ZenWeg

Archiv ‘08 - ZenGeschichten’ Kategorie

JENSEITS DES DENKENS

Seit rund tausend Jahren werden Koans im Zen systematisch als Mittel der Schulung eingesetzt. Diese Zen-spezifischen, paradoxen Sinnsprüche oder Dialoge sind keine Rätsel, da sie nicht mit dem Verstand zu lösen sind; zu ihrer Lösung bedarf es eines Sprunges auf eine andere Ebene des Begreifens. Koans machen dem Zen-Schüler die Grenzen des Denkens deutlich und zwingen ihn schließlich, sie in einem intuitiven Sprung zu transzendieren, durch den er sich in der Welt jenseits aller logischen Widersprüche und dualistischen Denkweisen wiederfindet. Aus dieser Erfahrung heraus kann der Schüler dem Meister im Dokusan (Einzelgespräch) seine eigene Lösung des Koan spontan und ohne Rückgriff auf Hörensagen demonstrieren.

Alle Koans sind Barrieren, aufgerichtet von den Buddhas und Patriarchen der Vergangenheit. Gewöhnlichen Menschen ist es unmöglich, sie zu überwinden. Um durch diese Barrieren hindurchzukommen, müßt ihr eure eigene Wesensnatur, euer wahres Selbst verwirklichen. Das nennt man Selbst-Verwirklichung oder Erleuchtung, Kensho oder Satori im Japanischen. Augenblicklich, wie Luftspiegelungen, werden diese Barrieren verschwinden, wenn ihr einmal zu wahrer Erleuchtung gelangt, und euch wird aufgehen, daß ihr von allem Anfang an in einer Welt ohne Innen und Außen gelebt habt.

Es soll insgesamt etwa 1700 Koans geben, von denen die heutigen jap. Zen-Meister jedoch nur 500 bis 600 verwenden. Zu den fundamentalsten Koan-Sammlungen der Zen-Literatur gehört der „Mumonkan” aus dem ich heute das 7. Koan vorstelle

Joshus „Wasche deine Schalen”

Ein Mönch sagte zu Zen-Meister Joshu in allem Ernst: »Gerade bin ich erst in dieses Kloster eingetreten. Ich ersuche Euch, Meister, gebt mir bitte Unterweisung« Joshu fragte: »Hast du schon deinen Reisbrei gegessen? » Der Mönch antwortete: »Ja, das habe ich.« Joshu sagte: »Dann wasche deine Essschalen.« Da erlangte der Mönch eine gewisse Erleuchtung.

In der folgenden Unterweisung, einem „Teisho”, hat Zen-Meister Kuon Yamada seinen Schülern bei einem Sesshin, einer mehrtägigen Zen-Seminar, die Hintergründe zu diesem Koan erläutert:

Das Koan sollte von zwei Blickwinkeln aus betrachtet werden. Der erste betrifft den praktischen Verlauf des Zen-Übens mit dem Ziel, Erleuchtung zu erfahren. Der zweite betrifft die Wesensnatur des Selbst, des Seins bzw. der Buddhanatur. Vom ersten Blickwinkel her: Was meint Joshu mit der Frage: »Hast du schon deinen Reisbrei gegessen«? Zen-Meister lieben keine abstrakten Worte und Konzepte wie Buddhanatur, Erleuchtung, Nirvana usw. Diese Ausdrücke sind nur Lehrmittel zur Erklärung. Als solche berühren sie nicht wirklich das Faktum; noch weniger können sie es einfangen. Darum ist der mündliche Austausch im Zen immer konkret. In begrifflicher Form würde Joshus Frage lauten: »Hast du schon einmal Kensho (Erleuchtungserfahrung) zu schmecken bekommen?«

Die Antwort des Mönchs »Ja, ich habe« bedeutet: »Ja, ich bin schon erleuchtet.« Joshu erwidert: »Dann wasche deine Schalen!« Nun, was bedeutet dies?

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REISE EINES ZEN-MEISTERS

An einem kalten Wintertag wanderte ein Zen-Meister einen Bergpfad entlang. Kein Mensch war ihm an diesem Tag begegnet, kein Fuchs, kein Hase hatte seinen Weg gekreuzt; alles Leben schien sich zur Ruhe gelegt zu haben. Nur das gleichmäßig wiederkehrende Knirschen des Schnees unter seinem stetigen Tritt unterbrach die Stille, die über der Landschaft lag. Plötzlich aber vernahm er außer der Monotonie seiner Schritte ein weiteres Geräusch. Es war unverkennbar der Klang einer menschlichen Stimme. Er hielt inne und lauschte. Deutlich hörte er nun eine Frau schluchzen. Suchend ließ er seinen Blick über die Umgebung schweifen und erblickte seitlich vom Weg eine Ansammlung von Grabhügeln. Dort schien das Schluchzen herzukommen.

Langsam näher herangehend, sah er eine Frau zwischen den Gräbern hocken. Den Oberkörper hin und herwiegend, hielt sie ein lebloses Kind in ihren Armen und weinte bitterlich. Trotz der eisigen Kälte trug sie dünne Sommerkleider, und das Kind war lediglich in ein altes Tuch gewickelt. Neben der Frau war die dünne Schneeschicht vom Boden weggekratzt worden. Wie ihre blutigen Finger verrieten, musste sie vergeblich versucht haben, mit bloßen Händen ein Loch in die gefrorene Erde zu graben.

Ohne den Meister zu bemerken, begann die Frau laut zu klagen, wobei ihr mit heftigem Schluchzen immer wieder die Stimme versagte: »0 mein Sohn, mein Sohn! Nach dem Tod deines Vaters lebte ich nur noch für dich. Jetzt bist du auch tot. Seit neun Generationen immer nur ein einziger Sohn! Mit dir ist unsere ganze Familie gestorben. Wie soll ich weiterleben’? Lass uns zusammen gehen, zusammen zu deinem Vater gehen!«

Ergriffen von diesem Bild tiefen Leids wandte der Meister seine Aufmerksamkeit dem Kind zu. Eingehend betrachtete er es mit seinem inneren Auge, bis er sich ganz sicher war: Dieses Kind war gestorben, lange bevor die ihm bemessene Lebensspanne abgelaufen war. Vorsichtig trat er nun hinzu und machte sich der Frau bemerkbar. Mit einer leichten Berührung vergewisserte er sich, dass der Körper des Kindes noch nicht erkaltet war.

Dann sagte er zu der Frau: »Wenn wir die Seele deines Kindes schnell finden und zurückholen, dann könnte es leben. Ich werde mich sofort auf die Suche machen. Während ich weg bin, musst du dein Kind warmhalten und die Kerze deines „Herzens” entzünden. Erlischt die Kerze deines „Herzens”, bevor ich zurück bin, werden dein Sohn und ich nicht mehr zurückkehren können.« Da keine Zeit zu verlieren war, ließ sich der Meister auf der Stelle in den Lotussitz nieder und versetzte sich augenblicklich in tiefe Versenkung. Während sein Körper neben der Frau sitzen blieb, machte sich seine Seele auf ins Jenseits.

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KULTUR DER ACHTSAMKEIT

Wenn wir Zen praktizieren, pflegen wir eine „Kultur der Achtsamkeit”, in der für uns eigentlich jeder Tag ein „Tag der Achtsamkeit” sein sollte. Die Übung des Zen ist die reine Wahrnehmung. Sie ist die unmittelbare Erfahrung, in der Subjekt und Objekt ineinander fallen. Dieses Gewahrsein seiner selbst wird in vielen Texten als Aufmerksamkeit oder Achtsamkeit beschrieben. Wie es in folgender Zen-Geschichte schön geschildert wird:

Eines Tages kam ein hoher Beamter zu Meister Ikkyu. Er war von weither angereist, und bat Ikkyu: „Meister, könnt ihr mir bitte die Grundzüge der höchsten Weisheit niederschreiben?” Ikkyu griff sofort zu Tinte und Pinsel und schrieb: „Achtsamkeit.” „Ist das alles?”, fragte der Mann etwas enttäuscht. „Könnt ihr dem nicht noch etwas hinzufügen?” Ikkyu schrieb daraufhin: „Achtsamkeit, Achtsamkeit.” „Nun”, sagte der Mann in leicht gereiztem Ton, „in dem, was ihr geschrieben habt, kann ich nicht viel Tiefes entdecken. Gibt es nichts anderes zur höchsten Weisheit zu sagen?” Daraufhin schrieb Ikkyu dreimal hintereinander das gleiche Wort: „Achtsamkeit, Achtsamkeit, Achtsamkeit.” „Was bedeutet das Wort Achtsamkeit eigentlich?”, wollte der Mann nun gänzlich verärgert wissen. „Achtsamkeit bedeutet Achtsamkeit”, sagte Ikkyu mit sanfter Stimme.

Hätte der Beamte wirklich wach wahrgenommen, das heißt ohne Bewertung, sondern nur im Gewahrsein, was da geschah, dann hätte er selbst in die Erfahrung eintauchen können, die Ikkyu präsentierte, und damit die Essenz der größten Weisheit erleben können. Ikkyu ließ in seinem Tun dem Beamten den Vollzug des Lebens bewusst mit erfahren. Es ging lkkyu nicht darum, dem Beamten den Begriff Achtsamkeit niederzuschreiben. Nein, Ikkyu wollte den Beamten mitnehmen in den Augenblick, in das Hier und Jetzt, wo sich Achtsamkeit ereignet. Sogar noch mit dem letzten Satz versuchte er mit aller Kraft, die er nur aufbieten konnte, den Beamten erleben zu lassen, was Achtsamkeit ist, indem er mit ganz sanfter Stimme sprach: “Achtsamkeit ist Achtsamkeit.” Darin zeigte Ikkyu, dass man sogar das Sprechen als Vollzug des Lebens wahrnehmen kann, man auch im Sprechen die Essenz des Zen bewusst erlebt, als Vollzug des Lebens.

Die Grundübung der Achtsamkeit ist Zazen, “einfach Sitzen”. Buddha sagte einmal: Deine Gedanken sind wie eine Horde Affen, sie zu bändigen, das ist die Aufgabe. Dies geschieht mit Hilfe eines Fokus, mit dessen Hilfe die Gedanken gebündelt werden. Meistens wird der Atem als Fokus genommen, den man beobachtet. So übt man sich als Erstes in dieser Konzentration, die zugleich alle psychosomatischen Energien bündelt. Kein Gedanke schiebt sich zwischen mich, den Beobachter, und das Atemgeschehen. Diese Konzentration wirkt sich sehr schnell im Alltag aus. So wird man sich bald auf seine Arbeiten besser konzentrieren können. Man lässt sich nicht immer von allem und jedem ablenken und wird sich bald ruhiger und ausgeglichener erfahren.

Dies sind wunderbare Nebenerscheinungen, doch beinhaltet die Übung weit mehr. Die Konzentration führt, fährt man mit ihr fort, in eine reine Wahrnehmung, ein Gewahrsein. Aus der fokussierenden Konzentration entwickelt sich eine nichtfokussierende Achtsamkeit, die jetzt nicht mehr an irgendeinem Objekt haftet. So führt Zazen von der Konzentration zur reinen, begriffsfreien Wahrnehmung der Wirklichkeit und noch weiter: Die Wahrnehmung lässt die Ich-Aktivität unserer Gedanken zurücktreten. Vorurteile, Muster, Konzepte, mit denen mein Alltagsgeist die Welt betrachtet, versteht und einordnet, werden als Gedanken erkannt, die das Gehirn produziert, ähnlich dem “Gluckern des Bauches”.

Dadurch geschieht eine Desidentifikation von den Gedanken und Emotionen. Ich bin nicht mehr meine Gedanken und Emotionen, sondern ich lerne, meine Gedanken als “Plaudern” meines Gehirns und meine Emotionen als “Stoffwechsel” meines Körpers zu erkennen. Halte ich diese Gedanken und Emotionen nicht fest, bewerte ich sie nicht, sondern kann sie vorüberziehen lassen, wie Wolken am Himmel. So führt diese vorurteilsfreie Wahrnehmung zu einem wertfreien Handeln.

Eine kleine Zen-Geschichte beschreibt dies sehr schön. Sie spielt in einem Dorf, in dem ein alter Zen-Meister wohnte. Bei allen Dorfbewohnern stand er in hoher Achtung. Doch eines Tages behauptete ein junges Mädchen, dass sie von dem alten Meister schwanger sei. Die Empörung war groß und als das Kind geboren war, brachten die empörten Eltern des Mädchens das Kind zu dem Meister, damit er es aufziehe. Der Meister nahm das Kind an und sein einziges Wort dazu war nur: “So.” Es vergingen elf Jahre, da beichtete das Mädchen ihren Eltern, dass der Vater des Kindes nicht der alte Meister sei, sondern ein junger Fischer. Daraufhin gingen die Eltern zu dem alten Meister und nahmen das Kind wieder an sich. Der Meister meinte nur: “So.”

Die Geschichte zeigt sehr deutlich, dass dieses Freisein von wertenden Gedanken und das Nichtfesthalten an Konzepten ein freies, intuitives, doch vollkommen bewusstes Handeln ermöglichen.

Auszüge aus „Zen im 21. Jahrhundert - Zen als Impuls für eine neue Kultur der Achtsamkeit” Doris Zölls, Kamphausen-Verlag

DEN GEIST LEER MACHEN

Das Wesentliche eines jeden Koans ist das Paradoxon, was soviel heißt wie „jenseits des Denkens”. Es ist kein Rätsel, da es nicht mit dem Verstand zu lösen ist. Um ein Koan zu lösen, bedarf es eines Sprunges auf eine andere Ebene des Begreifens. Bei der Koan-Meditation geht es darum, die gedanklichen Grenzen zu überschreiten, um dahinter die wahre Natur aller Dinge zu erkennen.

Wenn ein Meister seinem Schüler ein Koan aufgibt, wird dieser zunächst versuchen, die Antwort mit dem Verstand zu finden. Erst wenn sich sein Denken irgendwann erschöpft hat, wird er andere Lösungsmöglichkeiten in Betracht ziehen. So wird er sein strukturelles Denken, seine subjektiven Bewertungsmaßstäbe und sein „schlaues Reden” aufgeben, den Geist leer machen und nach und nach Instinkt und Intuition wieder entdecken. Er wird die Wahrheit hinter seiner Wahrheit entdecken. Das folgende Beispiel soll einen ersten Eindruck von dem vermitteln, was mit „dem Sprung auf eine andere Ebene” gemeint ist:

Das Herz des Baums*

Der chinesische Zenmeister Seppo sagte zu seinem Schüler Chosei: »Komm, nimm die Hacke! Statt der Meditation fällen wir ein paar Bäume und bauen eine Hütte.« So folgte Chosei dem Meister in den Wald des Klosters. Als er ausholte, um den ersten Baum zu fällen, rief Seppo ihm zu: „Unterbreche Deine Bewegungen nicht, bis Du im Herzen des Baumes angelangt bist!” Ohne den Schlag auszuführen, antwortete Chosei ihm: »Ich bin schon angekommen.” „Sehr gut”, erwiderte Seppo. „Unser Buddha hat seine Lehre direkt von Herz zu Herz übermittelt. Was sagt Du dazu?” „Übermittlung erhalten”, antwortete Chosei, indem er die Axt zu Boden warf. Seppo hob sie auf und versetzte seinem Schüler mit dem Stiel einen Schlag auf den Kopf.

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WORTE SIND NICHTS ALS WORTE

Eines Tages wurde die Meditation des Meisters Ou-Tsou von einem wissbegierigen Schüler unterbrochen, der unterrichtet werden wollte. Ou-Tsou sah den Schüler an, zeichnete einen Kreis auf den Boden und setzte das Schriftzeichen für Wasser in dessen Mitte. Daraufhin blickte er seinen Schüler fragend an, um zu sehen, ob dieser die Bedeutung seiner Geste erfasst hatte. Dessen Gesicht spiegelte jedoch nur völliges Unverständnis wider.

Der Meister ist in tiefster Meditation versunken. Für ihn ist die Meditation eine konkrete Verwirklichung in seinem Inneren. Er tut dies nicht, um irgendwelche Schaulustigen - Eltern, Familie, Gesellschaft usw. - zu beeindrucken, sondern weil er es für nötig hält. Er steht über jeglicher Moral. Er ist, der er ist. Er strebt weder nach Liebe oder Gutheißung anderer. Er meditiert, weil er daran glaubt. Er glaubt an sich selbst. Er hat sich befreit.

Vielleicht haben seine Eltern ihn nicht - wie viele andere - konditioniert, die Welt so zu sehen wie sie. Mit anderen Worten: »Willst Du, dass ich Dich liebe, dann sehe die Welt mit meinen Augen und sei, wie ich will!« Er kennt wohl auch nicht die Begrenzungen der Partnerschaft, wo es heißt: »Setze Deine Scheuklappen auf und schau weder nach rechts noch nach links, sondern sieh nur mich an!«

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ERKENNTNIS EINES SCHÜLERS

In einem Kloster lebte ein verwirklichter Zen-Meister. Der Ruf seiner Weisheit hatte sich weithin verbreitet, und im Lauf der Zeit waren viele Mönche ins Kloster gekom-men, um unter seiner Führung die Lehre zu praktizieren. Vom Ruhm des Meisters angezogen, besuchten aber auch immer mehr Laien das Kloster. Auf der Suche nach Erleichterung von den Bürden ihres Lebens wollten sie dort ihre Sorgen vor den Buddha bringen, Zeremonien für ihre Vorfahren abhalten, in der Meditation zu sich selbst finden oder auch einfach nur einige Stunden in der Nähe des Meisters weilen.

Schließlich wimmelte das Kloster Tag für Tag nur so von Leuten, und die Mönche hatten mit der Versorgung der vielen Menschen alle Hände voll zu tun. Von früh bis spät waren sie damit beschäftigt, Essen zubereiten, Zeremonien abzuhalten, das Kloster sauber zu halten und die vielen anderen Aufgaben zu bewältigen, die der stetige Strom der Besucher mit sich brachte.

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WIE WIR MITEINANDER REDEN

Ein Zenmönch lebte mit seinem einäugigen und einfältigen Bruder. Eines Tages kündigte sich ein berühmter Theologe an, der von weither kam, um den Mönch zu treffen. Da dieser jedoch bei dessen Ankunft nicht zugegen sein konnte, sagte er seinem Bruder: „Empfange diesen Gelehrten würdig und behandle ihn gut! Halte den Mund und alles wird gut gehen!”

Mit diesen Worten verließ er das Kloster. Bei seiner Rückkehr suchte er umgehend seinen Besucher auf: „Hat mein Bruder Sie gut empfangen?”, erkundigte er sich. Der Theologe antwortete ihm überschwänglich: „Ihr Bruder ist wirklich außerordentlich. Wahrhaft ein großer Theologe!” Der Mönch brachte nur stotternd hervor: „Wie bitte? Mein Bruder … ein … Theologe … ?”

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SO IST ES

Eines Tages wurde Joshu von einem Schüler gefragt: „Meister, was tust Du, wenn Du mit einem Unheil konfrontiert bist?”  Joshu öffnete die Arme, atmete tief ein und erwiderte mit einem großen Lächeln: „So ist es.”

Eigentlich fragt der Schüler, wie er das Unheil wohl am besten vermeiden könnte. Der Meister hingegen antwortet: „Es gibt gar kein Unheil.” Allein der Begriff lässt es existieren. Das Bewusstsein eines Unheils schafft das Unheil. Befinden wir uns in einer Lage, die wir für eine Katastrophe halten, so sollten wir zuerst erkennen, dass uns nichts „Schreckliches” widerfährt. Wir könnten es annehmen wie Joshu.

Alle Ereignisse unseres Lebens sind Wunder. Wir sind inmitten dieser Dinge, mitten im „So ist es”. Wir sollten aufhören, es Unheil zu nennen. Nennen wir es lieber das „Leben mit all seinen Widersprüchen, seinen Krisen und zahlreichen Facetten”. Mitten im Unheil sind wir im „So ist es”. Man macht mir einen Prozess, dann ist es so. Unsere Partnerschaft steckt in der Krise, dann ist es so. Mit einer solchen Geisteshaltung vermeiden wir weder das Leben, noch seine harten Schläge.

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HIMMEL UND HÖLLE

„Ein japanischer Samurai forderte einst einen Zen-Priester auf, ihm Himmel und Hölle zu erklären. Doch der Priester erwiderte verächtlich: „Du bist nichts als ein Flegel, mit deinesgleichen verschwende ich nicht meine Zeit.“
Tief getroffen in seiner Ehre zog der Samurai sein Schwert und schrie: „Für deine Frechheit sollst du mir sterben!“
„Das ist“, gab ihm der Priester gelassen zurück, „die Hölle.“
Verblüfft von der Erkenntnis der Wahrheit dessen, was der Zen-Meister ihm über die Wut gesagt hatte, beruhigte sich der Samurai. Er steckte das  Schwert zurück und dankte dem Priester mit einer tiefen Verbeugung für die Einsicht. „Und das“, sagte der Priester, „ist der Himmel.”

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DER TON EINER HAND

Zentrale Eigenschaft eines Koan ist sein paradoxer, rätselhafter Charakter, der jeglichem Versuch, es mit Logik zu durchdringen, widersteht. Nur intuitive, dem Zen gemäße Einsicht bringt Verstehen, ein Verstehen, das jedoch  ebenso wenig mit Logik zu tun hat wie das Koan selbst. Es ist nur auf anderen Ebenen des Begreifens als der begrifflich-logischen zu verstehen und zeigt dem Übenden so die Grenzen des Denkens auf, die es zu durchbrechen gilt. Mit dem folgenden bekannten Koan soll das verdeutlicht werden:

Der Meister des Kennin-Tempels war Mokurai, Stiller Donner. Er hatte einen kleinen Schützling namens Toyo, der erst zwölf Jahre alt war. Toyo sah, wie die älteren Schüler jeden Morgen und Abend das Zimmer des Meisters betraten, um im Dokusan (eine Art Vier-Augen-Gespräch zwischen Meister und Schüler) Unterweisungen zu erhalten, wobei er ihnen Koans zum Lösen aufgibt, um das Umherschweifen des Geistes zu unterbinden.

Toyo wünschte sich ebenfalls ein Dokusan mit Koan.

«Warte ein bisschen», sagte Mokurai. «Du bist zu jung.»

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