30 Aug
Seit rund tausend Jahren werden Koans im Zen systematisch als Mittel der Schulung eingesetzt. Diese Zen-spezifischen, paradoxen Sinnsprüche oder Dialoge sind keine Rätsel, da sie nicht mit dem Verstand zu lösen sind; zu ihrer Lösung bedarf es eines Sprunges auf eine andere Ebene des Begreifens. Koans machen dem Zen-Schüler die Grenzen des Denkens deutlich und zwingen ihn schließlich, sie in einem intuitiven Sprung zu transzendieren, durch den er sich in der Welt jenseits aller logischen Widersprüche und dualistischen Denkweisen wiederfindet. Aus dieser Erfahrung heraus kann der Schüler dem Meister im Dokusan (Einzelgespräch) seine eigene Lösung des Koan spontan und ohne Rückgriff auf Hörensagen demonstrieren.
Alle Koans sind Barrieren, aufgerichtet von den Buddhas und Patriarchen der Vergangenheit. Gewöhnlichen Menschen ist es unmöglich, sie zu überwinden. Um durch diese Barrieren hindurchzukommen, müßt ihr eure eigene Wesensnatur, euer wahres Selbst verwirklichen. Das nennt man Selbst-Verwirklichung oder Erleuchtung, Kensho oder Satori im Japanischen. Augenblicklich, wie Luftspiegelungen, werden diese Barrieren verschwinden, wenn ihr einmal zu wahrer Erleuchtung gelangt, und euch wird aufgehen, daß ihr von allem Anfang an in einer Welt ohne Innen und Außen gelebt habt.
Es soll insgesamt etwa 1700 Koans geben, von denen die heutigen jap. Zen-Meister jedoch nur 500 bis 600 verwenden. Zu den fundamentalsten Koan-Sammlungen der Zen-Literatur gehört der „Mumonkan” aus dem ich heute das 7. Koan vorstelle
Joshus „Wasche deine Schalen”
Ein Mönch sagte zu Zen-Meister Joshu in allem Ernst: »Gerade bin ich erst in dieses Kloster eingetreten. Ich ersuche Euch, Meister, gebt mir bitte Unterweisung« Joshu fragte: »Hast du schon deinen Reisbrei gegessen? » Der Mönch antwortete: »Ja, das habe ich.« Joshu sagte: »Dann wasche deine Essschalen.« Da erlangte der Mönch eine gewisse Erleuchtung.
In der folgenden Unterweisung, einem „Teisho”, hat Zen-Meister Kuon Yamada seinen Schülern bei einem Sesshin, einer mehrtägigen Zen-Seminar, die Hintergründe zu diesem Koan erläutert:
Das Koan sollte von zwei Blickwinkeln aus betrachtet werden. Der erste betrifft den praktischen Verlauf des Zen-Übens mit dem Ziel, Erleuchtung zu erfahren. Der zweite betrifft die Wesensnatur des Selbst, des Seins bzw. der Buddhanatur. Vom ersten Blickwinkel her: Was meint Joshu mit der Frage: »Hast du schon deinen Reisbrei gegessen«? Zen-Meister lieben keine abstrakten Worte und Konzepte wie Buddhanatur, Erleuchtung, Nirvana usw. Diese Ausdrücke sind nur Lehrmittel zur Erklärung. Als solche berühren sie nicht wirklich das Faktum; noch weniger können sie es einfangen. Darum ist der mündliche Austausch im Zen immer konkret. In begrifflicher Form würde Joshus Frage lauten: »Hast du schon einmal Kensho (Erleuchtungserfahrung) zu schmecken bekommen?«
Die Antwort des Mönchs »Ja, ich habe« bedeutet: »Ja, ich bin schon erleuchtet.« Joshu erwidert: »Dann wasche deine Schalen!« Nun, was bedeutet dies?
19 Jul
Diese Frage beschäftigt seit Menschengedenken die Philosophen aller Völker. Doch kein Weiser, Guru oder Meister kann uns die Antwort darauf geben, sondern nur den Weg weisen. Die Beziehung zu uns selbst müssen wir in der spirituellen Praxis selber entdecken, erklärt Zen-Meisterin Joko Beck in ihrem Buch „Zen im Altag”. Hier ein paar Auzüge daraus:
„Wir meditieren, um zu erfahren, wer wir sind. Wir haben Geist und Körper, doch diese Elemente erklären nicht das Leben, das wir sind. Wir möchten unser wahres Selbst kennenlernen. Aber was ist das nur? Wenn wir das wahre Selbst definieren müßten, was würden wir sagen? Lasst uns einen Augenblick nachdenken. Was kommt mir in den Sinn? Etwas wie: das Wirken eines Menschen, der keine egozentrische Motivation hat. Man kann unschwer erkennen, daß solch ein Wesen kaum etwas Vertraut-Menschliches an sich hätte. Von einem anderen Standpunkt aus wäre solch ein Mensch allerdings im eigentlichen Sinne Mensch - doch nicht auf die Weise, in der wir in normaler Weise uns selbst und andere sehen. Solch ein Wesen wäre im Grunde ein Niemand.
Wenn wir uns durchs Leben kämpfen und die Mängel unserer Beziehungen zu diesem oder jenem Menschen, zu unserer Arbeit oder zu einer bestimmten Aktivität erfahren, unterliegen wir dem großen Irrtum gerade durch die Vorstellung, wir stünden zu dieser bestimmten Person oder diesem bestimmten Ereignis »in Beziehung«. Normalerweise betrachten wir die Ehe so: »Ich bin mit ihm verheiratet.« Doch solange wir sagen: »Ich bin mit ihm verheiratet«, sind da zwei Menschen; für das wahre Selbst aber können es nicht zwei sein. Das wahre Selbst kennt keine Trennung. Es sieht vielleicht so aus, als sei ich »mit ihm/ihr« verheiratet, doch das wahre Selbst - man kann es auch das unendliche Energiepotential nennen - kennt keine Abgrenzung. Das wahre Selbst gestaltet sich zwar in verschiedenen Formen, bleibt aber essentiell ein Selbst, ein Energiepotential. Wenn ich sage: »ich bin mit dir verheiratet« oder »ich habe vier Kinder«, so stimmt das, was die Alltagssprache anbelangt. Doch wir müssen sehen, daß das nicht die wirkliche Wahrheit ist. Ich bin nicht mit jemandem verheiratet, mit etwas verbunden, ich bin dieser Mensch, ich bin dieses Ding. Das wahre Selbst kennt keine Trennung.
Wir sagen nun vielleicht, das ist ja alles ganz schön, aber wenn wir es einmal praktisch betrachten, was machen wir dann mit den großen Schwierigkeiten, die sich in unserem Leben einstellen? Wir alle wissen, daß uns die Arbeit in große Probleme bringen kann, ebenso unsere Kinder, unsere Eltern, jede Beziehung zu Menschen. Nehmen wir an, ihr seid mit jemandem verheiratet, der außerordentlich schwierig ist - nicht nur ein bißchen schwierig, sondern extrem schwierig. Nehmen wir weiter an, die Kinder litten unter dieser Ehe. Was sollen wir dann tun? Und es gibt ja noch viele Variationen von Beziehungsproblemen. Nehmen wir an, ihr hättet einen Partner, der sehr intensiv an einem bestimmten Gebiet arbeitet, und er könnte dieses Studium nur auf einem drei- oder vierjährigen Afrika-Aufenthalt betreiben, eure Arbeit aber würde euch hier festhalten. Was solltet ihr da tun? Oder ihr habt alte Eltern, die eurer Fürsorge bedürfen, euer Beruf aber, eure Verpflichtungen, rufen euch anderswo hin. Was solltet ihr tun? Aus solchen Problemen besteht das Leben. Nicht alle Probleme sind so schwierig wie diese, doch auch schon weniger gravierende können uns graue Haare wachsen lassen.
In jeder Situation sollten wir uns nicht dem anderen Menschen per se hingeben, sondern dem wahren Selbst. Natürlich verkörpert der andere das wahre Selbst, und doch ist das nicht genau dasselbe. Wenn wir mit einer Gruppe zu tun haben, so besteht unsere Beziehung nicht zu der Gruppe, sondern zum wahren Selbst der Gruppe. Das wahre Selbst, von dem ich spreche, ist kein mystisches Wesen, das irgendwo über einem schwebt. Das wahre Selbst ist nichts, und doch ist es das einzige, das unser Leben bestimmen sollte. Es ist der innere Meister. Wenn wir Zazen üben oder eine Sesshin (ein mehrtägiges Meditationsseminar) erleben, dient das nur dem Zweck, unser wahres Selbst besser zu verstehen. Wenn wir es nicht verstehen, werden wir immer weiter ratlos vor Problemen stehen und nicht wissen, was wir tun sollen. Das Einzige, dem wir dienen sollten, ist nicht ein Lehrer, nicht ein Zentrum, nicht ein Beruf oder ein Ehepartner, nicht ein Kind, sondern unser wahres Selbst. Wie aber können wir wissen, wie man das tut? Es ist nicht einfach, und es braucht Zeit und Ausdauer, um es zu lernen.
Durch das Üben wird deutlich, daß wir uns fast nie allzu sehr für unser wahres Selbst interessieren; im Leben interessiert uns nur unser kleines Ich, - was wir wollen, was wir denken und worauf wir hoffen, was uns angenehm wäre, was unserer Gesundheit guttäte, unserem Wohlbefinden; da hinein legen wir unsere Energie. Durch bewußtes Üben wird uns das allmählich klar. Und es ist nicht gut oder schlecht, daß wir so sind, es ist einfach so. Wenn nun Licht auf unsere gewöhnliche, egozentrische Aktivität fällt, wenn wir uns des Kummers und des Leidens bewußt werden, die daraus hervorgehen, können wir uns davon abkehren. Vielleicht erahnen wir sogar einen anderen Seins-Zustand: das wahre Selbst.
Wie können wir in einer konkreten Situation dem wahren Selbst dienen? Manchmal mag das sehr schwer, sehr mühsam aussehen, manchmal aber auch gerade das Gegenteil davon. Es gibt keine Rezepte. Vielleicht gebe ich meine gute Stelle in New York auf und bleibe zu Hause, um meine Eltern zu pflegen. Vielleicht tue ich es auch nicht. Nur mein wahres Selbst kann mir sagen, was ich tun soll. Wenn wir auf unserem Übungsweg so gereift sind, daß wir uns nicht mehr so oft selbst täuschen, weil wir mit unserer wirklichen Erfahrung in Berührung sind, dann werden wir auch immer genauer wissen, was das richtige, von Mitgefühl getragene Handeln ist.
Es kann ein Zeitpunkt kommen, von dem ab es am besten ist, allein weiterzugehen, wenn man dem wahren Selbst dienen will. Niemand kann mir sagen, was das Beste ist; niemand weiß es, außer mein wahres Selbst. Sind wir verheiratet, so sind wir nicht miteinander verheiratet, sondern mit dem wahren Selbst. Lehren wir eine Gruppe von Kindern, so lehren wir nicht die Kinder, sondern wir drücken das wahre Selbst in einer Weise aus, die für die Klasse sinnvoll ist.
Das mag nun idealistisch und verstiegen klingen; dennoch haben wir alle paar Minuten die Möglichkeit, uns damit auseinanderzusetzen. Beispielsweise der Umgang mit jemandem, der uns irritiert; eine Begegnung, die uns verärgert und bei der wir denken, die anderen hätten es doch besser wissen müssen. Was ist das wahre Selbst unter all diesen Umständen? Wir können uns unserer Irritation, unserer Verärgerung, unserer Ungeduld bewußt werden. Und solche Gedanken können wir benennen. Wir können das in aller Geduld tun, wir können die Spannungen erleben, die diese Gedanken hervorbringen. Wir können das erfahren, was wir zwischen uns selbst und unser wahres Selbst stellen. Wenn wir solch sorgfältiges Üben in unserem Leben an die erste Stelle setzen, dienen wir unserem inneren Meister, und dann wächst unsere Erkenntnis dafür, was getan werden muß.
Das wahre Üben führt uns mehr und mehr in jenen schlichten, undramatischen Raum, in dem die Dinge einfach das sind, was sie sind - sie gehen einfach vor sich. Und dieses ungestörte Vorsichgehen entsteht niemals aus Egozentrik. Wenn wir oft Sesshins erleben, erhöht das unsere Chance sehr, einen größeren Teil unseres Lebens in diesem schlichten Raum zu verbringen. Doch wir müssen geduldig sein und Haltung beweisen; wir müssen gleichmütig sein und sitzen. Das wahre Selbst ist nichts. Es ist die Abwesenheit von etwas anderem. Die Abwesenheit wovon?
Auszüge aus „Zen im Alltag” Charlotte Joko Beck, Knaur Verlag
14 Jun
„Vor ein paar Tagen sagte jemand zu mir: »Sie sprechen eigentlich nie über Erleuchtung. Wollen Sie nicht darüber einmal was sagen?« Das Problem, über »Erleuchtung« zu sprechen, liegt darin, daß unsere Worte ein Bild davon erzeugen, was das ist, und Erleuchtung ist kein fest umrissenes Bild, sondern ein Zerstören all unserer Bilder. Etwas Zerstörtes ist nicht gerade sehr verlockend für uns! Was bedeutet es, unsere gewöhnliche Vorstellung vom Leben zu zerstören? Die alltägliche Lebenserfahrung konzentriert sich auf einen selbst. Schließlich erlebe ich ja alle Eindrücke, ich kann nicht die Erfahrung des anderen von seinem Leben haben, es ist immer meine eigene. Und schließlich komme ich unvermeidlich zu der Überzeugung, daß es ein Ich gibt, das das Zentrum meines Lebens ist, da meine Erfahrungen sich um dieses Ich zu drehen scheinen. »Ich« sehe, »ich« höre, »ich« fühle, »ich« denke, »ich« habe diese oder jene Meinung. Wir stellen dieses »Ich« selten in Frage. Im Zustand der Erleuchtung aber gibt es kein »Ich«. Da ist einfach das Leben selbst. Ein Pulsieren zeitloser Energie, deren Wesen alles umfaßt oder ist.
Der Prozeß des Übens bedeutet, allmählich zu sehen, warum wir unser wahres Wesen nicht erkennen: Das liegt immer an unserer ausschließlichen Identifikation mit unserem eigenen Geist und Körper, dem »Ich«. Um unseren natürlichen Zustand der Erleuchtung zu erkennen, müssen wir diesen Irrtum sehen und zerstören. Der Übungsweg besteht darin, entschieden gegen den gewöhnlichen, egozentrischen Lebensstil anzugehen.
Im ersten Stadium des Übungsweges geht es darum, zu erkennen, daß mein Leben sich vollkommen auf mich konzentriert: »Ja, ich habe diese egozentrischen Meinungen, diese um mich kreisenden Gedanken, diese selbstsüchtigen Emotionen. .. ich, ich, ich habe all das von morgens bis abends.« Allein das Wachsein dafür ist schon für sich genommen ein großer Schritt.
Das nächste Stadium (und diese Stadien können Jahre währen) besteht darin, zu beobachten, was wir mit all diesen Gedanken, Phantasien und Emotionen tun, was es heißt, daß wir gewöhnlich an ihnen hängen, sie hätscheln und glauben, ohne sie hilflos und verloren zu sein. »Ohne diesen Menschen wäre ich verloren; wenn sich diese Situation nicht nach meinen Wünschen ändert, ertrage ich es nicht.« Wenn wir fordern, das Leben müßte so oder so sein, leiden wir unvermeidlich - denn das Leben ist allzeit so, wie es ist, es ist nicht immer gerecht, nicht immer angenehm. Das Leben richtet sich nicht danach, wie wir es haben wollen, es ist einfach so, wie es ist. Und das darf unserer Freude daran, unserer Wertschätzung, unserer Dankbarkeit nicht im Wege stehen.
Wir sind wie kleine Vögel, die im Nest sitzen und darauf warten, dass Mama und Papa ihnen Futter in den Schnabel stecken. Für junge Vögel mag das auch passend sein, wenn auch Mutter und Vater mehr Freiheit haben, da sie den ganzen Tag herumfliegen können. Wir glauben vielleicht, daß wir solch einen jungen Vogel nicht zu beneiden hätten, doch wir tun genau das, was er tut. Wir erwarten, daß das Leben uns Leckerbissen in den Mund schiebt: »Ich möchte, daß es so geht, wie ich es mir vorstelle! Ich will, daß meine Freundin anders ist, ich will, daß meine Mutter besser zu mir paßt, ich möchte leben, wo ich leben will, ich möchte Geld… oder Erfolg … oder … « Wir sind wie junge Vögel, nur verbergen wir unsere Gier besser als sie”.
17 Mai
Durch das Sich-Öffnen der Energiezentren des Körpers, die traditionell als Chakren bezeichnet werden, ist es möglich, große Veränderungen zu erleben. Doch auch das findet durchaus nicht bei jedem statt, und es ist keineswegs eine Notwendigkeit für den spirituellen Entwicklungsprozess. Solch ein dramatisches ungesteuertes Sich-Öffnen des Energiekörpers und der Chakren geschieht einfach nur deshalb, weil jemand in diesen Bereichen blockiert war. Chakra-Energie zeigt sich u.a. wie folgt:
Das erste Chakra liegt an der Wurzel der Wirbelsäule und wird mit der Energie der Sicherheit oder der »Erdung« assoziiert. In der Meditation kann es geschehen, dass wir dieses Chakra durch starke Empfindungen im Beckenboden körperlich zu spüren beginnen. Wenn sich dieses Chakra öffnet, bewirkt dies, dass wir uns in unserem Körper auf dieser Erde wirklich zu Hause fühlen und lernen, uns in der echten Sicherheit unseres Seins zu entspannen.
Das zweite Chakra, das etwas höher liegt, befindet sich im Bereich der inneren Zeugungsorgane. Ihre Energie öffnet uns im Allgemeinen für Aspekte der Sexualität, der Reproduktion und der Zeugung. Wenn sich die sexuelle Energie in diesem Zentrum befreit, kann es geschehen, dass wir von sexuellen Vorstellungen und Empfindungen überschwemmt werden. Manche mögen das als angenehm empfinden. Andere, die vielleicht mit einer unaufgearbeiteten sexuellen Problematik belastet sind, müssen sich mit der angsterregenden und destruktiven Seite dieser Energien auseinandersetzen.
Das dritte Chakra im Bereich des Solarplexus wird oft mit Willenskraft assoziiert. Wenn sich dieses Chakra öffnet, können Angst und Frustration hochschießen. Das kann zu einer gewaltigen Befreiung von Energie führen: Wir spüren vielleicht eine ungeheuere inhärente Kraft in uns; und unser Atem und unser Handeln werden von neuer Klarheit und Spontaneität belebt.
Das vierte Chakra, das Herz-Chakra, kann sich sowohl auf körperlichen wie auf emotionalen Ebenen öffnen. Körperlich empfinden wir vielleicht zunächst Schmerzen, Ringe von Spannung und Festhalten, die unser Herz seit vielen Jahren umklammert hielten. Auch tiefster Kummer, ein Überfließen von Mitgefühl und danach Lachen und Freude können das Öffnen der emotionalen Schleusen des Herzens begleiten. Hier begegnen wir den großen Themen Liebe, Nähe und Einsamkeit, und die tiefen Muster unseres Herzens werden sichtbar. Am Ende hüllt das Herz das gesamte Universum in Liebe und Mitgefühl ein. Es kann zum Zentrum werden, das alles belebt.
Das fünfte Chakra, das Kehl-Chakra, wird oft mit Kommunikation und Kreativität assoziiert. Wenn es sich öffnet, kommen zuerst die Bilder und all die Energie hoch, die man zurückgehalten hat, alles, was man nicht ausgesprochen oder nicht gewürdigt hat. Auf der körperlichen Ebene kann dieses Öffnen stunden- oder tagelang von dem Drang zu schlucken und von Husten begleitet sein. Öffnet sich dieses Zentrum, so finden wir die richtigen Worte und unsere echte Stimme, und wir bekommen ein Gefühl dafür, wie es ist, über einen freien Kanal zu verfügen, so dass wir unsere kreativen Impulse zum Ausdruck bringen können.
Das sechste Chakra liegt zwischen den Augen und wird mit innerer Schau und klarem Verstehen assoziiert. Auch hier kann sich zuerst körperlicher Schmerz einstellen, wie Brennen und Spannung um die Augen oder sogar zeitweiliges Erblinden. Lichterscheinungen und Visionen können auftreten; wir erleben vielleicht ein intensives Gefühl der Klarheit oder die Entfaltung unserer übersinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit. Wenn sich dieses Chakra öffnet, kann es geschehen, dass der Fluss der Gedanken innehält, dass wir desorientiert werden und kein Gefühl mehr dafür haben, wo wir uns befinden oder welche Rolle wir im Leben spielen.
Mit der Öffnung des siebten Chakras oder Scheitel-Chakras am obersten Punkt des Kopfes kann sich das Gefühl einstellen, als befinde sich an dieser Stelle ein offenes Loch. Zuerst äußert sich dies als Druck und Spannung, und wenn es sich öffnet, können Schwindelgefühle auftreten; mit der Zeit lernen wir, uns in der Klarheit des Bewusstseins zu entspannen. Energie fließt in unseren Kopf hinein und wieder heraus; wir sind von einem tiefen Gefühl der Sammlung und der Verbindung mit allem erfüllt. Von diesem Chakra aus gesehen, erscheinen alle Dinge des Lebens als ein Tanz der Harmonie.
3 Mai
Beim vergangenen Meditationsabend haben wir uns mit bestimmten körperlichen Erfahrungen beschäftigt, die sich während des Zazen zum Beipiel beim Lösen von physischen Blockaden als außergewöhnliche Bewegungen oder Reflexe manifestieren können. Im Folgenden versucht Jack Kornfield in seinen „Fernöstlichen Lehren für den westlichen Alltag” diese kaum zu beschreibenden Erfahrungen in Worte zu fassen und sie als Teil unseres spirituellen Pfades einzuordnen.
Zu diesen Sinneswahrnehmungen gehören angenehme Arten von Schauern, Prickeln, Wellen der Verzückung und herrliches Funkensprühen. Die Haut kann vibrieren; es kann eine Gefühl sein, als würden Ameisen oder kleine Käfer auf uns herumkrabbeln oder als würden Akupunkturnadeln in die Haut gesteckt; es kann ein Gefühl von großer Hitze sein, als stünde die Wirbelsäule in Flammen. Manche tibetische Yogis entwickeln diese Ansätze der inneren Hitze im Yoga so geschickt weiter, dass sie sich in den Schnee setzen und ihn um sich herum zum Schmelzen bringen können. Das Gefühl der Hitze kann sich mit Kältegefühlen abwechseln, die mit einem leisen Frösteln beginnen und sich zu starker Erregung mit Eiseskälte steigern können. Manchmal sind diese Erfahrungen des Temperaturwechsels so intensiv, dass wir an heißen Sommertagen vor Kälte zittern.
Diese kinetischen Formen der Erregung können von visuellen Phänomenen begleitet sein; man sieht farbiges Licht, zuerst Blau, Grün und Purpurrot, und später, wenn die Konzentration stärker wird, goldenes und weißes Licht. Viele Praktizierende sehen schließlich extrem intensives weißes Licht, als würden sie in sehr starke Scheinwerfer schauen oder als wäre der ganze Himmel von einer gleißenden Sonne ausgefüllt. Verschiedene farbige Lichtphänomene treten oft im Zusammenhang mit bestimmten Bewusstseinszuständen auf: Grün in Verbindung mit Mitgefühl, Rot mit Liebe, Blau mit Weisheit.
Auf noch tieferen Ebenen der Konzentration kann das Gefühl entstehen, als löse sich der Körper vollkommen in Licht auf. Wir spüren vielleicht ein Kribbeln und Vibrieren, das so subtil ist, dass wir uns wie Lichtmuster im Raum fühlen, oder wir werden zu Farben eines sehr intensiven Lichts. Diese Lichterfahrungen und Empfindungen sind spezielle Ergebnisse starker geistiger Konzentration. Sie vermitteln das Gefühl von Reinigung und Öffnung und können uns zeigen, dass Geist und Körper und das gesamte Bewusstsein auf einer bestimmten Ebene aus Licht bestehen.
Zudem können sich diverse ungewöhnliche Sinneswahrnehmungen einstellen. Viele davon sind mit Veränderungen der bereits beschriebenen Elemente Erde, Luft, Feuer und Wasser im Bereich der körperlichen Wahrnehmung verbunden. Wir fühlen uns vielleicht sehr schwer oder hart und fest wie ein Stein oder als würden wir von einem großen Gewicht erdrückt. Es kann aber auch das Gefühl von Gewicht völlig verschwinden, und wir fühlen uns wie fließend und müssen die Augen öffnen, um uns zu vergewissern, dass wir immer noch auf dem Sitzkissen sitzen.
12 Apr
Wie sind die spektakulären und exotischen spirituellen Erfahrungen zu verstehen, von denen in der Literatur der großen mystischen Traditionen so viel die Rede ist? Widerfahren sie auch den Menschen unserer modernen Zeit? Welchen Wert haben solche Erfahrungen? Bestimmte spirituelle Systeme behaupten, dass außergewöhnliche Bewusstseinszustände nötig sind, damit wir eine »transzendente« Sichtweise entwickeln können, uns über die Grenzen unseres Körpers und Geistes hinaus öffnen und die göttliche Qualität der Befreiung erkennen. Diese Schulen sprechen von wichtigen »Erleuchtungserfahrungen« und erklären, man müsse den Gipfel erklimmen, kosmische Visionen haben und das »kleine Selbst« transzendieren. Viele Traditionen beziehen sich primär auf solche visionären und transzendenten Erfahrungen. Andere Schulen, die sich auf das Erwachen »hier und jetzt« beziehen, lehren, dass das Göttliche und die Erleuchtung stets gegenwärtig sind. Allein nur der habenwollende und festhaltende Geist — zu dessen Domäne auch das Verlangen nach Transzendenz gehört - hält uns davon ab, diese Wirklichkeit zu erfahren.
Die Erfahrung transzendenter Zustände kann unter Umständen eine zutiefst heilende und verwandelnde Wirkung haben, doch ihre Gefahren und die Möglichkeiten des Missbrauchs sind ebenso groß. Vielleicht entwickeln wir das Gefühl, jemand ganz Besonderer zu sein, weil wir sie erlebt haben; wir können leicht von ihnen abhängig werden; und die dramatischen Erlebnisse, körperliche Sensationen, Erregung und Visionen können süchtig machen und unsere Gier und unser Leiden noch verstärken. Die größte Gefahr ist jedoch der Mythos, dass diese Erfahrungen uns von Grund auf verwandeln würden, dass von einem Augenblick der »Erleuchtung« oder Transzendenz an unser Leben ganz und gar besser sei. Das trifft in den seltensten Fällen zu, und das Haften an solchen Erfahrungen führt allzu leicht zu Selbstzufriedenheit, Hybris und Selbsttäuschung.
Die einmalige oder gelegentliche Erfahrung von Liebe und Licht kann zur Ausrede werden, dass doch alles bereits göttlich oder vollkommen sei, und uns dazu verführen, alle Konflikte und Schwierigkeiten wegzuinterpretieren. Manche Schüler praktizieren jahrelang mit dieser Einstellung und sind dabei weit davon entfernt, echte Weisheit zu entwickeln. Sie treten auf der Stelle, ohne es zu wissen, und obwohl sie vielleicht ein Gefühl von Frieden haben, hat in ihrem Leben keine Transformation stattgefunden; unter diesen Umständen werden sie möglicherweise nie zur Erfüllung ihres spirituellen Weges gelangen - nie wahre Befreiung inmitten der Welt finden.
Wenn wir mit einer spirituellen Praxis beginnen, schlagen wir uns mit den körperlichen Schmerzen und mit der inneren Panzerung herum, die wir im Laufe der Jahre aufgebaut haben; wir sind emotionalen Stürmen ausgesetzt und mit einer Prozession der üblichen Hindernisse konfrontiert. Eines sollten wir dabei aber nicht vergessen: Da die mentalen, emotionalen und spirituellen Gebiete, mit denen wir uns hier befassen, unserem gewöhnlichen Bewusstsein sehr fremd sind, brauchen wir unbedingt einen Lehrer oder Begleiter und die Unterstützung durch eine angemessene Situation, um bei der Navigation durch dieses unbekannte Gewässer nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Das ist entscheidend wichtig. Man unternimmt ja auch keine Trekkingtour in den Himalaya ohne einen Führer, der die alten Pfade kennt.
20 Jul
Jedes Lebewesen auf dieser Erde scheint zu wissen, wie es ruhig und still sein kann. Der Schmetterling auf einem Blatt, die Katze vor dem Kamin - selbst ein Kolibri kommt manchmal zur Ruhe. Nur wir Menschen sind ständig in Bewegung. Wir scheinen die Fähigkeit verloren zu haben, ganz einfach ruhig zu sein, einfach in der Stille, der Grundlage unseres Lebens, präsent zu sein.
Der Punkt der Stille ist das Herz des kreativen Prozesses. Im Zen finden wir durch Zazen Zugang zu ihm. Der stille Punkt ist wie das Auge eines Wirbelsturms. Still, ruhig, selbst mitten im Chaos. Viele glauben, dass es sich dabei um eine Leere handelt, in der die Welt ausgeschlossen wird, aber das stimmt nicht. Still zu sein heißt, sich leer zu machen von dem unablässigen Strom der Gedanken und in ein Bewusstsein einzutreten, das offen und empfänglich ist. Stille ist ganz natürlich und unkompliziert.
Im Zazen bemühen wir uns darum, unsere Gedanken und inneren Dialoge loszulassen und den Geist zum Atem zurückzubringen. Dadurch wird der Atem nach und nach leichter und tiefer, und der Geist kommt ganz natürlich zur Ruhe. Der Geist ist wie die Oberfläche eines Sees. Sobald ein Wind weht, ist die Oberfläche unruhig. Es bilden sich Wellen und Strömungen, und das reflektierte Bild der Sonne oder des Mondes wird gebrochen. Doch sobald der Wind sich legt, wirkt die Oberfläche des Sees wie Glas. Der stille Geist ist wie ein Spiegel. Er denkt nicht nach, sondern reflektiert nur. Wenn eine Blume vor ihm auftaucht, reflektiert er eine Blume. Wenn sie verschwindet, verschwindet auch ihre Reflexion. Der Geist kehrt zu dieser ursprünglichen, reinen Oberfläche zurück.
2 Mrz
Samadhi bedeutet Sammlung und Stille des Geistes. Es ist der nicht-duale Zustand, in dem Subjekt und Objekt eins werden. Bei unseren ersten Meditationsabenden in diesem Jahr habe ich drei der insgesamt vier Kategorien des Samadhi vorgestellt. Ihr erinnert Euch:
Im positiven Samadhi nehmen äußere Umstände unsere volle Aufmerksamkeit in Beschlag. Wenn wir z. B. von einem Sonnenuntergang am Meer vollkommen fasziniert sind. - Das absolute Samadhi liefert uns die Grundlage für die Praxis des Zazen und bezieht sich auf die innere Aufmerksamkeit. In der Meditation verschmilzt unser Bewusstsein mit dem Objekt unserer Konzentration, sei es unser Atem, ein Koan (Zen-Rätsel) oder eine Kerzenflamme direkt vor uns. - Und in der dritten Kategorie, im Samadhi der Selbst-Beherrschung, können wir eine Versenkung im unendlichen Raum - im unendlichen Bewusstsein - jenseits unserer Wahrnehmung - in der Stille des Nichts - erreichen. Allerdings muss man durch diesen Geisteszustand des „Nichts” noch vollständig hindurch, um die Erfahrung des Erwachens zu machen. Denn zur Erleuchtung kann man nur kommen, wenn man seine alten, gewohnten Bewusstseinsweisen abgestreift hat.
Heute möchte ich nun die vierte Samadhi-Kategorie erläutern, wie sie der buddhistische Mönch und promovierte Psychologe Jack Kornfield in seinem Buch „Das weise Herz” beschrieben hat. Die vierte Samadhi-Art ist die Verfassung, die der Zen-Schüler im Stadium der Reife erlangt. Er geht in die Alltagswelt hinaus und lässt seinen Geist ungehemmt arbeiten, aber er verliert dabei nicht den Kontakt zu seinem „inneren Menschen”, den er in seinem absoluten Samadhi zum Leben erweckt hat. Wenn wir annehmen, dass es bei der Zen-Übung überhaupt ein Ziel gibt, dann dieses: die Freiheit des Geistes im alltäglichen Leben. Oder um es anders zu sagen: Wenn Ihr so reif seid, dass Ihr absolutes Samadhi einüben könnt, verbindet bei der Rückkehr in Euer Alltagsleben die Achtsamkeit im positiven Samadhi mit der Selbstbeherrschung des absoluten Samadhi. Das ist der höchste Reifezustand im Zen.
16 Feb
Bei unseren ersten beiden Meditationsabenden in diesem Jahr habe ich drei der insgesamt vier Arten des Samadhi vorgestellt. Ihr erinnert Euch: Im positiven Samadhi nehmen äußere Umstände unsere volle Aufmerksamkeit in Beschlag. Wenn wir z. B. von einem Sonnenuntergang am Meer vollkommen fasziniert sind. Das absolute Samadhi liefert uns die Grundlage für die Praxis des Zazen und bezieht sich auf die innere Aufmerksamkeit. Und im Samadhi der Selbst-Beherrschung erreichen wir den reinsten Zustand unseres Daseins. Allerdings muss man durch diesen Geisteszustand des „Nichts” vollständig hindurch, wenn man echte Verwirklichung erlangen will. Denn zur Erleuchtung kann man nur kommen, wenn man seine alten, gewohnten Bewusstseinsweisen abgestreift hat. - Bevor ich die vierte Samadhi-Kategorie demnächst vorstelle, möchte ich heute die verschiedenen Versenkungsstufen erläutern, wie sie Jack Kornfield in seinem Buch „Das weise Herz” beschrieben hat.
In der Meditation bringt die systematische Entwicklung der Konzentrationsfähigkeit Zugang zu tiefen Einsichten. Unser Bewusstsein verschmilzt mit seiner Aufgabe, dem Objekt unserer Konzentration. Dieses kann etwas ganz Simples sein. Wir können uns auf eine Kerzenflamme konzentrieren, auf den Körper, den Atem, ein Koan oder Mantra. Der Geist wird ruhiger und beständiger, wenn er sich auf dem Meditationsobjekt gleichsam »niederlässt«. Dieser Prozess, bei dem sich unsere Konzentration weiter entwickelt, wird in buddhistischen Texten »Reinigung« genannt. Dabei geht es nicht um spirituelle oder gar moralische »Sauberkeit«, sondern um die Erfahrung des Loslassens in Körper und Geist.
26 Jan
Bei unserem ersten Meditationsabend in diesem Jahr habe ich zwei der insgesamt vier Arten des Samadhi vorgestellt. Ihr erinnert Euch: im positiven Samadhi nehmen äußere Umstände unsere volle Aufmerksamkeit in Beschlag. Wenn wir z. B. von einem Sonnenuntergang am Meer oder einem Konzert vollkommen fasziniert sind, sind wir uns unseres Verhaltens, unserer Gefühle und Gedanken nicht bewusst.
Die zweite Kategorie bezieht sich auf die innere Aufmerksamkeit. Wenn wir meditieren und uns ganz auf den Atem konzentrieren, entwickelt sich ein Samadhi, bei dem eine Art selbständige spirituelle Kraft den Geist beherrscht. Dieses innere wird auch das absolute Samadhi genannt, das uns die Grundlage für die Praxis des Zazen liefert.
Bekanntlich wirkt das Bewusstsein auf zwei verschiedene Weisen; die eine ist nach außen, die andere nach innen gerichtet. Wenn das Bewusstsein mit äußeren Dingen beschäftigt ist, vergisst man die innere Aufmerksamkeit und umgekehrt. Es gibt aber noch eine weitere wichtige Tätigkeit des Bewusstseins: Es kann über sein eigenes Denken nachdenken. Selbst-Bewusstsein stellt sich ein, wenn man sich des Gedankens, den man gerade gedacht hat, bewusst wird und man diesen Gedanken als einen eigenen Gedanken registriert.
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13 Jan
Ein berühmter Chirurg war einmal bei einer Operation, die äußerste Konzentration erforderte. Während er an der Arbeit war, gab es plötzlich ein Erdbeben. Die Stöße waren so stark, dass die meisten Assistenten unwillkürlich aus dem Raum rannten, um sich in Sicherheit zu bringen. Aber der Chirurg war derart in seine Arbeit vertieft, dass er die Stöße überhaupt nicht wahrnahm. Nach dem Ende der Operation erzählte man ihm von dem Erdbeben, und erst da nahm er es zur Kenntnis. Er war vollständig in seine Arbeit aufgegangen. Da ist eine Art von Samadhi. - Wir machen diese Erfahrung, wenn wir lesen, schreiben, denken, angeln, Bilder anschauen, im Theater oder beim Fußball. Tatsächlich gehen wir jeden Augenblick im Tun oder im Gedanken dieses Augenblicks auf.
Es gibt unterschiedliche Grade des Aufgehens unterschiedliche Zeitdauern, und es gibt auch Unterschiede zwischen vorsätzlicher und unwillkürlicher Aufmerksamkeit: Das ist zum Beispiel der Unterschied zwischen dem Fasziniert werden von einem Fußballspiel (unwillkürliche Aufmerksamkeit) und der Konzentration, die ein Chirurg für seine Operation aufwendet (willentliche Aufmerksamkeit).
Rinzai Zenji, der Begründer der Rinzai-Zen-Schule, hat die verschiedenen Arten des Samadhi in vier Kategorien unterteilt. Auf der ersten Stufe sind wir uns unseres Verhaltens, unserer Gefühle, unserer Gedanken nicht bewusst. Der innere Mensch ist vergessen, und äußere Umstände nehmen unsere volle Aufmerksamkeit in Beschlag. Wir müssen uns daran erinnern, dass das Bewusstsein auf zwei verschiedene Weisen wirkt; die eine ist nach außen, die andere nach innen gerichtet. Wenn das Bewusstsein mit äußeren Dingen beschäftigt ist, vergisst man die innere Aufmerksamkeit und umgekehrt.
17 Dez
Meditation soll uns nicht dazu verleiten, Problemen aus dem Weg zu gehen oder vor Schwierigkeiten davonzulaufen. Sie soll uns vielmehr dabei helfen, stets präsent, kraftvoll und lebendig zu sein und so das Leben leichter zu meistern. Zu meditieren bedeutet, dass wir lernen innezuhalten - und damit aufzuhören, uns von unserem Bedauern über Vergangenes oder von unseren Sorgen um die Zukunft davontragen zu lassen. Die grundlegende Praxis der bewussten Atem-Meditation kann bewirken, dass deine Achtsamkeit genährt wird. Wenn du lernst, wie du die Energie der Achtsamkeit hervorbringst und ihr gestattest, all dein Tun zu durchdringen, werden auf ganz natürliche Weise Verstehen, Mitgefühl und eine liebevolle Freundlichkeit in dir erblühen.
Dein Atem ist Teil deines Körpers, und dein Geist tritt durch das achtsame Atmen intensiver in Kontakt mit dem Körper. Wirkliches Ruhen und wahrer Frieden sind die natürliche Folge bewussten Atmens, wo Körper, Atmung und Geist zum Einklang finden. Diese Art des Atem-Bewusstseins hat etwas seltsam Belebendes. Als einzige Körperfunktion, die sowohl autonom als auch vom Willen gesteuert sein kann (im Unterschied etwa zum Herzschlag), eignet sich der Atem besonders gut als Gegenstand der Achtsamkeit. Das Achten auf den Atem ist nicht nur eine gute Konzentrationsübung; wenn wir nämlich den Impuls, ihn zu kontrollieren, gänzlich aufgeben können, werden wir in seinen rhythmischen Bewegungen Zeuge jener Freiheit, die in der Natur der Wirklichkeit liegt. Warte einfach ohne Erwartung. Irgendwann geschieht es plötzlich, dass du »es« atmen fühlst.
20 Okt
“Wenn ein Verwandter geht, begleiten wir ihn hinaus und verabschieden ihn. Wir schauen ihm nach, bis er aus unserem Gesichtsfeld verschwunden ist, und dann gehen wir wieder hinein. Den Atem beobachten wir auf die gleiche Weise. Wenn der Atem grob ist, wissen wir, dass er grob ist, wenn er zart ist, wissen wir, dass er zart ist. Während er zunehmend zarter wird, folgen wir ihm weiter, während wir gleichzeitig den Geist erwecken. Schließlich verschwindet der Atem ganz, und alles was bleibt, ist das Gefühl der Wachheit. Das ist das, was wir den Buddha treffen nennen.” Ajahn Chah *
Wer in der Meditation Buddha treffen will, darf nicht versuchen, absichtlich zu denken, er darf aber auch nicht versuchen, absichtlich nicht zu denken. Gerade am Anfang ist es normal, wenn immer wieder störende Gedanken und Erinnerungen aufkommen. Ein guter Rat aus dem Zen lautet dazu: „Wir brauchen uns nicht vor dem Aufkommen von Gedanken zu fürchten, nur davor, es zu spät zu bemerken.“ Also: Bleibt entspannt, werdet nicht zornig. Es reicht, wenn Ihr den ablenkenden Gedanken bemerkt und ihn mit einem wertneutralen Begriff benennt, etwa „Denken“ oder „Gedanke“. Dann solltet Ihr wieder zur eigentlichen Aufgabe zurückkehren, also zur Atemempfindung.
Nach einer Weile der Übung wird es gelingen, die gedanklichen Störfelder bereits zu erkennen, bevor sie auftauchen, einfach dadurch, dass Ihr spürt, wie sich Euer Geist von der Atemübung abwenden will. Bemüht auch also darum, die Gedanken unablässig wahrzunehmen – und ziehen zu lassen. Der Kern dieses inneren Übungsweges ist das aufmerksame Lauschen und Achten auf unser Umfeld, auf unseren Körper, auf unsern Geist. So beginnen wir zu verstehen, wie unser Körper und unser Geist funktionieren, und so können wir eine weisere Beziehung zu ihnen aufnehmen.
Meditation ist wach und lebendig, auch wenn sie äußerlich als unbewegter Zustand wahrgenommen wird. Keinesfalls handelt es sich bei ihr um ein bloßes Dasitzen und Warten auf bessere Zeiten, sondern um ein Durchschreiten geistiger Prozesse oder ein Verweilen in klarer Präsenz. Es versteht sich von selbst, dass nur ein permanentes Üben zum erwünschten Ziel führt. Lassen wir deshalb unser tägliches Leben zu einer ständigen Übung der Achtsamkeit werden!
Der sechste Zen-Patriarch Hui-neng sagte: “Ein Moment der Achtsamkeit ist ein Moment der Erleuchtung.”
U.a. zitiert aus: Jörg Zittlau „ZEN für den täglichen Gebrauch“, Gondrom Verlag
*Ajahn Chah, 1918 - 1992 Thailand, galt als ausgezeichneter Lehrer auch für westliche Theravada-Mönche.
5 Mai
“Wenn ihr Zazen praktiziert, versucht nicht, euer Denken anzuhalten. Lasst es von selbst aufhören. Wenn euch etwas in den Sinn kommt, lasst es herein und lasst es wieder hinausgehen. Es wird nicht lange bleiben. Wenn ihr versucht, euer Denken anzuhalten, heißt das, dass ihr davon gestört seid. Lasst euch durch nichts stören. Es scheint euch, als würde etwas von außen in euren Geist kommen, aber in Wirklichkeit sind es nur die Wellen eures Geistes, und wenn euch diese Wellen nicht stören, werden sie allmählich ruhiger und ruhiger werden. In fünf oder höchstens zehn Minuten wird euer Geist völlig ruhig und gelassen sein. Dann wird euer Atem ganz langsam werden, während euer Puls sich ein wenig beschleunigt.
Es wird ziemlich lange dauern, bis ihr euren gelassenen, ruhigen Geist in eurer Praxis findet. Viele Empfindungen kommen, viele Gedanken und Bilder steigen auf, aber das sind nur Wellen eures Geistes. Nichts kommt von außerhalb eures Geistes. Gewöhnlich meinen wir, unser Geist nehme Eindrücke und Erlebnisse von außen auf, aber das ist kein zutreffendes Verständnis unseres Geistes. Das richtige Verständnis ist, dass der Geist alles umfasst. Wenn ihr denkt, dass etwas von außen kommt, dann heißt das nur, dass es in eurem Geist auftaucht. Nichts außerhalb von euch selbst kann Schwierigkeiten verursachen. Ihr selbst bringt die Wellen eures Geistes hervor. Wenn ihr euren Geist lasst, wie er ist, wird er ruhig werden. Dieser Geist wird „großer Geist“ („BigMind“) genannt.