ZenWeg

Archiv ‘02 - Was ist Zen?’ Kategorie

VERSUCH EINER WEGBESCHREIBUNG

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Die Wurzeln des Zen reichen 2.500 Jahre zurück bis zum historischen Buddha in Indien. Sein Leben zeigt als ältestes Vorbild der Menschheitsgeschichte, wie man aus eigener Kraft zu Erleuchtung und Vollkommenheit gelangen kann. Buddha war auch der erste, der die ursprüngliche Yoga-Meditation aus ihrer asketischen Einengung der Weltabkehr befreite und in eine praktische Übung für jeden zur Bewältigung seiner Lebensaufgabe umwandelte.

Im sechsten Jahrhundert brachte der legendäre Patriarch Bodhidharma dieses Gedankengut nach China. Der Legende nach übte er dort neun Jahre lang vor einer Felswand das „Sitzen in Versunkenheit“. Seine Lehre, der stark auf die Meditation ausgerichtete Dhyana-Buddhismus, entwickelte sich unter taoistischen und konfuzianischen Einflüssen zur chinesischen Urvariante des Zen zum Chan-na: kurz Chan genannt.

Im Lauf der folgenden Jahrhunderte bildeten sich in China unter den großen, bis heute maßgeblichen Meistern bedeutende Chan-Schulen heraus. Zwei davon gelangten als Rinzai- und Soto-Schule im 13. Jahrhundert nach Japan, wo sie unter der Bezeichnung «Zen» (Abkürzung von Zenno / Zenna, der japanischen Lesart von Channa) weitere berühmte Meister hervorbrachten und noch heute existieren.

Alle großen Zen-Schulen waren und sind sich darin einig, dass Buddha weder eine menschliche Gottheit noch der Schöpfer der Welt ist, sondern ein Mensch. Buddha Shakyamuni wird verehrt, weil seine Dharma-Lehre eine der ältesten Erlösungslehren der Erde ist, deren Schöpfer wir kennen und der noch heute Millionen Anhänger hat.

Und er war nicht der einzige Buddha, vor ihm und nach ihm gab es noch andere Buddhas, die eine fast ebenso tiefe Einsicht erreicht haben. Jeder Mensch kann zum Buddha werden, denn er trägt die „Buddha-Natur“, den Ansatz der Vollkommenheit in sich, um sich von den Ursachen des Leids (Begierde, Hass, Verblendung) befreien zu können.

Die Zen-Meditation dient zur Vorbereitung dieser „Großen Erfahrung”, jener mystischen Wirklichkeit von Satori oder Kensho (Erleuchtung bzw. Wesensschau), die gemeinhin als Ziel der Zen-Übung angesehen wird. Ein solches Ziel darf es aber eigentlich im Sinne der Selbstlosigkeit des Zen gar nicht geben. Die „Erfahrung” kann deshalb auch nicht herbeigeführt werden - und sei es durch noch so intensives Üben.

Man darf die Erleuchtung nicht suchen, nicht erwarten, nicht erhoffen, man kann sich höchstens von ihr finden und erfassen lassen. Wo diese Erfahrung in einem Menschen stattgefunden hat, da formt und prägt sie Ausdruck und Haltung, bis sie im Leben und Sein des Einzelnen vollkommen integriert und dann in seiner Erscheinung erkennbar ist, insbesondere für einen anderen Erfahrenen.

Zen gründet zwar im Buddhismus, vermittelt aber keinen Glauben, kein Dogma, kein theoretisches Wissen, sondern eine Lebenshaltung und einen Weg zur wahren Menschlichkeit. Die drei tragenden Säulen des Zen sind Meditation, Ethik und die von Weisheit durchdrungene Erkenntnis der Wirklichkeit.

Wer sich mit Zen beschäftigt, wird bald erkennen, dass es ihm eine vollkommen neue Perspektive auf sich und die Welt ermöglicht. Die Einsicht in das eigene Wesen, mit der im Idealfall die Einsicht ins Wesen aller Dinge verbunden ist, das ist es, was Zen auch für viele Menschen hier im Westen so attraktiv und wertvoll macht, auch wenn sie nur bestimmte Bereiche in ihren Alltag integrieren können.

Was ist nun also Zen?

Das Geheimnis des Zen ist die Praxis des Zazen: In einer Haltung tiefer Konzentration einfach nur sitzen, ohne Ziel und ohne Streben nach Erleuchtung. Die Zen-Meditation führt nicht in die Isolation, sondern wirkt sich positiv auf Körper und Geist aus. Denn sie führt beide zurück zu ihrem normalen Zustand. – Zen ist der Weg zu unserer ursprünglichen Natur, der „Buddha-Natur“

IM SAMADHI SEIN INNERSTES ENTECKEN

Ein berühmter Chirurg war einmal bei einer Operation, die äußerste Konzentration erforderte. Während er an der Arbeit war, gab es plötzlich ein Erdbeben. Die Stöße waren so stark, dass die meisten Assistenten unwillkürlich aus dem Raum rannten, um sich in Sicherheit zu bringen. Aber der Chirurg war derart in seine Arbeit vertieft, dass er die Stöße überhaupt nicht wahrnahm. Nach dem Ende der Operation erzählte man ihm von dem Erdbeben, und erst da nahm er es zur Kenntnis. Er war vollständig in seine Arbeit aufgegangen. Da ist eine Art von Samadhi. -  Wir machen diese Erfahrung, wenn wir lesen, schreiben, denken, angeln, Bilder anschauen, im Theater oder beim Fußball. Tatsächlich gehen wir jeden Augenblick im Tun oder im Gedanken dieses Augenblicks auf.

Es gibt unterschiedliche Grade des Aufgehens unterschiedliche Zeitdauern, und es gibt auch Unterschiede zwischen vorsätzlicher und unwillkürlicher Aufmerksamkeit: Das ist zum Beispiel der Unterschied zwischen dem Fasziniert werden von einem Fußballspiel (unwillkürliche Aufmerksamkeit) und der Konzentration, die ein Chirurg für seine Operation aufwendet (willentliche Aufmerksamkeit).

Rinzai Zenji, der Begründer der Rinzai-Zen-Schule, hat die verschiedenen Arten des Samadhi in vier Kategorien unterteilt. Auf der ersten Stufe sind wir uns unseres Verhaltens, unserer Gefühle, unserer Gedanken nicht bewusst. Der innere Mensch ist vergessen, und äußere Umstände nehmen unsere volle Aufmerksamkeit in Beschlag. Wir müssen uns daran erinnern, dass das Bewusstsein auf zwei verschiedene Weisen wirkt; die eine ist nach außen, die andere nach innen gerichtet. Wenn das Bewusstsein mit äußeren Dingen beschäftigt ist, vergisst man die innere Aufmerksamkeit und umgekehrt.

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ZEN UND RELIGION

“Zen ist kein System, das sich auf Logik und Analyse gründet. Wenn es irgendetwas ist, so ist es das Gegenteil von Logik, unter der ich die dualistische Denkweise verstehe. . . . Weder hat Zen uns auf dem Wege intellektueller Analyse etwas zu lehren, noch enthält es irgendwelche feste Lehrmeinungen, die seine Anhänger annehmen müssten. In dieser Beziehung ist Zen völlig chaotisch, wenn man so sagen will. Wahrscheinlich werden Zen-Anhänger eine Menge von Lehrmeinungen haben, aber sie haben sie auf ihre eigene Rechnung und zu ihrem eigenen Besten; sie verdanken sie nicht dem Zen.

So gibt es im Zen auch weder heilige Bücher noch dogmatische Lehrsätze, noch irgendwelche symbolische Formeln, die das Wesen des Zen zugänglich machen könnten. Werde ich also gefragt, was Zen lehrt, so muss ich antworten, dass Zen nichts lehrt. Was immer für Lehren es im Zen gibt, sie kommen aus dem eigenen Inneren jedes einzelnen. Wir sind selbst unsere Lehrer; Zen weist nur den Weg.  Mag dieses Wegweisen eine Lehre sein, so gibt es im Zen doch nichts, was als grundsätzliche Lehre oder philosophische Basis bezeichnet werden könnte. . . .

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