2 Aug
Leiden, Ursprung, Aufhebung, Weg. Diese vier Stichworte bringen die vier edlen Wahrheiten auf den Punkt, über die Gautama Buddha in seinen ersten Reden sprach, nachdem er selbst die Erleuchtung erfahren hatte. Nach dem üblichen Verständnis besagt die erste Wahrheit, dass alles Leben leidet. Tatsächlich hat Buddha das Wort dukkha verwendet, ein Wort, das auf Pali eher so etwas wie “unbefriedigende Erfahrung” bedeutet. Die zweite edle Wahrheit wird traditionell so interpretiert, dass der Ursprung des Leidens Verlangen sei. Die dritte Wahrheit wird üblicherweise so verstanden, dass die Aufhebung von Verlangen zur Aufhebung von Leiden führt. Die vierte ist die Wahrheit des rechten Weges, die in der Regel in der Form des edlen achtfachen Pfades beschrieben wird, der zur Aufhebung von Verlangen führt. Die acht Glieder sind folgende: rechtes Verstehen, rechtes Denken, rechte Rede, rechtes Handeln, rechte Lebensführung, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit und rechte Sammlung (oder Konzentration).
Die erste edle Wahrheit, Leiden, steht für den Idealismus. Wenn du die Dinge von einem idealistischen Standpunkt aus betrachtest, nervt einfach alles. Nichts kann jemals den Ideen und Fantasien gerecht werden, die du geschaffen hast. Also leiden wir, weil die Dinge nicht so sind, wie wir sie gerne hätten. Anstatt uns dem zu stellen, was wirklich ist, ziehen wir es vor, uns zurückzuziehen und das, was wir durchmachen, mit unserem Ideal davon zu vergleichen, wie es sein sollte. Leiden ist das Ergebnis dieses Vergleichs.
Sogar körperliches Leiden läuft nach diesem Muster ab. Das habe ich vor einigen Jahr am eigenen Leib erlebt, als ich einen Nierenstein ausschied, wobei es sich angeblich um die schmerzhafteste Erfahrung handelt, die ein Mensch tatsächlich überleben kann. Ich weiß zwar nicht, ob das stimmt, aber ich kann dir versichern, dass der Schmerz ziemlich übel war. Und dennoch: Sobald ich es sein ließ, meine Vorstellung davon, wie ich mich fühlen sollte (nämlich frei von Schmerzen), mit dem zu vergleichen, wie ich mich tatsächlich fühlte (nämlich von enormen Schmerzen gepeinigt), verbesserten sich die Dinge deutlich. Versteh mich nicht falsch, es tat immer noch höllisch weh. Doch solange du nicht versuchst, vor der unvermeidlichen Hölle des Leidens davonzulaufen, wenn du es einfach zulässt, verwandelt sich deine gesamte Erfahrung völlig. Die buddhistische Autorin und Nonne Pema Chödrön nennt diese Wandlung “die Weisheit der Ausweglosigkeit”.
Dies führt zur zweiten edlen Wahrheit, der Entstehung des Leidens: unserem Wunsch, dass die Dinge anders sein sollten, als sie es sind, wo sie das doch gar nicht sein können. Die Dinge können niemals anders sein, als sie sind. Dieser Moment kann niemals anders sein, als er ist. Dieses “Verlangen” oder “Begehren”, von dem buddhistische Lehrer so oft sprechen, ist also nicht nur die Tatsache, dass wir ein großes Auto fahren wollen oder auf die vollbusige Rothaarige mit dem Nasenring oder den knackigen Pizzalieferanten scharf sind. Ohne Begierden können wir nicht leben. Und sollten es auch nicht. Das Problem ist nicht etwa, dass wir natürliche Begierden und Bedürfnisse haben. Es ist vielmehr, dass wir ein zwanghaftes (und schlussendlich saudummes!) Verlangen danach haben, dass unser Leben etwas anderes sein sollte als das, was es tatsächlich ist. Wir tragen eine Welt in unserem Geist herum, die wir “perfekt” nennen, und haben eine Welt vor uns (und in uns), die diesem Bild einfach nicht gerecht werden kann. Das Problem dabei ist die Art und Weise, wie wir es unseren Begierden erlauben, uns davon abzuhalten, das zu genießen, was wir bereits haben.
Ist das verwirrend? Unsere Innenwelt kann sich ziemlich deutlich von dem unterscheiden, wie unser Gehirn sie gerne hätte. Das Hirn steht oft im Konflikt mit sich selbst. Du bist deprimiert, willst aber glücklich sein. Du bist geil, willst dich aber unter Kontrolle haben. Du bist total fahrig, willst aber konzentriert sein.
Die zweite edle Wahrheit sollte nie so verstanden werden, dass unsere natürlichen Bedürfnisse schlecht seien und ausgelöscht werden müssten. Gautama hatte diesen Weg als asketischer Yogi bereits ausprobiert. Nachdem er versucht hatte, all seinen Bedürfnissen zu entsagen (einschließlich des Bedürfnisses zu essen), fand er sich dünn und schwach und elend wieder - und kein Stück näher an der Erleuchtung, als er es gewesen war, nachdem er damit begonnen hatte (obwohl er nun wesentlich näher an Leichenhausen war). Er brach sein Fasten, indem er eine Schüssel Reis von einem Milchmädchen annahm, die sie eigentlich als Opfergabe für einen der Götter zum Tempel bringen wollte. Erst, nachdem er sein natürliches menschliches Bedürfnis nach Essen erkannt und akzeptiert und seine natürliche Kraft wiedererlangt hatte, war er in der Lage, sich auf die Praxis einzulassen, die in seiner Erleuchtung gipfelte. Es wäre doch ziemlich unwahrscheinlich, dass solch eine Person predigte, natürliche Bedürfnisse an sich seien der Grund des Leidens.
Die dritte edle Wahrheit, die Aufhebung des Leidens, steht für das Handeln im gegenwärtigen Moment. Es ist nicht etwa so, dass wir uns zwingen müssten, unsere Begierden aufzugeben. Das würde nichts lösen und ist sowieso unmöglich. Sich selbst dazu zu zwingen, keine Begierden zu haben, ruft nur weitere Begierden ins Leben (schon mal angefangen mit der Begierde, nicht zu begehren). Oft hört man irgendwelche religiös angehauchten Typen sagen “Das Einzige, was ich begehre, ist Begierdelosigkeit”. Der einzige Zustand, in dem man nicht will, was man nicht hat, ist der Tod.
Du wünschst dir ‘nen Jaguar XKR, aber hast ‘ne Chevy-Shitbox (das ist ‘n Wagen, den Chevrolet vor einiger Zeit hergestellt hat - war zwar nicht besonders beliebt, aber ‘ne Menge Leute fahren mittlerweile einen). Wenn du zum Supermarkt willst, was macht dann mehr Sinn: rumzusitzen und dir zu wünschen, dass du den Jaguar hättest, oder in deine Scheißkarre zu steigen und tatsächlich zu fahren? Wenn du Wünsche hast, lass sie, wie sie sind, und tu, was zu tun ist.
Letztlich ist der edle achtfache Pfad die Wirklichkeit selbst. Im Einklang mit dem edlen achtfachen Pfad zu handeln, heißt, im Einklang mit der Wirklichkeit zu handeln. Und das ist’s auch schon.
Auszüge aus „Hardcore Zen” von Brad Warner, Aurum-Verlag
1 Mrz
Aus psychologischer Sicht sind Wünsche ein Bestandteil des menschlichen Lebens, und wir müssen angemessene Mittel lernen, um sie zu befriedigen. Tatsächlich entstehen viele psychische Störungen aus der Unterdrückung und Zurückweisung von Wünschen, aus unannehmbaren Wünschen, die einen Menschen quälen, oder aus der Unfähigkeit, tiefe, anhaltende Sehnsüchte zu befriedigen. In der Therapie lernt der Patient seine unbewussten und bewussten Bedürfnisse zu erkennen, sie zu akzeptieren, konstruktiv zu kanalisieren und eine Erfüllung zu erlangen, die gesund und positiv ist.
Das alles kann nützlich und oft konstruktiv sein. Wünsche sind mächtige Kräfte, die man erkennen und mit denen man ehrlich umgehen muss. Eine Praxis, die Wünsche unterdrückt, ihre Existenz leugnet oder behauptet, das Individuum sei über menschliche Sehnsüchte erhaben, gründet auf einem trügerischen Fundament. Früher oder später kommen diese unbewussten, unterdrückten Energien zum Vorschein und richten oft großen Schaden an. Es ist von entscheidender Bedeutung, die Existenz von Wünschen zu erkennen und sie zu Bewusstsein zu bringen, aber von da an gehen Psychologie und Zen getrennte Wege.
Aus der Sicht des Zen entsteht wahre Erfüllung niemals aus der Befriedigung von Wünschen. Vielleicht ist eine vorübergehende Entlastung die Folge, aber nicht der tiefe Frieden und die tiefe Erfüllung, die wir suchen. Sobald ein Wunsch befriedigt ist, folgt der nächste. Die Befriedigung ist flüchtig und macht den Menschen oft noch hungriger, als er vorher war. Von Wunsch zu Wunsch zu leben, erzeugt eine Art von Sucht. Wir werden Sklaven unserer Wünsche. Je mehr wir sie befriedigen, desto mehr wollen wir haben.
Der Zustand der Wunschlosigkeit, der in der buddhistischen Literatur beschrieben wird, ist oft missverstanden worden. Er bedeutet nicht, gefühllos zu werden oder die Verbindung zu den Dingen zu verlieren. Ganz im Gegenteil. Er bedeutet, imstande zu sein, natürliche und einfache Bedürfnisse, die entstehen, zu erkennen und zu befriedigen, ohne ihnen anzuhaften und mehr haben zu wollen. Er trennt Bedürfnis und Wunsch voneinander. Wir brauchen ein bestimmtes Maß an Nahrung, Sonne, Wasser, Freundschaft. Aber viele Wünsche haben gar nichts mit unseren wirklichen Bedürfnissen zu tun. Sie trennen uns sogar von ihnen und erzeugen Begierden, die unwirklich sind.
25 Jan
Wenn wir Zen praktizieren, pflegen wir eine „Kultur der Achtsamkeit”, in der für uns eigentlich jeder Tag ein „Tag der Achtsamkeit” sein sollte. Die Übung des Zen ist die reine Wahrnehmung. Sie ist die unmittelbare Erfahrung, in der Subjekt und Objekt ineinander fallen. Dieses Gewahrsein seiner selbst wird in vielen Texten als Aufmerksamkeit oder Achtsamkeit beschrieben. Wie es in folgender Zen-Geschichte schön geschildert wird:
Eines Tages kam ein hoher Beamter zu Meister Ikkyu. Er war von weither angereist, und bat Ikkyu: „Meister, könnt ihr mir bitte die Grundzüge der höchsten Weisheit niederschreiben?” Ikkyu griff sofort zu Tinte und Pinsel und schrieb: „Achtsamkeit.” „Ist das alles?”, fragte der Mann etwas enttäuscht. „Könnt ihr dem nicht noch etwas hinzufügen?” Ikkyu schrieb daraufhin: „Achtsamkeit, Achtsamkeit.” „Nun”, sagte der Mann in leicht gereiztem Ton, „in dem, was ihr geschrieben habt, kann ich nicht viel Tiefes entdecken. Gibt es nichts anderes zur höchsten Weisheit zu sagen?” Daraufhin schrieb Ikkyu dreimal hintereinander das gleiche Wort: „Achtsamkeit, Achtsamkeit, Achtsamkeit.” „Was bedeutet das Wort Achtsamkeit eigentlich?”, wollte der Mann nun gänzlich verärgert wissen. „Achtsamkeit bedeutet Achtsamkeit”, sagte Ikkyu mit sanfter Stimme.
Hätte der Beamte wirklich wach wahrgenommen, das heißt ohne Bewertung, sondern nur im Gewahrsein, was da geschah, dann hätte er selbst in die Erfahrung eintauchen können, die Ikkyu präsentierte, und damit die Essenz der größten Weisheit erleben können. Ikkyu ließ in seinem Tun dem Beamten den Vollzug des Lebens bewusst mit erfahren. Es ging lkkyu nicht darum, dem Beamten den Begriff Achtsamkeit niederzuschreiben. Nein, Ikkyu wollte den Beamten mitnehmen in den Augenblick, in das Hier und Jetzt, wo sich Achtsamkeit ereignet. Sogar noch mit dem letzten Satz versuchte er mit aller Kraft, die er nur aufbieten konnte, den Beamten erleben zu lassen, was Achtsamkeit ist, indem er mit ganz sanfter Stimme sprach: “Achtsamkeit ist Achtsamkeit.” Darin zeigte Ikkyu, dass man sogar das Sprechen als Vollzug des Lebens wahrnehmen kann, man auch im Sprechen die Essenz des Zen bewusst erlebt, als Vollzug des Lebens.
Die Grundübung der Achtsamkeit ist Zazen, “einfach Sitzen”. Buddha sagte einmal: Deine Gedanken sind wie eine Horde Affen, sie zu bändigen, das ist die Aufgabe. Dies geschieht mit Hilfe eines Fokus, mit dessen Hilfe die Gedanken gebündelt werden. Meistens wird der Atem als Fokus genommen, den man beobachtet. So übt man sich als Erstes in dieser Konzentration, die zugleich alle psychosomatischen Energien bündelt. Kein Gedanke schiebt sich zwischen mich, den Beobachter, und das Atemgeschehen. Diese Konzentration wirkt sich sehr schnell im Alltag aus. So wird man sich bald auf seine Arbeiten besser konzentrieren können. Man lässt sich nicht immer von allem und jedem ablenken und wird sich bald ruhiger und ausgeglichener erfahren.
Dies sind wunderbare Nebenerscheinungen, doch beinhaltet die Übung weit mehr. Die Konzentration führt, fährt man mit ihr fort, in eine reine Wahrnehmung, ein Gewahrsein. Aus der fokussierenden Konzentration entwickelt sich eine nichtfokussierende Achtsamkeit, die jetzt nicht mehr an irgendeinem Objekt haftet. So führt Zazen von der Konzentration zur reinen, begriffsfreien Wahrnehmung der Wirklichkeit und noch weiter: Die Wahrnehmung lässt die Ich-Aktivität unserer Gedanken zurücktreten. Vorurteile, Muster, Konzepte, mit denen mein Alltagsgeist die Welt betrachtet, versteht und einordnet, werden als Gedanken erkannt, die das Gehirn produziert, ähnlich dem “Gluckern des Bauches”.
Dadurch geschieht eine Desidentifikation von den Gedanken und Emotionen. Ich bin nicht mehr meine Gedanken und Emotionen, sondern ich lerne, meine Gedanken als “Plaudern” meines Gehirns und meine Emotionen als “Stoffwechsel” meines Körpers zu erkennen. Halte ich diese Gedanken und Emotionen nicht fest, bewerte ich sie nicht, sondern kann sie vorüberziehen lassen, wie Wolken am Himmel. So führt diese vorurteilsfreie Wahrnehmung zu einem wertfreien Handeln.
Eine kleine Zen-Geschichte beschreibt dies sehr schön. Sie spielt in einem Dorf, in dem ein alter Zen-Meister wohnte. Bei allen Dorfbewohnern stand er in hoher Achtung. Doch eines Tages behauptete ein junges Mädchen, dass sie von dem alten Meister schwanger sei. Die Empörung war groß und als das Kind geboren war, brachten die empörten Eltern des Mädchens das Kind zu dem Meister, damit er es aufziehe. Der Meister nahm das Kind an und sein einziges Wort dazu war nur: “So.” Es vergingen elf Jahre, da beichtete das Mädchen ihren Eltern, dass der Vater des Kindes nicht der alte Meister sei, sondern ein junger Fischer. Daraufhin gingen die Eltern zu dem alten Meister und nahmen das Kind wieder an sich. Der Meister meinte nur: “So.”
Die Geschichte zeigt sehr deutlich, dass dieses Freisein von wertenden Gedanken und das Nichtfesthalten an Konzepten ein freies, intuitives, doch vollkommen bewusstes Handeln ermöglichen.
Auszüge aus „Zen im 21. Jahrhundert - Zen als Impuls für eine neue Kultur der Achtsamkeit” Doris Zölls, Kamphausen-Verlag
9 Nov
Das zehnte Bild
DEN MARKT BETRETEN MIT OFFENEN HÄNDEN

Mit entblößter Brust kommt er barfuß zum Markte.
Schmutzbedeckt und mit Asche beschmiert,
lacht er doch breit übers ganze Gesicht.
Ohne Zuflucht zu mystischen Kräften
bringt er verdorrte Bäume schnell zum Blühen.
In diesem zehnten und letzten Bild der Geschichte ist menschliches Leben wieder in die vom Nichts des Kreises umschlossene Natur ein- und zurückgekehrt. Ein alter Mann hält eine Sake-Kanne in der Hand. Der dicke Bauch, die schäbige Kleidung und der große Bettelsack deuten an, dass er der legendäre chinesische Mönch „Hotei” ist, der als Bettler durchs Land zog. Mit diesem fröhlich lachenden alten Mann spricht ein Junge. Der Alte hat ihn vielleicht nach dem Weg gefragt; möglicherweise möchte der Junge auch einfach nur mit dem alten Mann reden und hat ihn deswegen angehalten.
Das Treffen auf der Dorfstraße ist scheinbar reiner Zufall, kann aber auch als zielgerichtetes Ereignis angesehen werden. Denn hier manifestiert sich das wahre Selbst zwischen Menschen, so wie es im vorigen Bild als die schöne Natur erscheint. Die beiden Seinsweisen sind Variationen des ursprünglichen leeren Kreises. Deshalb drücken das achte, das neunte und das zehnte Bild eigentlich nur einen einzigen Zustand aus. Merkwürdigerweise haben die letzten drei Bilder nichts mit dem Titel „Zehn Ochsenbilder” zu tun, aber sie sind die notwendige Weiterentwicklung der vorigen Phasen, weil sie immer noch vom wahren Selbst handeln.
Nun ist das zehnte Bild das letzte der gesamten Reihe. Obwohl die letzten drei eigentlich gleichrangig sind, bedeutet die Position des zehnten etwas Besonderes. Die Dynamik des wahren Selbst wirkt jetzt zwischen den Menschen. Hier wird die Wirklichkeit der Überlieferung dargestellt. Der alte Mann lacht so lustig, dass er anscheinend das Leben voll genießt. Bei ihm findet man keine Spur davon, dass er heilig oder weise ist. Doch trotz seines bettelarmen Aussehens nimmt er gütige Rücksicht auf seine Mitmenschen.
„Hotei” ist die Verkörperung eines „Bodhisattvas”, der als Erleuchteter den eigenen Übergang ins Nirvana aufschiebt, um den anderen Wesen zu helfen, sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten zu lösen. Ein Junge trifft den alten Mann an einer Ecke in der Stadt, und in diesem Moment erhellt sich etwas beim Jungen. In diesem Erlebnis kann eigentlich nichts Konkretes weitergegeben werden. Der Alte lehrt nichts durch Worte und der Junge lernt auch nichts. Trotzdem mag sich der Junge aufgrund dieser Begegnung eines Tages entscheiden, die Suche nach dem Selbst zu beginnen. Also führt dieses Bild wieder zum ersten Bild zurück. So wie die Bilder insgesamt einen Kreislauf darstellen, repräsentieren sie den ewigen Gang des menschlichen Lebens. Dies muss als die Wirkung des zielgerichteten Ereignisses angesehen werden.
Übrigens ist der Junge nicht derselbe, der vom ersten bis zum siebten Bild zu sehen ist, und der alte Mann taucht selbstverständlich zum ersten Mal hier auf. Sie sind wieder Ausdruck des wahren Selbst und nichts anderes als der Fluss und die Blüte im vorigen Bild. Diese Begegnung ist deshalb die Manifestation der vollen dynamischen Kraft des wahren Selbst. Es ist immer der Leitfaden der Bildung und zeigt im letzten Bild seine Funktion zwischen den Menschen direkt und klar.
Das Ziel der Zen-Übungen, das in den „Zehn Ochsenbildern” dargestellt ist, ist die Selbstverwirklichung. Diese ist zwar auch Ziel der herkömmlichen Bildung, aber der Begriff des Selbst ist völlig unterschiedlich. Beim Zen handelt es sich um das „selbstlose Selbst”, und seine Verwirklichung vollendet sich im leeren Kreis des achten Bildes. Das Selbst, das zu verwirklichen ist, wird zunächst einmal als Ochse, als das virtuelle wahre Selbst dargestellt, aber schließlich wird es im absoluten Nichts aufgehoben. In dieser Phase ist die Selbstverwirklichung nicht auf den Menschen persönlich bezogen, sondern bedeutet die Rückkehr zum Ursprung.
Dieses verwirklichte Selbst bleibt aber nicht statisch in der Vollendung. Es bewegt sich einmal als Natur wie im neunten Bild, einmal als Mensch wie im zehnten Bild. Es schafft dies alles aufgrund der absoluten Freiheit. Diese Dynamik zeigt den wahren Sinn, nämlich dass Selbstverwirklichung bedeutet, individuell bestimmt zu sein. Die Individualität harmoniert mit der universalen Allgemeinheit. Mit anderen Worten: Die letzten drei Bilder weisen auf drei Aspekte des Selbst hin. Der Kreis ist die grundlegende Selbsterkenntnis des Selbst, die Natur ist die einzelne ontische, d.h. unabhängig vom Bewusstsein existierende Gestalt des Selbst, und die Menschen sind das Handeln des Selbst. Auf diese Weise lässt es sich verdeutlichen, dass die „Zehn Ochsenbilder” ihr Ziel sehr genau, ausführlich und pädagogisch sinnvoll bestimmen.
Dennoch bleibt die Welt in den Bildern unabhängig von der pädagogischen Intention immer noch, wie sie war. Der Fluss fließt. Die Blume blüht. Die Dorfbewohner unterhalten sich miteinander. Dass die weltliche Wirklichkeit unmittelbar der Ausdruck des verwirklichten Selbst ist, bedeutet aber keine einfache Bejahung der Realität. Die Freiheit und die Kreativität des Selbst können erst aus der absoluten Verneinung des Selbst, aus dem selbstlosen Selbst entstehen, das nach den normalen harten Übungen, bei denen man immer auf das Höhere zielt, schließlich gewonnen werden kann. Der Übungsprozess bis zum achten Bild ist also die Voraussetzung für die Selbstverwirklichung.
10. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag
Fazit: Der Weg des Erleuchteten führt wieder zurück in die normale Alltagswelt mit all ihren Wirrungen. Kein Heiliger kommt zurück, sondern ein ganz normaler Mensch mit seinen Schwächen, die er jedoch kennt und mit Gelöstheit und Humor trägt. In unscheinbarer Gestalt, bedürfnislos und heiter, mischt sich der Weise unters Volk, ohne seine Überlegenheit zur Schau zu tragen. Dieser letzte entscheidende Schritt weg vom einzelgängerischen Asketen hin zum Sich-Einsetzen für die Gemeinschaft stellt das Ideal des helfenden Erleuchteten, des „Bodhisattvas” dar.
26 Okt
Das neunte Bild
ZUM URSPRUNG ZURÜCKGEKEHRT

Er ist zum Ursprung zurückgekehrt,
doch waren seine Schritte umsonst.
Besser ist es für ihn, wie blind und taub zu sein.
In seiner Hütte sitzt er,
sieht von all dem da draußen nichts.
Die Ströme fließen, wie sie fließen,
und rote Blumen blühen von selber rot.
Mitten im Bild fließt ein Strom. Am Ufer steht ein Pflaumenbaum in Blüte. Kein Mensch ist zu sehen, nur die schöne Natur ist da. Im Kommentar steht: „Der Strom fließt aus sich selbst unendlich, die Blüte blüht aus sich selbst rot.”
Hier wird eine malerische Landschaft dargestellt, die kein Objekt der Wahrnehmung des Menschen ist. Das Dasein des Stroms und der Blüte unterscheidet sich nicht vom Sehen und Gesehenwerden. Es gibt nur das absolute Sein, das weder Sein noch Nichts ist. Dieser Zustand ist nichts anderes als der leere Kreis des achten Bildes, in dem alle dualistischen Gegensätze restlos verschwunden sind. Das neunte Bild stellt die absolute Bejahung dar, das achte die absolute Verneinung, beide sind dynamisch austauschbar. Das neunte Bild bedeutet deshalb eigentlich keine neue Phase, es ist eine Variation der Seinsweise des Nichts.
Dennoch wird diese Phase hinter der achten eingeordnet. Denn man muss einmal alles im Nichts erkennen, um dann wieder zur Welt zurückzukehren. Der Ort, an dem man nun leben muss, ist der gleiche Ort, an dem man am Anfang lebte, so wie es der Titel dieses Bildes sagt. Der unendliche Strom ist immer schon da gewesen und die rote Blüte auch. Alles drückt direkt das wahre Selbst aus, aber es bedarf keines erkennenden Subjektes.
Im siebten Bild wurde die friedliche Natur bereits dargestellt. Der Junge betrachtete zufrieden den Mond, der nicht unterschiedlich von ihm selbst ist. Die große Harmonie des eigenen Selbst mit allen Geschöpfen ist da schon vorhanden. Im Vergleich dazu fällt hier auf, dass trotz der schönen Natur kein Mensch anwesend ist. Das wahre Selbst braucht nicht mehr das Subjekt, das sich als das eigene Selbst erkennt. Man lebt in der Welt, in der es nichts gibt, was nicht man selbst ist. Der Mensch ist nicht nötig, damit die Welt von sich aus noch reiner und wunderbarer wird. Der Strom fließt immer schon, die Blüte blüht nur rot: das Sein an sich.
Hier zeigt sich die absolut variationsfreie Kreativität. Hier kann die Aussage, dass der Berg der Berg ist, gleichberechtigt neben der Aussage stehen, dass der Berg nicht der Berg ist. Der Widerspruch manifestiert sich ganz selbstverständlich im dynamischen Wechsel zwischen dem leeren Kreis und der Natur. Absolut frei zu sein ermöglicht, sich aller Paradigmen nach Belieben zu bedienen. Aus dieser Freiheit entstehen die kreativen und eigentümlichen Aktivitäten der Menschen. Alles ist einzig und einmalig im Sein. Das ist der begreifbare Ausdruck des unbegreiflichen Nichts. Die Personalität und der Wert des Individuums können erst in diesem Sinne gewürdigt werden.
9. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag
13 Okt
Das achte Bild
MENSCH UND OCHSE SIND BEIDE VERGESSEN

Peitsche und Leitseil, Ochs und Hirte
gehören gleichermaßen der Leere an.
Der blaue Himmel ist so allumfassend weit,
das alles Mitteilen in ihm beinah endet.
Über loderndem Feuer kann keine Schneeflocke bestehen.
Ist die Geistesverfassung erreicht,
begegnet er endlich dem Geist der Partriarchen alter Zeit.
Die Reise des Jungen führt nun in einen seltsamen Zustand. In diesem Bild ist weder Mensch noch Ochse zu sehen. Was bis zur letzten Phase das Thema war, ist hier völlig verschwunden. Es gibt nur einen Kreis. Er war aber von Anfang an in den Bildern vorhanden und bildete den Rahmen für die einzelnen Etappen der Geschichte. Weil die dargestellten Figuren nun weg sind, wird er plötzlich so deutlich, dass er den gesamten Raum einnimmt.
Jetzt erfährt man einen großen Sprung nach vorne. Die bisherige Entwicklung wird durch das „Nichts” gründlich vernichtet. Im vorigen Bild erreichte der Junge eigentlich die Endphase seiner Suche. Das wahre Selbst verkörpert sich im Individuum. Was er tut, ist unmittelbar das Handeln des Dharmas. Alles ist natürlich. Er bleibt friedlich in der universalen Einheit. Doch diese Einheit muss aufgebrochen werden, um die wahre Freiheit des Selbst zu verwirklichen. Wenn man trotz der wunderbaren Harmonisierung mit der Welt noch ein Individuum bleibt, wird man nicht von sich selbst befreit. Das Ziel des Buddhismus ist es, die absolute Befreiung von allem zu erlangen. Deshalb muss das „große Ich” durch das Nichts ersetzt werden, das über das Sein und das Nichtsein oder die Weltlichkeit und die Heiligkeit hinausgeht.
Vom ersten bis zum sechsten Bild war die dynamische Kraft, die das einzelne Bild zur nächsten Phase hin treibt, eigentlich die Selbstverneinung. Das Individuum ist in jeder Phase noch nicht reif genug. Der Kampf gegen das Ich muss stets durchgeführt werden und das Selbst muss immer noch aufgehoben werden. Dieser Prozess ist eine normale Entwicklung bei der Erziehung und der Bildung. Im siebten Bild kommt der Fortschritt zu einem Ende, weil es keine Spur des wahren Selbst mehr gibt. Im achten Bild stellt sich aber die vollkommene Selbstverneinung dar, die weder Selbst noch Verneinung enthält. Das absolute Nichts, das sogar die Selbstverwirklichung überwindet, ist die radikale Forderung des Buddhismus, aber es hat auch eine große Bedeutung für die Entwicklung des eigenen Selbst jedes Menschen.
Diese Entwicklung beruht auf der Suche nach etwas Höherem, denn das jetzige Selbst ist nicht das wahre. Dies wird zunächst thematisiert. Man setzt das vorübergehende wahre Selbst als Ziel voraus und macht einen ersten Schritt, sich ihm zu nähern. Durch die ständige Selbstverneinung versucht man, dem Ziel möglichst nahe zu kommen. Wenn man sich aber einmal mit dem erreichten Stadium der Selbstverwirklichung zufrieden gibt, stockt die Entwicklung. Deshalb muss das verwirklichte Selbst endlich vernichtet werden, obwohl man zum Schluss herausgefunden hat, was das wahre Selbst ist. In dieser absoluten Befreiung manifestiert sich das undefinierbare, dynamische und kreative Selbst aus dem ursprünglichen Nichts. Die echte Kreativität entsteht aus solcher Freiheit von allen Figuren (d.i. Paradigmen - Vorbildern, Abgrenzungen, Vorurteilen, Weltanschauungen …).
Man schafft etwas Eigenes in irgendeiner Form. Dabei ist man bei der Art und Weise des Selbstausdrucks, also der Auswahl des Paradigmas, völlig frei. Man ist jetzt wahrhaft Herr seiner selbst. Das ist das Endziel der persönlichen Entwicklung. Auf diese Weise muss ein Paradigma trotz seiner leitenden Funktion bei der Suche nach dem wahren Selbst zum Schluss aufgegeben werden.
Wie kann man aber diese Ebene erreichen? In den „Zehn Ochsenbildern” wird gezeigt, dass dies nur durch die Gesamtheit der körperlichen Übungen möglich ist. Man zieht die Zügel an, bändigt den Ochsen und reitet ihn. All dies ist die Tätigkeit des ganzen Körpers und Geistes, die man nicht mit dem Kopf erlernen kann. Der letzte Schritt zum Nichts muss genauso, d.h. ohne Rückgriff auf den Verstand, verwirklicht werden. Wichtig ist es dabei, dass der Zustand des Nichts erst unmittelbar nach der langen Übung entsteht. Es ist nämlich klar, dass man im Grunde genommen sonst nur versuchen würde, bestehende Paradigmen durch neue Paradigmen zu ersetzen.
Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag
Fazit: Nun hat der Hirte auch sich selbst vergessen können. Es herrscht nichts als wache Offenheit. Der leere Kreis ist im Zen das Symbol für die Ganzheitserfahrung, die Erleuchtung (satori). Nun ist der Mensch frei und offen, auf das einzugehen, was der Augenblick bringt. Aller Dualismus ist in der letzten Klarheit aufgelöst, alles ist leer. In dem Augenblick, wo das Ego auf den Plan tritt, treten auch die Umstände auf. Wenn sich das Ego auflöst, lösen sich auch die Umstände auf. Subjektivität und Objektivität gehen Hand in Hand. Aller Verblendung ist der Mensch ledig, und auch alle Vorstellungen von Heiligkeit sind verschwunden.
14 Sep
Das sechste Bild
HEIMRITT AUF DEM OCHSEN

Er reitet auf dem Ochsen heim
in heiterer Gelassenheit
Den fernhinziehenden Abendnebel
begleitet weithin der Klang seiner Flöte.
Ein Klatschen, der Takt eines Liedes
ist von unumschränktem Sinn.
Wer diesen Sinn kennt,
braucht der denn noch Worte?
Der lange Kampf ist zu Ende. Der Junge reitet nun auf dem Ochsen und spielt die Querflöte. Er hat keine Zügel mehr in der Hand. Der Hirte und der Ochse sind eine vollkommene Einheit. Man kann sich vorstellen, dass im Abendrot eine ländliche Melodie klingt. Eine vertrauensvolle Stimmung herrscht im Bild, denn der Junge weiß, dass der Ochse nach Hause geht. Dabei braucht er dem Tier nicht den Heimweg zu zeigen, sondern kann ihm völlig vertrauen. Wo die beiden einmal gewesen sind, dorthin gehen sie nun zusammen.
Das Ich und das wahre Selbst sind jetzt im Individuum vollkommen vereinigt, und auch die Reflexion, mit der das Ich sich kontrolliert, ist verschwunden. Gehen, stehen, sitzen und liegen, alles, was man tut, ist sofort das wahre Handeln. Man denkt nicht mehr darüber nach. Ein großes Selbstvertrauen wurde einem geschenkt. Die Bilder drei bis sechs thematisieren in besonderem Maße den stufenweisen Aufbau der Übungen im Sinne von Kojo („Übung aufwärts”). Sie sind daher methodisch sehr informativ. Im Folgenden wird versucht, das konkret anhand des Beispiels der Atmung beim Zazen zu erklären.
In der ersten Phase (im dritten Bild: Den Ochsen erblicken) lernt man in der Praxis, die Wahrheit ohne Worte mit dem eigenen Körper zu erlangen. Man sitzt im Lotussitz und atmet gemäß der Anweisung. Das ist der Anfang der Übung im engeren Sinne.
In der nächsten Phase (im vierten Bild: Den Ochsen fangen) stimmt man die Atmung ein, z.B. durch Sžsokukan. Zwar sitzt man ruhig, aber oft tauchen die verschiedensten Gedanken auf und stören das Zazen. Also zählt man von eins bis zehn. Mit diesem kräftigen „Zahlenschwert” schneidet der Übende alle überflüssigen Gedankenströme ab. Jedoch gelingt das nicht immer. Man muss sich ständig darum bemühen, sich trotz aller Ablenkung mit dieser Methode selbst zu kontrollieren. Das entspricht dem Anziehen der Zügel im Bild.
Langsam gewöhnt man sich daran. Die Atmung wird ruhiger und länger, beim Zählen wird man nicht mehr so sehr abgelenkt. Nun beginnt man das Zuisokukan, bei dem man die eigene Atmung mit dem inneren Auge verfolgt. Es geht nur darum, das Einatmen und Ausatmen zu spüren. Das ist die Phase des fünften Bildes: Den Ochsen zähmen. Der wilde Zustand ist vorbei, aber die Zügel müssen noch gehalten werden.
Beim sechsten Bild (Auf dem Ochsen nach Hause reiten) wird die Atmung vollkommen eingestimmt. Jetzt braucht sich der Übende nicht mehr der Atmung bewusst zu sein. Die Atmung atmet selbst. Man geht völlig im Aus- und Einatmen auf. Die ganze Welt atmet. Die Grenze zwischen dem eigenen Körper und der Umwelt ist verwischt. Es gibt nur die eine große Atmung und die in ihr manifestierte Wahrheit. Diese Übungsphasen gehören auch zu vielen Arten der mit „-do” bezeichneten japanischen Künste, wie z.B. „Sado” (Teezeremonie), „Shodo” (Kalligraphie), „Kado” (Blumenstecken), „Kendo” (Schwertweg) oder „Kyudo” (Bogenweg).
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Das siebte Bild
DER OCHSE IST VERGESSEN - DER MENSCH BLEIBT

Heimkehren konnte er nur auf dem Ochsen,
nun gibt es den Ochsen nicht mehr.
Allein sitzt der Hirte, heiter und ruhig.
Der volle Mond steht über dem Horizont,
doch er träumt friedlich weiter.
Unter dem Strohdach liegen nun
Peitsche und Leitseil nutzlos herum.
Der Junge ist zu Hause. Es scheint zwischendurch Nacht geworden zu sein. Der Vollmond geht über den Bergen auf. Der Junge sitzt vor dem Haus, er faltet die Hände in Richtung auf den scheinenden Mond. Das Bild ist von einer ruhigen und friedlichen Stimmung erfüllt. Der Ochse ist nicht mehr zu sehen. Man fragt sich nun, wo er ist. Bis zum sechsten Bild stand er stets im Mittelpunkt des Interesses. Der Junge hatte seine Reise begonnen, weil der Ochse verschwunden war, aber jetzt ist er sehr zufrieden ohne das Tier und genießt nur den Mondschein.
Er scheint alle Mühe schon längst vergessen zu haben. Der Ochse könnte, wie gewohnt, im Stall sein. Wie der Kommentar zum ersten Bild sagt: „Von Anfang an nicht verloren.” Unterwegs wurde das wahre Selbst methodisch thematisiert. Man harmonisierte sich völlig mit ihm und ist sich nun dieses Selbst nicht mehr bewusst. Es ist überflüssig geworden und wurde aufgegeben. Im Ergebnis gibt es also keinen Unterschied zum Ursprung. Das ist der widersprüchliche Charakter der Erziehung im Zen.
In der Pädagogik ist die Methodik konkretes Mittel zu einem Ziel. Beides sind verschiedene Dinge, und die Methodik muss dem Erziehungsziel dienen. Beim Zen aber wird die Methodik ganz anders gesehen. Im Kommentar zum 7. Bild heißt es: „Es gibt keine zwei Dharmas. Nur vorübergehend wurde der Ochse zum Thema.” Das wahre Selbst liegt immer ursprünglich in einem methodischen Rahmen schon vor und ist in erster Linie durch die Übung zu verwirklichen. Die Wahrheit kommt nirgendwo anders als in der Praxis zum Vorschein. Wenn man jedoch erkennt, dass alles Handeln unmittelbar das wahre Selbst manifestiert, dann braucht man die Methodik nicht mehr.
Jetzt stellt sich noch eine Frage. Angenommen, der Junge ist wieder ohne den Ochsen, er ist also wieder zum Ursprung zurückgekehrt, wozu dann alle seine Mühe? Ist der Zustand zwischen dem Vorher und dem Nachher wirklich gleich? Um diese Fragen zu beantworten, muss man die Tatsache beachten, dass der Junge zu Hause ist. Zu Hause sein heißt da sein, wo man eigentlich hingehört. Im Ursprung gibt es keine Differenzierung, und es verschwindet sogar die Bestimmung „keine Differenzierung”. Es gibt nichts als die Wahrheit. Der Mond scheint herrlich, und der Junge sieht dessen klares Licht. Er weiß zwar, dass der Mondschein und er selbst nicht verschiedene Dinge sind, aber er hat vergessen, dass er es weiß.
Er faltet einfach die Hände in Verehrung und genießt damit die harmonisierte Welt durch sein Tun. In dieser Darstellung kann man erkennen, wie der Glaube praktiziert wird. Der Junge akzeptiert jetzt friedlich alles, was geschieht. Er ist so sicher, dass er nicht mehr reflektiert. Diese Sicherheit wird durch die Buddha-Natur selbst bewirkt. Hier liegt der Unterschied zum Anfangszustand. Das Ergebnis der langen Reise ist der Glaube, entstanden aus der Übungspraxis, nämlich aus dem Zähmen des Ochsen.
6. und 7. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag
7 Sep
Das vierte Bild
DER OCHSE WIRD GEFANGEN

Fest muss der Hirt das Leitseil packen
darf es nicht loslassen
denn noch hat der Ochse schlimme Neigungen und wilde Kraft.
Bald rennt er ins Hochland hinauf,
bald läuft er tief in Stätten voller Dunst und Nebel
und verweilt dort.
Endlich fängt der Junge den Ochsen. Das einstige Haustier ist aber nach der langen Zeit der Freiheit wieder wild geworden. Es gehorcht dem Jungen nicht mehr. Jetzt muss er es wieder streng zähmen. Er zieht die Zügel sehr stark an, weil der Ochse irgendwo anders hingehen will. Die Spannung der Zügel beherrscht hier das Bild. Jetzt fängt man die harte Übung an, um sich wieder mit dem wahren Selbst zu harmonisieren. Aber was bedeutet die Wildheit? Es ist, wie im vorigen Bild, wiederum die Projektion des Übenden. Wild ist nicht der Ochse, sondern der Übende selbst, noch genauer, das Ich des Übenden.
Von dieser Phase an bis zur sechsten Phase wird die Auseinandersetzung zwischen dem Ich und dem wahren Selbst eines Individuums besonders thematisiert. Natürlich kann das Individuum im Grunde nicht so aufgeteilt werden. Wie schon im Kommentar zum ersten Bild erwähnt, gibt es am Anfang keine Differenzierung. Erst wenn man bemerkt, dass einem das wahre Selbst fehlt, entsteht das Ich, das Subjekt des Individuums, das der Ursprung aller Differenzierungen ist. Mit „Individuum” ist hier eine konkrete, durch Raum und Zeit bestimmte Person gemeint.
Nun war das Ich weit vom richtigen Weg abgekommen, es tat, was es wollte. Es ist deshalb für den Übenden sehr schwer, seine Lebensweise noch einmal richtig einzustimmen. Im Kommentar wird diese Situation so dargestellt: „Der Ochse kann das duftende Gras nicht verlassen.” So sieht es der Junge. Aber eigentlich ist er es, der das frühere Leben vermisst und nicht der Ochse.
Das wahre Selbst ist an sich gehorsam und bildsam. Es ist der Mensch selbst, der sich die Bildsamkeit verdirbt. Jetzt muss er sich sehr darum bemühen, sich mit dem wahren Selbst zu vereinigen, was als Selbstbildung verstanden werden kann. Die Spannung der Zügel drückt diese Schwierigkeit aus. Es ist die Phase des inneren Kampfes. Man stellt sich vor, dass der Ochse wegläuft und man ihn festhalten muss. Die Tatsache ist aber: Der Ochse hält einen fest. Es ist das wahre Selbst, das die ganze Zeit die Initiative der Erziehung ergreift.
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Das fünfte Bild
DEN OCHSEN ZÄHMEN

Der Hirte darf Peitsche und Leitseil
keinen Augenblick aus der Hand lassen,
sonst läuft der Ochse davon in den Staub.
Recht gezähmt jedoch, wird er sauber und sanft,
gelöst vom Seil, folgt er willig dem Hirten.
Der Junge und der Ochse gehen harmonisch miteinander. Jetzt brauchen die Zügel nicht mehr angezogen zu werden. Wo der Mensch hingeht, folgt der Ochse auch hin. Sie sind noch getrennt, und die Zügel können noch nicht ganz losgelassen werden, es gibt aber keine Spannung mehr zwischen dem Menschen und dem Ochsen, beide sind sehr gelassen. Dieses Bild steht im großen Kontrast zum vorhergehenden Bild. Der wilde Kampf ist der Ruhe gewichen.
Der Junge hat gelernt, zum Ursprung zurückzukehren. Ursprung bedeutet: Ohne Worte hört er, ohne Worte sieht er, ohne Worte handelt er. Im Kommentar von Kakuan dazu heißt es: „Noch ehe ein Gedanke auftaucht, folgt ihm ein anderer nach. Durch das Erwachen wird die Wahrheit erlangt. Durch den Verlust des wahren Selbst entsteht der Irrtum.”
Jetzt gibt es zwar noch etwas Abstand zwischen dem Ich und dem wahren Selbst, aber sie kommen gut miteinander aus. Was man tut, wird unmittelbar richtig, wird jedoch stets auch als „das richtige Handeln” bewusst erkannt. Der Übende ist noch nicht frei von der Reflexion darüber. Die Zügel im Bild repräsentieren das Bewusstsein, das die beiden gleichrangigen Elemente, das Ich und das wahre Selbst, verbindet. Einmal taucht das wahre Selbst zur Oberfläche auf, dann folgt ihm das Ich schnell hinterher. Ein andermal herrscht das Ich vollkommen, dennoch wird es vom wahren Selbst ganz natürlich unterstützt.
4. und 5. Bild: Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlagden
4 Aug
In ihrem Buch “Ewig üben -Die Pädagogik des Zenmeisters” (Waxmann 2009) stellt die Japanerin Mariko Fuchs u.a. anhand der “Zehn Ochsenbilder” den Übungsprozess im Zen-Buddhismus dar. Diese Zeichnungen waren eng mit der Entstehung der Koan-Übungen der Rinzai-Schule verbunden. Das Arbeiten mit den Koans bedurfte nämlich einer methodischen Führung, die nicht spontan, sondern zielbewusst und effektvoll erfolgen sollte.
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Das erste Bild
NACH DEM OCHSEN SUCHEN

“Das erste Bild zeigt, wie ein Hirtenjunge alleine auf einem Feld steht. Er hat seinen Kopf gedreht, um nach dem weggelaufenen Ochsen zu suchen. Das Fehlen und die Suche sind das wichtige Motiv in diesem Bild. Die Betonung liegt auf der Abwesenheit des Haustiers. Bis dahin war er sich des Tieres nie explizit bewusst. Der Ochse war immer da, und der Junge kümmerte sich nicht besonders um dessen Existenz. Plötzlich ist diese Harmonie verloren gegangen. Angst erfasst den Jungen. Er beschließt, den Ochsen zurückzuholen.
Das ist der Anfang der Geschichte. Wie ist sie zu deuten? Es ist selbstverständlich, dass der Junge den Übenden symbolisiert und seine Suche den Übungsprozess. Was aber soll der Ochse bedeuten? In Indien wurde der Ochse als heiliges Tier und Symbol der Erleuchtung betrachtet, aber in China änderte sich sein heiliger Charakter. Dort lebten und arbeiteten die Menschen immer mit den Ochsen zusammen, und der Ochse wurde ein Teil des alltäglichen Lebens.
In keinem Fall kann der Ochse also entweder das Phänomen der Erleuchtung oder die reine Übungstechnik symbolisieren. Er drückt nur aus, was von Anfang an da ist, was im Alltag stets den Menschen begleitet. In der buddhistischen Terminologie weist er auf die „Buddha-Natur” hin. Auf den pädagogischen Charakter dieser Bilder bezogen, bedeutet der Ochse das zu verwirklichende Selbst, das eigentliche Selbst bzw. das „wahre Selbst”, wie es Ueda nennt.
Daraus ergibt sich: Die notwendige Motivation für die Übung erhält man dann, wenn man das eigene „wahre Selbst” vermisst. Man stellt fest, dass etwas im alltäglichen Leben nicht stimmt und dass man in diesem Zustand nicht mehr leben kann. Nun beginnt die Suche nach dem Eigentlichen, das irgendwo auf einen wartet. Dieser Anfangszustand wird im buddhistischen Dogma als die Entstehung des Bodhi-Geistes erklärt. Jedoch ist er zunächst nur die Betrachtungsweise des Übenden.
Tatsächlich aber ist er bereits nichts anderes als dieses Selbst, welches die Suche dynamisch einleitet. Man kann gar nicht anders handeln. Unabhängig von dem Willen des Übenden führt es ihn auf einen langen Weg. Die Initiative geht also nicht von dem Übenden aus, sondern vom „wahren Selbst”. Für Außenstehende erscheint der sich auf den Weg Begebende sehr irrational. Das trifft aber mehr oder weniger auch auf andere religiöse Verhaltensweisen zu.
Das erste Ochsenbild verweist auf zwei Merkwürdigkeiten: Erstens ist das zu verwirklichende Selbst das ursprüngliche Selbst. Der Junge hatte einmal den Ochsen zu Hause, nun will er ihn zurückgewinnen. Die Selbstverwirklichung in diesen Bildern bedeutet, zum Ursprung zurückzukehren. Im Vergleich zur herkömmlichen Bildung, bei der man das gegenwärtige Selbst aufhebt, um etwas „Besseres” an seine Stelle zu setzen, geht es beim Zen um etwas anderes.
Zweitens ist der Kommentar von Kakuan zu diesem Bild sehr ironisch. Er sagt wörtlich: „Von Anfang an nicht verloren.” Er erklärt, dass das Verlieren des wahren Selbst nur eine Illusion ist und dass die Suche danach eigentlich überflüssig ist. Je weiter man geht, desto mehr verirrt man sich. Das heißt also, dass die ursprüngliche Kraft, die einen zur Selbstverwirklichung zu führen scheint, in Wahrheit auch eine Einbildung ist und auf einer falschen Denkweise des Menschen beruht, die „auf das Unterscheiden zwischen Ja und Nein und das Urteilen über Gut und Böse” fixiert ist. Wenn man darüber nachdenkt, den Ochsen verloren zu haben bzw. ihn wiederzufinden, befindet man sich schon im Irrtum.
Zusammenfassend kann man sagen: Die Bildsamkeit des Menschen beruht darauf, dass alle Menschen schon das „wahre Selbst” in sich haben, das allerdings erst mithilfe der differenzierenden Sprache („gut”/„böse” etc.) entwickelt werden kann. Denn diese Übungsreise wird durch den bewusst gewordenen Verlust des Ochsen hervorgerufen, nämlich durch die bewusste Unterscheidung zwischen Sein und Nicht-Sein. Wichtig dabei ist, dass ohne die Kraft des wahren Selbst die Übung überhaupt nicht beginnt, dass aber dieser Beginn, wie oben dargelegt, auf einem fundamentalen Irrtum basiert. Diesen Widerspruch muss der Übende zunächst einmal übernehmen, und die Auseinandersetzung damit bleibt stets der Leitfaden der Übung.”
Auszüge aus „Ewig üben - Die Pädagogik des Zenmeisters” von Mariko Fuchs, Waxmann-Verlag
10 Sep
“Zen ist kein System, das sich auf Logik und Analyse gründet. Wenn es irgendetwas ist, so ist es das Gegenteil von Logik, unter der ich die dualistische Denkweise verstehe. . . . Weder hat Zen uns auf dem Wege intellektueller Analyse etwas zu lehren, noch enthält es irgendwelche feste Lehrmeinungen, die seine Anhänger annehmen müssten. In dieser Beziehung ist Zen völlig chaotisch, wenn man so sagen will. Wahrscheinlich werden Zen-Anhänger eine Menge von Lehrmeinungen haben, aber sie haben sie auf ihre eigene Rechnung und zu ihrem eigenen Besten; sie verdanken sie nicht dem Zen.
So gibt es im Zen auch weder heilige Bücher noch dogmatische Lehrsätze, noch irgendwelche symbolische Formeln, die das Wesen des Zen zugänglich machen könnten. Werde ich also gefragt, was Zen lehrt, so muss ich antworten, dass Zen nichts lehrt. Was immer für Lehren es im Zen gibt, sie kommen aus dem eigenen Inneren jedes einzelnen. Wir sind selbst unsere Lehrer; Zen weist nur den Weg. Mag dieses Wegweisen eine Lehre sein, so gibt es im Zen doch nichts, was als grundsätzliche Lehre oder philosophische Basis bezeichnet werden könnte. . . .
4 Apr
Die Wurzeln des Zen reichen 2.500 Jahre zurück bis zum historischen Buddha in Indien. Sein Leben zeigt als ältestes Vorbild der Menschheitsgeschichte, wie man aus eigener Kraft ohne „überirdische“ Unterstützung zu Erleuchtung und Vollkommenheit gelangen kann. Buddha war auch der erste, der die ursprüngliche Yoga-Meditation aus ihrer asketischen Einengung der Weltabkehr befreite und in eine praktische Übung für jeden zur Bewältigung seiner Lebensaufgabe umwandelte.
Im sechsten Jahrhundert brachte der legendäre Patriarch Bodhidharma dieses Gedankengut nach China. Der Legende nach übte er dort neun Jahre lang vor einer Felswand das „Sitzen in Versunkenheit“. Seine Lehre, der stark auf die Meditation ausgerichtete Dhyana-Buddhismus, entwickelte sich unter taoistischen und konfuzianischen Einflüssen zur chinesischen Urvariante des Zen zum Chan-na: kurz Chan genannt.
Im Lauf der folgenden Jahrhunderte bildeten sich in China unter den großen, bis heute maßgeblichen Meistern bedeutende Chan-Schulen heraus. Zwei davon gelangten als Rinzai- und Soto-Schule im 13. Jahrhundert nach Japan, wo sie unter der Bezeichnung «Zen» (Abkürzung von Zenno / Zenna, der japanischen Lesart von Channa) weitere berühmte Meister hervorbrachten und noch heute existieren.
Alle großen Zen-Schulen waren und sind sich darin einig, dass Buddha weder eine menschliche Gottheit noch der Schöpfer der Welt ist, sondern ein Mensch. Buddha Shakyamuni wird verehrt, weil seine Dharma-Lehre eine der ältesten Erlösungslehren der Erde ist, deren Schöpfer wir kennen und der noch heute Millionen Anhänger hat.
Und er war nicht der einzige Buddha, vor ihm und nach ihm gab es noch andere Buddhas, die eine fast ebenso tiefe Einsicht erreicht haben. Jeder Mensch kann zum Buddha werden, denn er trägt die „Buddha-Natur“, den Ansatz der Vollkommenheit in sich, um sich von den Ursachen des Leids (Begierde, Hass, Verblendung) befreien zu können.