns vielleicht sehr schwer oder hart und fest wie ein Stein oder als würden wir von einem großen Gewicht erdrückt. Es kann aber auch das Gefühl von Gewicht völlig verschwinden, und wir fühlen uns wie fließend und müssen die Augen öffnen, um uns zu vergewissern, dass wir immer noch auf dem Sitzkissen sitzen.
12 Apr
Wie sind die spektakulären und exotischen spirituellen Erfahrungen zu verstehen, von denen in der Literatur der großen mystischen Traditionen so viel die Rede ist? Widerfahren sie auch den Menschen unserer modernen Zeit? Welchen Wert haben solche Erfahrungen? Bestimmte spirituelle Systeme behaupten, dass außergewöhnliche Bewusstseinszustände nötig sind, damit wir eine »transzendente« Sichtweise entwickeln können, uns über die Grenzen unseres Körpers und Geistes hinaus öffnen und die göttliche Qualität der Befreiung erkennen. Diese Schulen sprechen von wichtigen »Erleuchtungserfahrungen« und erklären, man müsse den Gipfel erklimmen, kosmische Visionen haben und das »kleine Selbst« transzendieren. Viele Traditionen beziehen sich primär auf solche visionären und transzendenten Erfahrungen. Andere Schulen, die sich auf das Erwachen »hier und jetzt« beziehen, lehren, dass das Göttliche und die Erleuchtung stets gegenwärtig sind. Allein nur der habenwollende und festhaltende Geist — zu dessen Domäne auch das Verlangen nach Transzendenz gehört - hält uns davon ab, diese Wirklichkeit zu erfahren.
Die Erfahrung transzendenter Zustände kann unter Umständen eine zutiefst heilende und verwandelnde Wirkung haben, doch ihre Gefahren und die Möglichkeiten des Missbrauchs sind ebenso groß. Vielleicht entwickeln wir das Gefühl, jemand ganz Besonderer zu sein, weil wir sie erlebt haben; wir können leicht von ihnen abhängig werden; und die dramatischen Erlebnisse, körperliche Sensationen, Erregung und Visionen können süchtig machen und unsere Gier und unser Leiden noch verstärken. Die größte Gefahr ist jedoch der Mythos, dass diese Erfahrungen uns von Grund auf verwandeln würden, dass von einem Augenblick der »Erleuchtung« oder Transzendenz an unser Leben ganz und gar besser sei. Das trifft in den seltensten Fällen zu, und das Haften an solchen Erfahrungen führt allzu leicht zu Selbstzufriedenheit, Hybris und Selbsttäuschung.
Die einmalige oder gelegentliche Erfahrung von Liebe und Licht kann zur Ausrede werden, dass doch alles bereits göttlich oder vollkommen sei, und uns dazu verführen, alle Konflikte und Schwierigkeiten wegzuinterpretieren. Manche Schüler praktizieren jahrelang mit dieser Einstellung und sind dabei weit davon entfernt, echte Weisheit zu entwickeln. Sie treten auf der Stelle, ohne es zu wissen, und obwohl sie vielleicht ein Gefühl von Frieden haben, hat in ihrem Leben keine Transformation stattgefunden; unter diesen Umständen werden sie möglicherweise nie zur Erfüllung ihres spirituellen Weges gelangen - nie wahre Befreiung inmitten der Welt finden.
Wenn wir mit einer spirituellen Praxis beginnen, schlagen wir uns mit den körperlichen Schmerzen und mit der inneren Panzerung herum, die wir im Laufe der Jahre aufgebaut haben; wir sind emotionalen Stürmen ausgesetzt und mit einer Prozession der üblichen Hindernisse konfrontiert. Eines sollten wir dabei aber nicht vergessen: Da die mentalen, emotionalen und spirituellen Gebiete, mit denen wir uns hier befassen, unserem gewöhnlichen Bewusstsein sehr fremd sind, brauchen wir unbedingt einen Lehrer oder Begleiter und die Unterstützung durch eine angemessene Situation, um bei der Navigation durch dieses unbekannte Gewässer nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Das ist entscheidend wichtig. Man unternimmt ja auch keine Trekkingtour in den Himalaya ohne einen Führer, der die alten Pfade kennt.
1 Mrz
Aus psychologischer Sicht sind Wünsche ein Bestandteil des menschlichen Lebens, und wir müssen angemessene Mittel lernen, um sie zu befriedigen. Tatsächlich entstehen viele psychische Störungen aus der Unterdrückung und Zurückweisung von Wünschen, aus unannehmbaren Wünschen, die einen Menschen quälen, oder aus der Unfähigkeit, tiefe, anhaltende Sehnsüchte zu befriedigen. In der Therapie lernt der Patient seine unbewussten und bewussten Bedürfnisse zu erkennen, sie zu akzeptieren, konstruktiv zu kanalisieren und eine Erfüllung zu erlangen, die gesund und positiv ist.
Das alles kann nützlich und oft konstruktiv sein. Wünsche sind mächtige Kräfte, die man erkennen und mit denen man ehrlich umgehen muss. Eine Praxis, die Wünsche unterdrückt, ihre Existenz leugnet oder behauptet, das Individuum sei über menschliche Sehnsüchte erhaben, gründet auf einem trügerischen Fundament. Früher oder später kommen diese unbewussten, unterdrückten Energien zum Vorschein und richten oft großen Schaden an. Es ist von entscheidender Bedeutung, die Existenz von Wünschen zu erkennen und sie zu Bewusstsein zu bringen, aber von da an gehen Psychologie und Zen getrennte Wege.
Aus der Sicht des Zen entsteht wahre Erfüllung niemals aus der Befriedigung von Wünschen. Vielleicht ist eine vorübergehende Entlastung die Folge, aber nicht der tiefe Frieden und die tiefe Erfüllung, die wir suchen. Sobald ein Wunsch befriedigt ist, folgt der nächste. Die Befriedigung ist flüchtig und macht den Menschen oft noch hungriger, als er vorher war. Von Wunsch zu Wunsch zu leben, erzeugt eine Art von Sucht. Wir werden Sklaven unserer Wünsche. Je mehr wir sie befriedigen, desto mehr wollen wir haben.
Der Zustand der Wunschlosigkeit, der in der buddhistischen Literatur beschrieben wird, ist oft missverstanden worden. Er bedeutet nicht, gefühllos zu werden oder die Verbindung zu den Dingen zu verlieren. Ganz im Gegenteil. Er bedeutet, imstande zu sein, natürliche und einfache Bedürfnisse, die entstehen, zu erkennen und zu befriedigen, ohne ihnen anzuhaften und mehr haben zu wollen. Er trennt Bedürfnis und Wunsch voneinander. Wir brauchen ein bestimmtes Maß an Nahrung, Sonne, Wasser, Freundschaft. Aber viele Wünsche haben gar nichts mit unseren wirklichen Bedürfnissen zu tun. Sie trennen uns sogar von ihnen und erzeugen Begierden, die unwirklich sind.
15 Feb
“Wir haben eine wunderbare Zen-Tradition, unsere Mahlzeiten gemeinsam in meditativer Stille zu uns zu nehmen. Spezielle Schalen werden dafür benutzt, und die größte heißt Oryoki, was auf Japanisch bedeutet: “enthält genau die richtige Menge”. Im tieferen Sinne ist unser Leben wie diese Zen-Schale und die Nahrung ist all das, was sich ereignet, selbst Dinge, die uns nicht bewusst sind. Wir sehen wirklich nur die Spitze des Eisbergs und doch enthält dieses Leben immer genau die richtige Menge.
Wenn wir unser Leben auf diese Weise betrachten, kann nichts von dem, was passiert, als zufällig bezeichnet werden. Jeder und jede von uns hat einen eigenen Pfad der Entwicklung, und manchmal sieht es aus, als würden wir alle in verschiedene Richtungen gehen. Einige Leute sagen, sie seien auf der Suche nach Frieden oder Geistesfrieden, andere sagen, sie suchten Freiheit oder Befreiung. Einige von uns wollen sich wahrhaft unabhängig, bestätigt oder ermächtigt fühlen. Obwohl wir verschiedene Dinge sagen, suchen oder bemühen wir uns in Wirklichkeit um das Gleiche: Wir wollen frei sein vom Leiden.
Als der Buddha über den Pfad der spirituellen Entwicklung sprach und darüber, wie man bleibenden Frieden finden könne, ermahnte er seine Schülerinnen und Schüler, sich auf die Wurzel des Problems zu konzentrieren und sich nicht von den Blättern und Ästen ablenken zu lassen. Andererseits sagt uns die westliche Kultur, dass wir uns für viele verschiedene Dinge interessieren sollten, und so vergingen Jahrhunderte, in denen wir uns mit allen möglichen Ablenkungen beschäftigt haben.
Tatsächlich ist die Wurzel des Problems nicht leicht zu erkennen. Sie ist einfach zu offensichtlich. Das heißt nicht, dass wir im Westen besonders dumm oder blind wären; selbst Shakyamuni Buddha fand es schwer, die Ursache des Leidens zu erkennen. Der Buddha verbrachte Jahre der Übung und ging durch viele Prüfungen, bevor er seine Entdeckung machte: Die grundlegende Ursache für unser Leiden ist Unwissenheit, Ignoranz - wir betrachten uns selbst als abgetrennt und unvollständig. Dies ist Verblendung, und sie führt zu Verlangen - Wollen, Begehren und Anhaftung. Das Wollen selbst ist die Ursache unseres Leidens.
1 Feb
Am Anfang war der Klang. In den östlichen Weisheitslehren gilt das OM als erste kosmische Schwingung, aus der sich in unterschiedlichen Verdichtungsprozessen das gesamte Universum entfaltet habe. Dieser Klang schwinge seitdem im Kosmos und offenbare die Gegenwart des Absoluten. Die Silbe OM ist Gegenstand unzähliger philosophischer Spekulationen der verschiedenen Glaubensströmungen im gesamten Osten und spielt auch im Buddhismus eine große Rolle. Selbst das christliche Mantra Amen hat sich nicht nur im spirituellen Sinne sondern auch sprachgeschichtlich und ethymologisch daraus entwickelt.
Das ständige Wiederholen des Mantras hilft uns, unsere Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt zu konzentrieren und schließlich einen Zustand der tiefen Ruhe zu erreichen. Der Klang, so heißt es, habe die Qualität, alles immer wieder zu erneuern. Mit jedem Tönen beginne die neuerliche Ausrichtung darauf, wer wir wirklich sind, um so die Welt aufs Neue auch tatsächlich wahrzunehmen.
Solange wir jedoch Körper und Geist benutzen, um Formen zu sehen und Klänge zu hören, können wir immer nur einen Teil der Wirklichkeit wahrnehmen. Um die ganze Wirklichkeit zu erfahren, müssen wir uns mit allen Kräften und aller Entschlossenheit auf die Praxis des Weges konzentrieren. Meditation und die Übung der Achtsamkeit sind gute Voraussetzungen, um unsere ichbezogene Lebenseinstellung zu überprüfen und unsere Verantwortung für die Welt sowie für unsere Mitmenschen zu erkennen - und entsprechend zu handeln.
Jeder Ton, den wir hören oder innerlich wahrnehmen, kommt aus der Stille und verklingt wieder in der Stille. Beim Verklingen wird aus dem Hören ein Lauschen. Bleibt man danach in dieser Lausch- und Spürhaltung, dann stellt sich eine äußerst wache Achtsamkeit ein und der Raum hinter dem Ton, hinter der Empfindung wird erfahrbar.
Stilles Sitzen nach langem Chanten hat immer eine besondere Dichte und bewirkt eine lang anhaltende Fähigkeit zur wachen Präsenz. Gleichzeitig atmen spürbar alle Zellen des Körpers, weil die Vibration der Töne selbst die groben Körperstrukturen durchdringt und die Lebensenergie sich dadurch ungehindert ausbreiten kann.
Wenn in der Meditation das OM innerlich und lautlos mit dem Atem verbunden wird, kann durch die Verlängerung der Ausatmung ein geistiger Rhythmus entstehen. Beim Sitzen in der Stille verweilt man in spürender Atemachtsamkeit zwar ohne jede weitere Absicht, aber die Vorbereitung durch das Rezitieren führt dazu, dass sich das lange Ausatmen jetzt von allein einstellt. Erfahrungsgemäß hat diese Vorgehensweise eine tiefergehende Wirkung als das häufig empfohlene Zählen.
Jede grob- und feinstoffliche Form wird von Klang beeinflusst, da Schwingungen die Grundlage jeglicher Form sind. Alles, was wir äußern, gestaltet unsere Welt, unsere Stimmungen und die Erfahrungen, die wir machen. Die Silbe OM zu tönen, hat das Potenzial, negative Gedanken, Worte und Handlungen aufzulösen.
Beim gemeinsamen Rezitieren dieses Mantras verbinden wir uns nicht nur mit dem Ursprung, sondern können auch das vermeintliche Getrenntsein überwinden und die untrennbare Einheit erfahren. Wenn man das OM lautlos mit dem Ausatmen verbindet und ständig wiederholt, entsteht nach und nach eine starke Bewusstseinskraft, die alle Zerstreuungen im Geist beruhigt und transformiert.
Lasst uns nun zur Einstimmung einige Minuten lang OM chanten und nach dem Anschlagen der Klangschale in stiller Achtsamkeit Zazen üben. Vielleicht spüren wir dann, wie Atem und Bewusstsein eins werden und mit dem Klang des Universums verschmelzen.
Auszüge z. T. aus „Vollende, was du bist - Der integrale Weg” von Helga Simon-Wagenbach, Theseus-Verlag
7 Dez
Bereits zum zweiten Mal seit seiner Gründung im April 2008 hat der Zenkreis Linker Niederrhein einen “Tag der Achtsamkeit” veranstaltet. Diesmal hatten sich am 2. Adventssonntag 16 Teilnehmer in der Yoga-Oase eingefunden, um mit ZenMeditation, Yoga und Stille-Übungen die “Kunst des achtsamen Lebens” zu praktizieren. Die Resonanz war wieder so positiv, dass der Zenkreis diese Veranstaltung in der Adventszeit zur ständigen Einrichtung machen möchte.
Einstimmung zum “Tag der Achtsamkeit”
“Achtsamkeit bedeutet die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit ganz dem gegenwärtigen Moment zu widmen und dabei die innere und äußere Realität wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten. Den meisten Menschen fällt es heute schwer, angesichts vielfältiger und permanenter Belastungen im täglichen Leben innerlich zur Ruhe zu kommen. Die Notwendigkeit, verschiedene Anforderungen gleichzeitig zu bewältigen, verstärkt den Druck. Vor lauter Pflichten, Aufgaben und Nöten geht der Blick für den gegenwärtigen Augenblick verloren. Warum geschehen so viele Unfälle in Beruf, Verkehr und Haushalt, Ungeschicklichkeiten, Missverständnisse in der Kommunikation untereinander?
Gleichzeitig wächst jedoch die Sehnsucht einmal inne zu halten, wieder zu Atem zu kommen und so neue Kraft zu schöpfen. Der Begriff ,,Achtsamkeit” ist fast zum Modewort geworden. Aber, wer übt sie im Alltag? Die Fähigkeit, sich ganz auf die Gegenwart einzulassen, ist lernbar. Es geht dabei darum, für sich einen Weg zu finden, um mit den Belastungen im eigenen Leben, mit sich selbst und mit nahestehenden Menschen, achtsam und liebevoll umzugehen.
Heute wollen wir mit Hilfe von Zen-Meditation und Yoga-Übungen lernen, uns immer mehr von Gedanken an die Vergangenheit und von Sorgen um die Zukunft zu lösen, um bewusst im Hier und Jetzt zu leben. In der Stille, im Abstand vom Getriebe des Alltags wollen wir uns einüben im achtsamen Wahrnehmen des Augenblicks.
Die Aufgabe ist, die Achtsamkeit und geistige Gegenwart beständig aufrechtzuerhalten. Deshalb wollen wir heute sehr wenig sprechen, um einander nicht zu stören und uns gegenseitig nicht abzulenken. Das Hauptwerkzeug, sich in Achtsamkeit zu üben, ist der Atem. Er bildet die Brücke zwischen Körper und Gedanken. Immer, wenn unser Geist zerstreut ist, sammelt man ihn wieder mit dem bewussten Atem. Dieses Verfahren hilft, die ungeteilte Aufmerksamkeit auf die Übungen und die tiefe Innenschau zu richten.
An diesem „Tag der Achtsamkeit” können auch sehr intensive Gefühle und Gedanken aus dem Unterbewusstsein aufsteigen, die wir nicht durch Ablenkungen unterdrücken sollten. Wir können diese intensiven Energien aus dem Inneren beobachten, ohne uns mit ihnen zu identifizieren, an ihnen festzuhalten, und wir sollten sie akzeptieren als Teil unserer Lebenserfahrung.
Die Achtsamkeit ist ein Werkzeug, um mehr Herrschaft über unsere körperlichen, geistigen oder seelischen Aspekte zu erlangen. Sie kann uns helfen, mit jeder Lebenssituation bewusst und intelligent umzugehen. „Achtsamkeit ermöglicht uns, jede Minute unseres Lebens ganz zu leben. Achtsamkeit schenkt uns Leben,” sagt Zen-Meister Thich Nhat Than. - Achtsamkeit ist der Schlüssel zu Liebe und Frieden.
Ich wünsche uns allen wertvolle Erfahrungen und tiefe Erkenntnisse.”
23 Nov
Die Wirkungen des Zazen sind vielerlei und auch bei den einzelnen Menschen in etwa verschieden. Am besten teilen wir sie in negative und positive ein. Von den negativen Wirkungen möchten wir nur eine erwähnen: das Phänomen des Makyo. Makyo heißt soviel wie Teufelswelt. Dieses Phänomen besteht darin, dass vor den Augen des Meditierenden Gestalten oder Dinge sichtbar werden, die tatsächlich nicht vorhanden sind. Die Gestalten können angenehmer oder unangenehmer Art sein. Manchmal mögen es Buddhas, ein anderes Mal ein wildes Tier und dergleichen mehr sein. Es können auch Lichterscheinungen sein. Seltener werden Laute gehört, aber dann so deutlich, dass man meinen könnte, man würde angerufen.
Es ist zu beachten, dass solche Phänomene während des Zazen bei ganz normalen Menschen auftreten, aber erst dann, wenn sie tief in die Sammlung hineingekommen sind. Erklärt werden sie von den Zenmeistern in ganz natürlicher Weise. Da das Bewusstsein weitgehend entleert wird, können aus dem Unbewussten dort immer vorhandene Bilder in das Bewusstsein eindringen, und das mit solcher Stärke, dass sie Wirklichkeiten zu sein scheinen. Andererseits ist das Auftreten dieser Phänomene ein Zeichen dafür, dass der Schüler das Zazen richtig übt. Manchmal tritt nach den Erscheinungen auch die Erleuchtung ein, vorausgesetzt, dass der Schüler sich nicht um das Makyo kümmert und einfach weiter meditiert. Die Zenmeister werden nicht müde, ihre Schüler zu ermahnen, sich nicht um das Makyo zu kümmern, ganz gleich was es ist. In diesem Sinn ist also das Makyo negativ zu bewerten.
Positiv unter den Wirkungen des Zazen ist vor allem das Zanmai. Mit Zanmai wird eine tiefe Sammlung bezeichnet, die verschiedene Grade haben kann. Sie kann so tief sein, dass man vollkommen absorbiert ist, auf nichts mehr achtet, die Zeit nicht mehr fühlt und auch den Schmerz nicht, obwohl er noch vorhanden ist. Dieses Zanmai kann auch außerhalb der Meditation vorhanden sein, selbst wenn man anderweitig beschäftigt ist. Aus diesem Grunde kann auch Satori auftreten, während man eine Arbeit verrichtet. Der Zustand des Zanmai ist die einzige notwendig zu erfüllende Voraussetzung für das Satori. Das heißt: Satori kann nur in diesem Zustand erlangt werden. 
Das Zanmai ist eine Bewusstseinsleere und doch wieder nicht; denn man kann es haben, obwohl man mit irgend etwas bewusst beschäftigt ist. Man ist dann trotz der Beschäftigung, und obwohl man auf nichts anderes als auf diese Beschäftigung konzentriert ist, innerlich vollkommen gelöst. Bei den meisten Menschen ist aber vieles Üben d. h. viel Meditieren in der Art des Zazen voraus gegangen, bis dieser Zustand der Gelöstheit zu einem dauernden wurde. Bei solchen Menschen wiederholt sich denn auch häufig das Satori, ohne dass sie daran denken. So erklärt sich, dass man von Hakuin sagen konnte, er habe die Wesensschau unzählige Male gehabt.
Wir möchten nun von zwei typischen Wirkungen des Zazen sprechen, die nicht die Meditation als solche betreffen, sondern Auswirkungen dieser Meditation sind, die zum Dauerbesitz des Menschen werden. Es sind die durch die Zen-Meditation erlangte Kraft. Unter Meditationskraft versteht man die Fähigkeit, die Zerstreuungen des Geistes zum Stehen zu bringen und seelisches Gleichgewicht und Ruhe herzustellen. Diese Fähigkeit wirkt sich in erhöhtem Maße als Konzentrationskraft aus. Sie hilft den inneren Frieden zu bewahren und macht den Menschen mehr und mehr frei und unabhängig von allem, was sonst das seelische Gleichgewicht stören kann.
Anders ausgedrückt: sie hilft dem Geist über die Gefühle zu herrschen und lässt den Menschen schneller zur Ruhe kommen, wenn diese durch schwere Erschütterungen trotzdem verloren gegangen ist. Hierbei aber entsteht nicht eine gewisse passive Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit. Eher ist das Gegenteil der Fall. Die Zenmeister sind oft starke Persönlichkeiten. Aber auch unter den Zen-Übenden aus dem Laienstande findet man kraftvolle Charaktere, große Staatsmänner und geschäftstüchtige Industrielle. Das Zazen beeinflusst jede Berufstätigkeit in günstiger Weise. Das ist wohl darauf zurückzuführen, dass es die Konzentration auf die Arbeit erleichtert.
Um es noch klarer zu machen, wollen wir uns daran erinnern, dass der Mensch oft nur zu einem geringen Maße geistig frei ist. Im Zen spricht man von einer Tätigkeit an der »Vorderseite des Geistes« und jener anderen, die man als Tätigkeit an der »Rückseite des Geistes« bezeichnet. Das deckt sich einigermaßen mit bewusster und unbewusster Tätigkeit oder mit dem Einfluss auf unsere Entschlüsse, dessen wir uns bewusst oder nicht bewusst sind. Viele Menschen denken gar nicht an die unbewussten Einflüsse und sind daher in ihren Entschlüssen und Handlungen nur in sehr geringem Maße wirklich frei, vielleicht nur zu zwanzig Prozent, um es in Zahlen auszudrücken, während die übrigen achtzig Prozent sie gar nicht bemerken.
Die Zen-Meditation hat die Eigenart, den geistigen Blick zu öffnen für das, was sich bisher unbesehen an der Rückseite des Geistes abgespielt hat, und allmählich die Tätigkeit an der Rückseite des Geistes in unsere Hand zu bringen, so dass wir innerlich hundertprozentig frei werden. Das ist zweifellos ein großer Gewinn für uns selbst und für den Dienst an unseren Mitmenschen. Diese Wirkung der Meditation erklärt sich gerade daraus, dass das Bewusstsein entleert wird. Wenn das geschieht, kommt allmählich auch das Unbewusste in den Blick und schließlich in den Griff.
Zwei Dinge dürften ohne weiteres aus dem hohen Wert dieser Wirkungen für den Menschen folgen; zuerst, dass dabei tiefliegende Ursachen am Werke sein müssen und zweitens, dass dieselben nicht von heute auf morgen hervorgebracht werden können. Warum also ist dieser Versenkungsweg so fruchtbar und weiterhin: Warum ist dieser Weg so mühevoll und lang-dauernd? Auf die kürzeste Formel gebracht, so scheint uns, lautet die Antwort: Diese Meditation ist ein Reinigungsweg, und zwar der radikalste Reinigungsweg des Geistes, auf dem man weder sich selbst noch andere täuschen kann. Auch die christlichen Mystiker sprechen von der Reinigung der Sinne und des Geistes, die notwendig ist, damit die Schau überhaupt möglich ist.
Wer viel Zazen übt, wird mehr und mehr frei von Vorurteilen und von der Furcht, die Wahrheit anzuerkennen so, wie sie ist. Man könnte das »mystische« Denken auch existentielles Denken nennen, weil es existentiell wahr ist wie das in der Versenkung gesprochene Wort. Um es noch klarer zu sagen: Ein solcher Mensch kann nicht unaufrichtig sein. Vielleicht ist gerade der Mangel an Wahrhaftigkeit, das Grundübel unserer Zeit.
Auszüge aus „Zen-Mediation für Christen” von H.M. Enomiya Lassalle, Barth-Verlag
22 Jun
Das Wesentliche eines jeden Koans ist das Paradoxon, was soviel heißt wie „jenseits des Denkens”. Es ist kein Rätsel, da es nicht mit dem Verstand zu lösen ist. Um ein Koan zu lösen, bedarf es eines Sprunges auf eine andere Ebene des Begreifens. Bei der Koan-Meditation geht es darum, die gedanklichen Grenzen zu überschreiten, um dahinter die wahre Natur aller Dinge zu erkennen.
Wenn ein Meister seinem Schüler ein Koan aufgibt, wird dieser zunächst versuchen, die Antwort mit dem Verstand zu finden. Erst wenn sich sein Denken irgendwann erschöpft hat, wird er andere Lösungsmöglichkeiten in Betracht ziehen. So wird er sein strukturelles Denken, seine subjektiven Bewertungsmaßstäbe und sein „schlaues Reden” aufgeben, den Geist leer machen und nach und nach Instinkt und Intuition wieder entdecken. Er wird die Wahrheit hinter seiner Wahrheit entdecken. Das folgende Beispiel soll einen ersten Eindruck von dem vermitteln, was mit „dem Sprung auf eine andere Ebene” gemeint ist:
Das Herz des Baums*
Der chinesische Zenmeister Seppo sagte zu seinem Schüler Chosei: »Komm, nimm die Hacke! Statt der Meditation fällen wir ein paar Bäume und bauen eine Hütte.« So folgte Chosei dem Meister in den Wald des Klosters. Als er ausholte, um den ersten Baum zu fällen, rief Seppo ihm zu: „Unterbreche Deine Bewegungen nicht, bis Du im Herzen des Baumes angelangt bist!” Ohne den Schlag auszuführen, antwortete Chosei ihm: »Ich bin schon angekommen.” „Sehr gut”, erwiderte Seppo. „Unser Buddha hat seine Lehre direkt von Herz zu Herz übermittelt. Was sagt Du dazu?” „Übermittlung erhalten”, antwortete Chosei, indem er die Axt zu Boden warf. Seppo hob sie auf und versetzte seinem Schüler mit dem Stiel einen Schlag auf den Kopf.
8 Jun
Mit unseren sechs Sinnen und ihren einzelnen Bewusstseinsmomenten, die man Augen- und Ohrenbewusstsein, Zungen- und Nasenbewusstsein, Körper- und Geistesbewusstsein nennt, erzeugen wir unsere Wirklichkeit, so wie ein Künstler, der jede Kombination der Farben Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett nutzen kann, um ein Bild zu schaffen. In seinem Buch „Das weise Herz” berichtet Jack Kornfield, Psychologe und Psychotherapeut, über seine Erfahrungen, die er in jahrzehntelanger Beschäftigung mit den buddhistischen Lehren gesammelt hat.
„Als ich von meinem birmanischen Meister Meditationsunterricht erhielt, sagte er mir, ich solle so langsam wie möglich werden, um jeden einzelnen Moment, der in meinem Bewusstsein entsteht und vergeht, mit größtmöglicher Klarheit wahrzunehmen. Im Speisesaal des Klosters brachte jede Sekunde neue Ansichten, Geräusche, Gerüche und Gedanken mit sich. Wenn ich mich setzte, um Reis mit Fischcurry zu essen, spürte ich, wie meine Robe über meine Haut strich, hörte die Stimmen der Besucher und fühlte und roch den Schweiß auf meiner Haut.
Wenn ich achtsam die Hand hob, um eine Mango aufzunehmen und zu kauen, wurde mir der Hintergrundkommentar aus Gedanken und Gefühlen in meinem Kopf bewusst. Anfangs verschmolz all dies zu einer einzigen Erfahrung, doch nach Monaten des Achtsamkeitstrainings wurde meine Wahrnehmung mikroskopisch genau. Innerhalb weniger Minuten entstanden Tausende von Bewusstseinsmomenten: Geräusche und Ohrenbewusstsein, sichtbare Objekte und Augenbewusstsein, schmeckbare Dinge und Zungenbewusstsein - alles kam zusammen wie die Farbtupfer in einem impressionistischen Bild oder die Lichtpunkte auf einem Fernsehschirm. So entstand meine Erfahrung des Mittagessens.
Sinneseindrücke und Bewusstseinsformen sind die ersten beiden Schritte in der Erschaffung unserer Welt. Der dritte Aspekt sind die Geisteszustände menschlicher Erfahrungen. Jede Sinneserfahrung und der mit ihr verbundene Bewusstseinsmoment löst im Geist bestimmte Qualitäten aus wie Sorge, Stolz oder Aufregung. Diese Qualitäten entstehen „zwischen” den Sinnen und dem Bewusstsein. Sie verleihen einer Erfahrung ihre ganz bestimmte Färbung. Daher sind es auch die Geisteszustände, die darüber entscheiden, ob wir Glück erfahren.